Fuat Sanac über den Terror in Frankreich: "Das ist unislamisch"

Fuat Sanac über den Terror in Frankreich: "Das ist unislamisch"

Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, über das Verhältnis seiner Religion zu Terror und mittelalterlichen Gesetzen.

profil: Wie ist Ihre erste Reaktion auf das Attentat in Paris?
Fuat Sanac: Wir leben nicht nur als Muslime, sondern auch als ganze Menschheit in einer schrecklichen und schwierigen Zeit. Ich bin sehr erschrocken. Zwölf Personen wurden in Paris getötet. Unvorstellbar! Es ist niemals ein Anlass, jemanden zu töten, nur weil er dieses oder jenes gesagt oder gemacht hat, wie etwa Karikaturen. Das ist unislamisch, unreligiös und unmenschlich. Vor allem unmenschlich! Der Prophet wurde so oft angegriffen, oder beleidigt. Seine Antwort war: "Sie wissen nicht, was sie tun. Wenn sie gewusst hätten, was ich sage, dann hätten sie das nie getan. Gott möge ihnen verzeihen.“ Unser Problem heute ist: Jeder macht sich seinen eigenen Islam.

profil: Wenn Terroristen im Namen des Islam handeln, kann man dann von islamischem Terror sprechen?
Sanac: Terrorismus ist ein individuelles Problem. Terrorismus hat keine Religion. Es stimmt schon, derzeit sind muslimische Terroristen aktiver. Doch es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen muslimischen, christlichen oder jüdischen Terroristen. Wir leben in einer Krisenzeit, und diese Krise können wir nur überwinden, wenn wir alle, egal ob Juden, Christen, Muslime oder Atheisten, gemeinsam dagegen ankämpfen. Ich appelliere immer wieder an die Mehrheit der Muslime, dass sie auch Reaktionen zeigen. Der Großteil schweigt. Das ist schlecht. Die islamischen Gelehrten dürfen nicht aufhören zu betonen, dass die Taten der Terroristen absolut unislamisch sind.

profil: Der konkrete Fall ist besonders heikel: Die französische Zeitung "Charlie Hebdo“ ist international berühmt - und umstritten -, weil sie die Mohammed-Karikaturen abgedruckt hat. Sie sagen, es sei unislamisch, jemanden deshalb zu töten. Aber in vielen islamischen Ländern steht auf das Delikt der Blasphemie die Todesstrafe. Ist das folgerichtig demnach auch unislamisch?
Sanac: Welches Land meinen sie konkret?

profil: Sudan, Jemen, Iran, Saudi-Arabien, Katar, Pakistan, Afghanistan, Somalia, Mauretanien. In diesen islamisch geprägten Ländern kann Apostasie, also das Abfallen vom islamischen Glauben, mit dem Tode bestraft werden.
Sanac: Aus der Geschichte des Islam wissen wir, dass niemand umgebracht wurde, weil er seine Religion geändert hat. Ein Beispiel dafür ist das Osmanische Reich, das 400 Jahre auf dem Balkan geherrscht hat. Ich rede von der Geschichte.

profil: Wir sprechen von jetzt existierenden Staaten mit islamischer Verfassung.
Sanac: Manche Länder werden von Familienclans beherrscht. Wenn jemand etwas gegen einen anderen Clan hat, wird der Vorwurf der Apostasie erhoben und der Feind umgebracht. Das Schlimme ist: Die Muslime erleben heute gewissermaßen die Zeit des europäischen Mittelalters. Auf der ganzen Welt gibt es offiziell vier muslimische Staaten. Alle anderen sind mehr oder weniger säkular und nur mehrheitlich muslimisch. Die islamischen Republiken sind: Iran, Afghanistan, Sudan und Pakistan.

profil: Um darauf zurückzukommen: Dann behaupten Sie, dass die islamische Republik Pakistan unislamisch ist?
Sanac: Es ist nicht meine Aufgabe und steht nicht in meiner Kompetenz zu behaupten, ob ein Staat islamisch oder unislamisch ist. Ich kann nur sagen, diese oder jene Tat ist unislamisch. Die Todesstrafe wird meist aus politischen Gründen verhängt. Alles können wir nicht mit dem Islam erklären.

profil: Staaten wie Pakistan verhängen wegen Gotteslästerung die Todesstrafe und berufen sich dabei auf den Islam. Die Terroristen in Paris töten Karikaturisten wegen Gotteslästerung. Sehen Sie da keine Parallele?
Sanac: Es gibt in der islamischen Welt viele Bücher, die gegen Religion und Propheten geschrieben worden sind. Jetzt wird der Islam politisiert, das ist das Gefährlichste. Der Islam selbst ist nicht politisch, er wird jedoch ideologisiert. Eigentlich ist der Islam juristisch dazu da, um Rechte zu garantieren: den Schutz des Lebens, den Schutz des Verstandes, den Schutz des Hab und Gutes, den Schutz der Religion.

profil: Wenn aber in den islamischen Ländern genau das nicht geschieht? Wenn man von Rechts wegen getötet wird, weil man Mohammed beleidigt hat? Wo ist die Bewegung von muslimischen Intellektuellen, Gelehrten und Funktionären wie Sie, die sagen, dass in diesen Ländern unislamisch gehandelt wird?
Sanac: Das sagen Millionen Muslime, und es wird auch seitens der muslimischen Intellektuellen geschrieben, dass Terrorismus ein Verbrechen gegen Menschlichkeit und unislamisch ist. Aber das will der eine oder der andere nicht hören.

