Ein Jahr Taliban-Herrschaft

Afghanistan: Der eine schaffte es raus, der andere nicht

Zwei Schicksale nach der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan vor einem Jahr: ein ehemaliger Soldat, der sich seither versteckt hält, und ein NGO-Gründer, der ausgeflogen wurde. [E-Paper]

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Von Emran Feroz, Edith Meinhart und Robert Treichler 

Die Geheimdienstaktion war nach allen Kriterien ein Erfolg: Die Zielperson, Ayman al-Zawahiri, der höchstrangige Befehlshaber der islamistischen Terrororganisation Al Kaida, ist tot; niemand sonst sei zu Schaden gekommen. Keiner der ausführenden Agenten hatte sich einem Risiko ausgesetzt, denn der entscheidende Schlag erfolgte am Sonntagmorgen um 6.18 Uhr Ortszeit in Kabul mittels einer Drohne. Also trat US-Präsident Joe Biden vor eine Kamera und verkündete stolz, dass einer der bestimmenden Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 ausgeschaltet worden sei – und dass er sein Versprechen, in Afghanistan weiterhin gegen den Terror zu kämpfen, gehalten habe.

All das ist nicht falsch, und dennoch rückt die Kommandoaktion trotz ihres beabsichtigten Ausgangs den Fokus erneut auf ein unrühmliches Kapitel in der Kriegsgeschichte der USA und ihrer Verbündeten: den Abzug aus Afghanistan. Vor ziemlich genau einem Jahr, am 15. August 2021, flüchtete Staatspräsident Aschraf Ghani mit ein paar seiner engsten Vertrauten nach Usbekistan. Am Tag zuvor hatte US-Außenminister Anthony Blinken noch mit den Taliban über eine geordnete Machtübergabe verhandelt. Doch es endete im Chaos.

Die Taliban hatten eine Provinz nach der anderen unter ihre Kontrolle gebracht und sich immer näher an die Hauptstadt Kabul herangearbeitet. Die USA, nach 20 langen Jahren kriegsmüde und ohne Idee, wie sie ihre Ziele – ein demokratisches, modernisiertes Land – erreichen sollten, wollten ohnehin weg. Allerdings nicht fluchtartig.

Jetzt, ein Jahr später, präsentiert sich Afghanistan genau so, wie man es hatte verhindern wollen: Keine Rede davon, dass Mädchen eine Mittelschule besuchen dürfen, wie es das Regime anfangs in Aussicht gestellt hatte. Die Repression gegen Frauen hat sich seit der ersten Herrschaft ab Mitte der 1990er-Jahre kaum geändert. Sie haben nicht das Recht, sich uneingeschränkt frei zu bewegen und zu arbeiten. All das hat die internationale Isolation des Landes verschärft und auch die humanitäre Hilfe reduziert.

profil beschreibt die Schicksale zweier Afghanen, deren Lebenswege sich seit der Machtübernahme durch die Taliban vor einem Jahr radikal änderten. Einer der beiden, ein ehemaliger Soldat der afghanischen Armee, hält sich seither versteckt. Der andere, Abdul Ghafoor, 36, ist eine der sieben Personen, die mit dem ersten Flugzeug der Deutschen Bundeswehr ausgeflogen wurden. Er lebt heute in Kassel.

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