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Straße von Hormus: JederPunkt und jeder Pfeil stellen je ein Schiff dar. Der Verkehr ruht.
© AFP/APA/AFP
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Straße von Hormus: JederPunkt und jeder Pfeil stellen je ein Schiff dar. Der Verkehr ruht.
Irankrieg: Endspiel in Hormus
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Esmail Baghaei, der oberste Sprecher des iranischen Außenministeriums, blickt hinter seiner dünnrandigen Brille ernst drein. Hinter ihm an der blauen Wand sind mit grauen Linien die Konturen einer Weltkarte gezeichnet, rechts und links neben ihm steht je eine Flagge des Iran. Ein Journalist stellt eine ungewöhnlich provokante Frage: „Die USA sind eine Supermacht. Welche Mittel haben Sie ihr entgegenzusetzen, und warum ziehen Sie sich nicht zurück und geben nach?“ Baghaei verzieht keine Miene und antwortet mit einem einzigen Satz: „Der Iran ist auch eine Supermacht.“
In dieser Aussage stecken trotziger Stolz und absichtsvolle Propaganda, aber auch die Erfahrung aus Jahrhunderten persischer Geschichte und die Überzeugung, dass der Iran über eine Waffe verfügt, die ihm unvermutet den Status einer De-facto-Supermacht verleiht: die Herrschaft über die Straße von Hormus. Mit dem Namen dieser Meeresenge verbindet die Weltöffentlichkeit seit Wochen eine Treibstoffkrise, steigende Benzinpreise und eine verwirrende Blockadepolitik des Iran und der USA. Für Iraner jedoch schwingt in dem Begriff etwas mit, das ein altes persisches Sprichwort so ausdrückt: „Wäre die Welt ein Ring, Hormus wäre das Juwel darin.“
Der legendäre venezianische Asien-Reisende Marco Polo soll im April 1293 den Hafenort Hormus erreicht haben, und er wird im 1871 erschienenen Werk „The Book of Ser Marco Polo“ des Orientalisten Henry Yule mit folgendem Satz zitiert: „Es gibt viele Städte und Dörfer, die Handel treiben, doch dies ist die bedeutendste.“ Dort würden Händler aus Indien ankommen, beladen „mit Gewürzen und Edelsteinen, Perlen, Seidenstoffen und Gold, Elefantenzähnen und vielen anderen Waren, die sie an die Händler von Hormus verkaufen, welche diese wiederum auf der ganzen Welt veräußern“. Im 16. Jahrhundert soll das Handelsvolumen zwischen Indien und dem Hafen an der Straße von Hormus jährlich etwa 10.000 Tonnen ausgemacht haben.
De La Mazarine, The Travels of Marco Polo
Historische Darstellung der Ankunft Marco Polos in Hormus im Jahr 1293
© Universal Images Group via Getty/Photo12/Universal Images Group via Getty Images
De La Mazarine, The Travels of Marco Polo
Historische Darstellung der Ankunft Marco Polos in Hormus im Jahr 1293
Hormus war erst der Name des Hafens, bald auch der der ihm gegenüberliegenden Insel und schließlich bis heute jener der Meerenge. Wer in Hormus das Sagen hatte, kontrollierte den Zugang zum Persischen Golf.
Sultan bin Muhammad al-Qasimi, Historiker und Mitglied des Obersten Rates der Vereinigten Arabischen Emirate, beschreibt in seinem Buch „Machtkämpfe und Handel in der Golfregion 1620–1820“, wie die Herrschaft über Hormus von Portugal auf die Perser überging. 1507 eroberten die Portugiesen unter der Führung der Admiräle Alfonso de Albuquerque und Tristão da Cunha die Stadt Hormus, und in der Folge blieb das Königreich Portugal mehr als 100 Jahre lang die dominante Macht im Persischen Golf. Genauer gesagt bis 1622, als die Safawiden, eine schiitische Herrscherdynastie in Persien, gemeinsam mit den Engländern die Portugiesen besiegten. Dieses Ereignis feiert der Iran jedes Jahr seit 2005 am 29. oder 30. April als Nationalfeiertag des Persischen Golfs. Feste, Sonderbriefmarken und Ausstellungen historischer Karten machen deutlich, dass niemand auf die Idee kommen solle, die Souveränität des Iran über die Straße von Hormus zu bezweifeln oder den Namen „Persischer Golf“ durch einen anderen zu ersetzen.