profil: Was sagen Sie als Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft?
Sanac: Ich kann nicht sagen, ob es islamisch oder unislamisch ist. Das ist die Aufgabe eines Muftis. Ich finde nicht richtig, was dort geschieht. Ich finde es schrecklich und unmenschlich. Die pakistanische oder eine andere Regierung soll sich um die Armut im Land kümmern, anstatt Jugendliche zu bestrafen, die Wände von Moscheen beschmieren.

profil: Sie haben eine politische Funktion. Sie und ihre Amtskollegen in anderen europäischen Ländern könnten doch sagen: "Wir sind dafür, dass illiberale Religionsgesetze in den islamischen Ländern geändert werden.“
Sanac: Ich bin kein Papst und nicht für die ganze Welt zuständig. Es ist mir nicht erlaubt, mich in interne Angelegenheiten einzumischen.

profil: So wird es nie einen Islam geben, der europäische Werte integriert.
Sanac: Wir reden über Österreich, weil ich für Österreich zuständig bin. Unsere islamische Glaubensgemeinschaft hat um die 400.000 Mitglieder. Mit dieser Glaubensgemeinschaft können wir nicht die Probleme von Ägypten bis Pakistan lösen. Das bringt nichts und würde auch unsere eigene Gemeinde spalten, wenn wir die ausländischen Probleme nach Österreich bringen.

profil: Damit überlassen Sie das Feld den Fanatikern und Terroristen.
Sanac: Es steht nicht in unserer Macht, die Probleme im Ausland zu lösen. Und uns über alles zu äußern. Selbst Staatschefs mischen sich nicht auf solche Weise in die Rechtsprechung anderer Länder ein! Auch nicht der Papst. Auch er redet nur allgemein. Alles andere wäre eine Verletzung der inneren Angelegenheiten.

profil: Können Sie für Nicht-Muslime das Bilderverbot erläutern, das Abbildungen von Mohammed untersagt?
Sanac: Sunnitische Gelehrte haben gesagt, wir können unseren Propheten nicht mit einem Bild vergleichen. Deshalb sei es besser, kein Bild von ihm zu machen. Das ist eine spätere Empfehlung der Rechtsschule, und viele Muslime haben sich nicht daran gehalten. Bei den Schiiten etwa gibt es Darstellungen von Mohammed und auch von Ali, Mohammeds Cousin.

profil: Das heißt, es gibt aus islamischer Sicht keinen Grund, weshalb "Charlie Hebdo“ die Mohammed-Karikaturen nicht hätte veröffentlichen sollen?
Sanac: Es gab so viele Bilder, keiner hat sich je deshalb gerächt. Niemand hat das Recht, jemanden zu töten oder zu bestrafen, weil er Kritik geübt hat.

profil: Zur Präzisierung: Es geht nicht bloß um ein Abbild, sondern um eine Karikatur, also eine spöttische Darstellung von Mohammed. Wie stehen sie dazu?
Sanac: Das kann eine Herabwürdigung einer Religion sein, wie viele auch behaupten, ist jedoch keine Rechtfertigung.

profil: Dennoch hat "Charlie Hebdo“ aus Ihrer Sicht das Recht, die Karikaturen zu veröffentlichen?
Sanac: Ja, ich bitte Sie! Und ich frage Sie: Wem nützt ein Attentat denn am meisten, und wem schadet es am meisten? Wer sind die Opfer? Die unschuldigen Menschen und dadurch auch die Muslime auf der ganzen Welt.

profil: Die Opfer sind sieben Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin von "Charlie Hebdo“, ein Gast der Redaktion, eine Reinigungskraft und zwei Polizisten.
Sanac: Die Täter müssen bestraft werden! Aber ich frage Sie: Wer hat die Täter, meist junge Leute, derart verhetzt, dass sie solche unmenschlichen Dinge tun? Wir müssen uns auch darüber Gedanken machen.

profil: Vielleicht Leute wie Yusuf al-Qaradawi, der regelmäßig auf dem arabischen TV-Sender Al Jazeera predigt und unter anderem Selbstmordanschläge sogar auf israelische Frauen und Kinder gutheißt?
Sanac: Das kann ich nicht bestätigen. Ich habe nie gehört, dass al-Qaradawi Terrorismus gelobt hat, im Gegenteil! Er hat gesagt, wir dürfen während der Kriegszeit nicht über Tod, Krieg und Mord sprechen. Wir sollen leise auf die Straße gehen und protestieren. Eine einzige Person zu töten, bedeutet gemäß dem Koran, dass man die ganze Menschheit umgebracht hat.

profil: An anderen Stellen im Koran kann man sehr wohl lesen, dass Mord gerechtfertigt ist.
Sanac: Koran rechtfertigt nirgendwo den Mord. Es geht um kriegerische Auseinandersetzungen. Das finden Sie in jedem Religionsbuch. Auch in der Bibel.

profil: Allerdings nehmen die Christen das seit Jahrhunderten nicht mehr wörtlich.
Sanac: Alle offiziellen Stellen distanzieren sich vom Terrorismus, speziell von den IS-Terroristen. Jeder, auch in Saudi-Arabien, Katar und Istanbul, wo auch bei den Friedensveranstaltungen dabei war.

profil: Sich vom Terror zu distanzieren, ist leicht. Es ist hingegen einigermaßen absurd, Terror zu verurteilen und gleichzeitig Leute umzubringen, weil sie sich angeblich der Gotteslästerung schuldig machen - wie etwa Saudi-Arabien es tut.
Sanac: Einer der besten Freunde Saudi Arabiens ist Österreich.

Fuat Sanac, 61
Der in der Türkei geborene Doktor der Philosophie ist seit 2011 Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ). Er kam 1982 nach Österreich und arbeitete als islamischer Religionslehrer.