Der britische Außenpolitiker Tom Tugendhat

Der britische Außenpolitiker Tom Tugendhat

© PRU/AFP

20 Jahre nach 9/11
09/05/2021

Afghanistan: „Manchmal entscheidet der Feind“

Der britische Außenpolitiker und Ex-Soldat Tom Tugendhat verteidigt im Interview militärische Interventionen und hofft auf verstärkte Kooperation mit Europa.

von Tessa Szyszkowitz

Tom Tugendhat, 48, ist Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses im britischen Unterhaus. Der britische Journalist und Reservesoldat ging nach 9/11 in die Armee. Ab 2003 war er im Iraq und Afghanistan im Einsatz für den Krieg gegen den Terror. Der konservative Abgeordnete stammt aus einer jüdischen Familie aus Österreich, sein Großvater wurde in Wien geboren. 2016 war Tugendhat gegen den Brexit, heute hat er sich mit den Realitäten abgefunden. Naja, vielleicht nicht ganz.

Profil: Das Fiasko des Abzugs aus Afghanistans beherrscht derzeit die Nachrichten. Sie haben in einer Rede im Parlament gesagt: “Ich habe gute Männer in die Erde gehen sehen und sie haben ein Stück von mir mitgenommen.” Sind alle diese Soldaten umsonst gestorben?

Tugendhat: Nur weil Präsident Biden sich gelangweilt hat und seine Truppen abgezogen hat, heisst das ja nicht, dass der Einsatz in Afghanistan kein Erfolg war. Das Land hat sich in diesen zwanzig Jahren verändert. Kabul ist eine andere Stadt, Frauen und Mädchen haben jetzt ein völlig anderes Leben gelebt. Die Wirtschaft hatte sich verändert, die Bevölkerung ist gewachsen.

Profil: Afghanistan ist doch gleich wieder an die Taliban gefallen, der Aufbau unabhängiger, lokaler Strukturen hat nicht funktioniert. Haben internationale Interventionen ausgedient?

Tugendhat: Wer sagt, internationale Interventionen funktionierten nicht? In Südkorea hatten wir nach dem Koreakrieg einen Waffenstillstand mit einer korrupten, militärischen Diktatur und einer Wirtschaft von der Größe des Kongo. Schauen Sie sich das Land heute an: eine starke Demokratie mit einer brummenden Wirtschaft. Oder nehmen Sie das Beispiel Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg zweifelten viele daran, ob Deutschland den Weg zurück in die zivilisierte Welt schaffen würde. Heute ist Deutschland einer der wichtigsten Pfeiler der Demokratie in dieser Welt.

Profil: Hatte die britische Regierung eine Wahl, hätten die Nato-Partner ohne USA bleiben können?

Tugendhat: Ich werfe der Nato vor, dass sie Afghanistan wie eine amerikanische Operation behandelt hat. Denn das war es nicht. Nach 9/11 hat man für die Intervention in Afghanistan zum ersten Mal den Artikel 5 der Allianz, der die kollektive Verteidigung betrifft, zum Einsatz gebracht. Deutschland und sogar Schweden, ein Land, das nicht einmal in der Nato ist, haben wichtige Rollen übernommen. Dass wir erlaubt haben, dass es einfach eine Entscheidung eines US-Präsidenten wurde, ob diese Mission weitergeführt wird oder nicht, zeigt, dass die Nato nicht genug investiert hat. Die letzten drei US-Präsidenten haben es kristallklar gemacht, dass die amerikanische Unterstützung nicht bedingungslos ist. Es braucht Kooperation und Investitionen. Viele Partner haben verabsäumt, sich richtig zu engagieren.

Profil: Wo waren Sie denn 9/11?