Am 30. April 2026, mitten im Krieg, verglich Parlamentspräsident Mohammad Ghalibaf in einem Posting auf der Plattform „X“ den Sieg von 1622 über die fremden Besatzer mit der derzeitigen Kontrolle des Iran über die Straße von Hormus und versprach „eine Zukunft ohne die Präsenz und Einmischung Amerikas“.
Schwelgt das iranische Regime in der Historie und verkennt dabei die realen Machtverhältnisse des Jahres 2026? Ist es überhaupt wahr, dass der Iran die Kontrolle über die Meeresenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman innehat? Oder kennt Teheran vielmehr etwas, das Washington noch nicht ganz begriffen hat – den Wert des Juwels Hormus?
Plakat in Teheran: Eine symbolische Darstellung der Straße von Hormus, zusammengenäht über Trumps Gesicht
© AFP/APA/AFP
Plakat in Teheran: Eine symbolische Darstellung der Straße von Hormus, zusammengenäht über Trumps Gesicht
Noch Mitte März sagt US-Präsident Trump, die USA „brauchen die Straße von Hormus nicht“, denn sie würden ihr Öl nicht aus dieser Region beziehen. Dass der Ölpreis weltweit in die Höhe schnellt und damit auch die Benzinpreise in den USA empfindlich verteuert, muss bei Trump erst sickern. Es ist nicht die letzte Fehleinschätzung des Präsidenten und Oberbefehlshabers der US-Streitkräfte.
Ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät die Straße von Hormus gleich zu Beginn des Krieges durch die Blockade des Iran. Das Regime kündigt bereits am 2. März, dem dritten Tag der Kampfhandlungen, an, dass kein Schiff mehr ohne seine Erlaubnis diesen Seeweg befahren dürfe. Es ist das erste Mal, dass Teheran zu dieser Maßnahme gegriffen hatte. Rasch kommt der Frachtverkehr zum Erliegen. Der Ölpreis pendelt seither zwischen 90 und 120 US-Dollar pro Fass. Aber auch andere, üblicherweise in die ganze Welt exportierte Güter wie etwa Düngemittel können die Märkte nicht mehr erreichen. War die Straße von Hormus schon zu Beginn der Neuzeit ein neuralgischer Punkt, so ist sie dank der globalisierten Wirtschaft heute eine lebenswichtige Arterie.
Die USA und Israel haben in den ersten Kriegswochen zwar militärisch ihre Ziele erreicht und weitgehend die Lufthoheit über dem Iran hergestellt, doch allein die Drohung des Regimes in Teheran, Schiffe in der Straße von Hormus mit Drohnen und Raketen zu beschießen, ist von enormer Wirkung. Die Wasserstraße ist schmal, riesige, langsam fahrende Öltanker stellen da denkbar leichte Ziele dar.
Nachdem erste Friedensverhandlungen in Pakistan am 12. April scheitern, verkündet US-Präsident Trump auf seiner Social-Media-Plattform „Truth Social“, die US-Navy werde alle Schiffe „blockieren“, die durch die Straße von Hormus fahren wollen. Iraner, die auf amerikanische Ziele feuerten, würden „in die Hölle gebombt“, fügt Trump hinzu.
Damit ist der Seeweg doppelt gesperrt. Die USA wollen ihrerseits den Iran wirtschaftlich in die Knie zwingen und zur Kapitulation bewegen.
US-Streitkräfte entern ein Frachtschiff, das die US-Blockade der Straße von Hormus zu durchbrechen droht.
© Screenshot X/@CENTCOM
US-Streitkräfte entern ein Frachtschiff, das die US-Blockade der Straße von Hormus zu durchbrechen droht.
Die Operation verläuft spektakulär. Kriegsschiffe und Flugzeuge patrouillieren in dem Gebiet. Soldaten der 31. Marine Expeditionary Unit seilen sich von einem Hubschrauber auf das Deck eines Frachtschiffs ab, das die von den USA verhängte Blockade umgehen will. Sie dringen zur Kommandobrücke vor und zwingen den Kapitän umzudrehen. Die US-Armeeführung veröffentlicht stolz Bilder und Videos solcher Einsätze und meldet die steigende Zahl von Schiffen, die erwischt wurden. 14 Schiffe sind es bis zum 16. April, 39 bis 28. April, 52 bis Donnerstag dieser Woche.