Tugendhat: 9/11 hat mein Leben verändert. Ich war damals noch Journalist und Reservesoldat, aber nach den Anschlägen auf Amerika ging ich in die Armee. 9/11 hat uns alle fundamental verändert. 9/11 markierte das Ende einer Ära  - Demokratie und liberale Wirtschaften waren bis dahin die dominante Staatsform unserer Generation. 9/11 war der Moment, als andere Systeme und Organisationen begonnen haben, die Demokratie herauszufordern. Zuerst war es ein transnationales Konzept einer Ideologie, die auf dem radikalen Islam basiert. Seitdem haben wir eine zweite Herausforderung: Staats-Autoritarismus und Einparteienherrschaft. Wie in China zum Beispiel. 9/11 hat deutlich gemacht, dass wir alle, ob in Österreich, Deutschland, Britannien oder Amerika, dass wir alle davon betroffen sind und dass wir uns in einem Wettkampf mit all jenen befinden, die Demokratie und unsere Werte herausfordern – Peking ebenso wie der radikale Islam.

Profil: Präsident Biden sagt, es gibt künftig keine Stiefel am Boden mehr und nur noch Operationen “über dem Horizont”. Wird er das schaffen?

Tugendhat: Das kann man schon planen, aber es kommt manchmal anders. Die Amerikaner hatten auch einen friedlichen Abzug aus Afghanistan geplant und das ist nicht passiert. Jeder politische Führer will immer alles anders machen als der Vorgänger. Auch George W Bush wollte keine militärischen Interventionen mehr und wurde doch durch 9/11 hineingezogen. Die Wahrheit ist: Manchmal entscheidet der Feind.

Profil: Können die Briten ohne Amerikaner ernsthaft an militärische Interventionen denken?

Tugendhat: Für die Briten ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass wir unsere eigenen Kapazitäten haben und unsere eigenen Alliierten. Neben den USA ist das Deutschland. Und Frankreich. Und Japan, Australien, die Türkei, Griechenland und ja, auch Litauen. Die Deutschen sind sich dem vielleicht nicht bewusst, aber wir haben eine fantastische, enge Beziehung mit Deutschland, wenn es um Sicherheitsdienste geht. Militärisch sind die Franzosen uns in vieler Hinsicht sogar näher als die Amerikaner. Wir sind etwa gleich groß als Nation und unsere Piloten sind es gewohnt, sogar unsere Flugzeuge gegenseitig zu fliegen.

Profil: Sind militärische Missionen nicht trotzdem aus der Mode gekommen? Amerika kümmert sich um sich selbst – das hat vielleicht auch Vorteile?

Tugendhat: Es ist immer richtig, die eigenen Werte zu verteidigen. Deshalb haben wir Briten eine Armee. Es ist unsere fundamentale Aufgabe, Schwache gegen Starke zu verteidigen. Und die britischen Interessen und die unserer Partner rund um die Welt. Ich empfinde nichts anderes als Stolz für diese Männer, mit denen ich in Afghanistan gedient haben. Und ich bin dankbar für das, was sie getan haben. Afghanistan war ja auch keine militärische Niederlage. 2500 US-Soldaten sind gestorben und 750 britische Soldaten? Das ist keine Niederlage. Die Amerikaner haben immer noch zigtausende Soldaten am Golf, in Südkorea, in Japan, im Kosovo und allein in Deutschland 40.000. Das sind keine Besatzungstruppen, und das ist auch kein “immerwährender Krieg”. Das ist eine ernsthafte Investition in den Frieden.

Profil: Wie geht es in Afghanistan jetzt weiter?

Tugendhat: Es ist zu früh, ich kann Ihnen darauf noch keine Antwort geben. Wir werden sehen, inwieweit wir mit den Siegern, den Taleban, verhandeln können.

Profil: Haben Sie Ihren Übersetzer und seine Familie schon ausfliegen können?

Tugendhat: Nein.

Profil: Nicht mal Sie haben genug Einfluss, um Ihren Mitarbeiter zu retten?

Tugendhat: Ich habe persönlich mit dem britischen Premierminister, mit dem Außenminister, mit dem Verteidigungsminister, dem nationalen Sicherheitsberater und dem Geheimdienstchef gesprochen. Und nein, ich konnte meinen Übersetzer und die anderen, für dich ich mich gerade einsetze, bisher nicht nach Großbritannien bringen.

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