Die Hoffnung des Weißen Hauses, Teheran werde angesichts der Gegenblockade wirtschaftlich zusammenbrechen und politisch einknicken, erweist sich als neuerliche Fehleinschätzung. Die US-Blockade führt lediglich zu einem Patt. Auf der Internet-Wettplattform „polymarket.com“ läuft bis 30. April um Mitternacht eine Wette, dass die Straße von Hormus wieder uneingeschränkt befahrbar sei. Die Antwort lautet am Ende unbestritten „Nein“. Teheran denkt nicht daran, in der Hormus-Frage klein beizugeben.
Also verfällt Trump zusammen mit seinen Militärs auf eine neue Idee. Am Montag dieser Woche startet er die „Operation Project Freedom“. Der Plan sieht vor, die im Persischen Golf seit Wochen festsitzenden Frachtschiffe durch amerikanische Kriegsschiffe und Luftstreitkräfte durch die Straße von Hormus zu begleiten und so die iranische Blockade zu beenden. Militärexperten halten das für ein riskantes, schwer durchzuführendes Manöver.
„Fars Plus“, ein Ableger der iranischen Nachrichtenagentur Fars, veröffentlicht eine Audio-Botschaft der Islamischen Revolutionsgarden, dem bewaffneten Machtapparat des Regimes: „Das ist eine ernste Warnung der Marinestreitkräfte der Islamischen Revolutionsgarden. Die Straße von Hormus bleibt geschlossen.“ Schiffe, die auf der verbotenen Route unterwegs seien, würden „getroffen und zerstört“.
Den ganzen Montag über ist die Situation in der Straße von Hormus völlig unklar. Das US Central Command, die militärische Führung in der Region, gibt bekannt, dass Zerstörer durch die Meerenge in den Persischen Golf gelangt seien und Frachtschiffe auf dem Weg hinausbegleiteten.
Iranische Staatsmedien dementieren dies und behaupten ihrerseits, die iranischen Streitkräfte hätten vor ihrer Küste ein US-Kriegsschiff mit zwei Raketen getroffen. Das wiederum bestreitet die amerikanische Seite.
Geschätzt 2000 Schiffe mit einer Besatzung von insgesamt 20.000 Personen liegen seit Kriegsbeginn im Persischen Golf und können diesen nicht verlassen. Darunter sind auch vier Schiffe von Hapag-Lloyd, einer der größten Container-Reedereien der Welt. In der Unternehmenszentrale in Hamburg verfolgt man seit Kriegsbeginn angespannt die Lage. Ein Containerschiff von Hapa-Lloyd konnte vor Wochen die Straße von Hormus passieren, Details darüber will man nicht preisgeben.
Hanja Maria Richter, eine Sprecherin von Hapag-Lloyd, sagt am Montag gegenüber profil, die Situation sei „volatil“ und alle Entscheidungen basierten auf einer fortlaufenden Sicherheits- und Risikoanalyse. Momentan hieße das, „dass unsere Schiffe die Straße bis auf Weiteres nicht durchqueren“. Die Sicherheit der Crew der vier Schiffe mit insgesamt rund 100 Seefahrern sei „unsere höchste Priorität“. Die Ankündigung der USA, für Begleitschutz zu sorgen, sei noch zu unklar. Die Besatzungen der Hapag-Lloyd-Frachter werde durch Versorgungsschiffe mit Wasser und Proviant beliefert, auch ein Crewwechsel habe stattgefunden, so Hapag-Lloyd-Sprecherin Richter.
Erst am Dienstag gibt die dänische Container-Reederei Maersk bekannt, dass tags zuvor ihr unter US-Flagge fahrendes Handelsschiff „Alliance Fairfax“ am Montag den Persischen Golf über die Straße von Hormus verlassen habe. Das Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate gibt wiederum bekannt, dass eines der Schiffe des staatlichen Ölkonzerns in der Straße von Hormus von einem feindlichen Flugkörper getroffen worden sei.
Die Operation Project Freedom kann zwar auf die Passage zweier Schiffe verweisen, doch an der Lage in der Straße von Hormus ändert sich de facto gar nichts. Die Drohungen des Iran bleiben aufrecht, die Durchfahrt somit zu gefährlich.
US-Präsident Donald Trump: Nach nur 50 Stunden bläst er die Operation Project Freedom wieder ab.
US-Präsident Donald Trump: Nach nur 50 Stunden bläst er die Operation Project Freedom wieder ab.
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US-Präsident Donald Trump: Nach nur 50 Stunden bläst er die Operation Project Freedom wieder ab.
US-Präsident Donald Trump: Nach nur 50 Stunden bläst er die Operation Project Freedom wieder ab.
Am Mittwoch, bloß 50 Stunden nach Beginn der Operation Project Freedom, gibt US-Präsident Trump überraschend bekannt, dass das Unternehmen nach nur zwei Tagen „vorübergehend ausgesetzt“ werde. Die Operation hatte den Waffenstillstand gefährdet und ein Wiederaufflammen der Kampfhandlungen wahrscheinlicher werden lassen. Nicht zum ersten Mal deutet Trump an, dass eine Verhandlungslösung mit dem Iran zum Greifen nahe sei. Der Ölpreis, der in der Zwischenzeit einen Höchststand von knapp über 120 Dollar pro Fass erreicht hatte, sinkt auf knapp über 100 Dollar.
Die US-Nachrichten-Website „Axios“ berichtet, das Weiße Haus habe der iranischen Seite ein Dokument übermittelt, das bloß eine Seite umfasse. In dem Text würden ein Ende des Krieges sowie eine Absichtserklärung vorgeschlagen, wonach etwa der Iran im Gegenzug für die Aufhebung von Sanktionen jegliche Urananreicherung aussetzen müsse. Und: Beide Seiten würden demnach die Straße von Hormus wieder freigeben.
In einer ersten Reaktion antwortet ein Sprecher des iranischen Parlaments, bei dem Papier des Weißen Hauses handle es sich um eine Wunschliste. Esmail Baghaei, der Sprecher des Außenministeriums, verlangt „zumindest einen ernsthaften Versuch, Diskussionen zu beginnen, in der Absicht, den Konflikt zu lösen“. Baghaei, der Mann, der den Iran als „Supermacht“ bezeichnet hat, scheint nach wie vor davon überzeugt, dass sein Land aus dem Krieg als Sieger hervorgeht. Das Regime, das gegenüber der eigenen Bevölkerung mit äußerster Brutalität vorgeht, erlaubt sich keine Anzeichen von Schwäche.
Auf der Wettplattform polymarket.com stehen die Chancen, dass die Straße von Hormus bis 15. Mai wieder gänzlich freigegeben ist, am Donnerstag bei 5,3 Prozent.
Donald Trump versucht es indes erneut mit Optimismus und sagt auf einer Pressekonferenz am Mittwoch im Weißen Haus, der Iran habe einem Verzicht auf Atomwaffen zugestimmt. Dass der US-Präsident dies als Verhandlungserfolg verkauft, lässt erahnen, wie bescheiden die USA in ihren Forderungen geworden sind. Bereits 2005 bekannte die iranische Regierung bei einem Treffen mit der Internationalen Atomenergieagentur (IAES) in Wien in einem offiziellen Statement, dass der Islam den Bau von Atomwaffen verbiete. Es war nie ein Problem, dem Regime in Teheran das Versprechen abzuringen, keine Atomwaffen besitzen zu wollen – viel schwieriger gestaltet es sich jedoch, dies zu überprüfen. Genau das leistete der 2015 in Wien geschlossene Atomdeal, der „Joint Comprehensive Plan of Action“, aus dem Donald Trump in seiner ersten Amtszeit 2018 ausstieg.
Vergessen scheinen auch die Ankündigungen von Donald Trump, wonach das iranische Regime dank der Bombardements der USA und Israels so unter Druck gesetzt würde, dass sein Sturz eine logische Folge sei. Der „Enthauptungsschlag“ – die Tötung des Obersten Führers Ali Khamenei gleich zu Kriegsbeginn – brachte nicht den gewünschten Effekt.
Noch Anfang März hatte Donald Trump vom Regime in Teheran die „bedingungslose Kapitulation“ verlangt. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth behauptete vergangene Woche gegenüber Medien zwar, diese Forderung sei weiter aufrecht, tatsächlich ist davon keine Rede mehr. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe gelangten die Verhandlungen zu keinem Abschluss. Die Erwartungshaltung schwankt zwischen einem Friedensvertrag und einem neuerlichen Aufflammen der Kampfhandlungen.
Wenn das Regime in Teheran auch im Endspiel dieses Krieges noch in der Lage ist, den USA die Stirn zu bieten, so verdankt es dies vor allem einer geografischen Gegebenheit: der Straße von Hormus.
Robert Treichler
Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur.