Militär-Experte: „Auch wenn nur drei Russen in der Botschaft arbeiten, sind zwei von ihnen Spione“
In Bulgarien ist vieles anders, als es auf den ersten Blick scheint. Todor Tagarev sagt das im Verlauf des Gesprächs mehrmals. Er empfängt profil in seinem Büro in der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, kurz BAN. Das Gelände wirkt wie ein Relikt aus der sozialistischen Vergangenheit: kleine Plattenbauten, schachbrettartig angeordnet, minimalistische Fassaden, Marmormosaike. Es sieht aus wie 1989. Und doch hat sich seither alles verändert.
2023 und 2024 diente der Parteilose als Verteidigungsminister in der proeuropäischen Regierung unter dem damaligen Premier Nikolaj Denkov. In dieser Zeit wurde die bulgarische Militärhilfe für die Ukraine deutlich ausgebaut – nicht nur über private Rüstungsunternehmen, sondern auch aus Beständen der Armee, vor allem Munition. Heute berät Tagarev als Experte die NATO und die EU-Kommission, vor allem in Fragen der Verteidigungsindustrie, Cybersicherheit und militärischer Resilienz.
Gerade diese Rolle – und seine offene Kritik an Russlands Einmischung in EU-Staaten – machte ihn selbst zur Zielscheibe. Es gab Drohungen, Diffamierungen und Rufmordkampagnen. Tagarev landete sogar auf einer russischen Liste „russophober“ Personen. Nach Russland reist er seither nicht mehr. „Risikomanagement“, sagt er.
Mit profil spricht er über die Wahl in Bulgarien, die Lage der Ukraine und über die Mechanik russischer Propaganda, deren Wirkung oft dort beginnt, wo sie gar nicht als solche erkannt wird.
Seit vier Jahren wehrt sich die Ukraine gegen die russische Invasion. In welcher Lage befindet sich das Land? Kann es diesen Krieg gewinnen?
Todor Tagarev
Ich habe die Ukraine über Jahre hinweg beraten, zuletzt allerdings nicht mehr so intensiv. Deshalb will ich nicht im Namen der Ukrainer sprechen. Aber schon die Fragestellung halte ich für problematisch. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass die Ukraine diesen Krieg verlieren könnte. Die Ukrainer schlagen sich auf dem Schlachtfeld außerordentlich gut. Angesichts der Propaganda über die angebliche Größe und Stärke des russischen Militärs hätte das kaum jemand erwartet. Natürlich sind vier Jahre eine sehr lange Zeit. Nicht nur die russischen Ressourcen sind erschöpft, sondern auch die ukrainischen. Auf dem Schlachtfeld sehen wir derzeit ein Gleichgewicht. Im vergangenen Jahr haben die Russen etwa 400.000 Soldaten verloren.
Allein im letzten Jahr?
Tagarev
Ja: 400.000 Getötete und Verwundete, um weitere 0,6 oder 0,7 Prozent ukrainischen Territoriums zu erobern. Kürzlich hat jemand die Lage mit dem Ersten Weltkrieg verglichen – und der Vergleich ist nicht ganz falsch. Wir erleben die größte Pattsituation seit damals. Ein paar Meter vor, ein paar Meter zurück. Ich glaube nicht, dass dieser Krieg auf dem Schlachtfeld entschieden wird. Entscheidend werden vielmehr die Unterstützung für die Ukraine und die Wirksamkeit der Sanktionen gegen Russland sein.
Seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt, hält sich die Unterstützung für die Ukraine aber in Grenzen.
Tagarev
Die USA liefern noch einige begrenzte Beiträge im militärischen Bereich, vor allem für Wartung und Instandhaltung von Ausrüstung und Waffensystemen, die bereits in früheren Jahren geliefert wurden. Darüber hinaus gibt es Verkäufe an die Ukraine, die mit EU-Geldern finanziert werden. Bisher war die Europäische Union in der Lage, die geringere amerikanische Unterstützung teilweise zu kompensieren. Die 90 Milliarden (ein EU-Hilfskredit, Anm.) würden der Ukraine für eine gewisse Zeit Sicherheit und Planbarkeit geben. Allerdings blockiert Ungarn diesen Kredit – noch.
Kulturelle Nähe
2023 weitete Todor Tagarev als damaliger Verteidigungsminister die Militärhilfe für die Ukraine aus, was ihn zur Zielscheibe russischer Propaganda machte. Im Bild ist er mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei seinem Staatsbesuch in Bulgarien zu sehen.
Reden wir über Bulgarien. Einerseits ist das Land nach wie vor einer der größten Lieferanten von Munition für die ukrainische Armee. Andererseits ist der russische Einfluss in staatlichen Strukturen weiterhin groß, und fast die Hälfte der Bevölkerung gilt als russlandfreundlich. Wo steht Bulgarien in diesem Konflikt?
Tagarev
Bei uns klaffen Reden und Handeln oft auseinander. Eine frühere Wirtschaftsministerin der Sozialistischen Partei hat zu Beginn des Krieges groß angekündigt: „Ich werde nicht zulassen, dass auch nur eine einzige Kugel in die Ukraine gelangt.“ Das war offenkundig nicht wahr. Wir liefern monatlich sehr viel Munition dorthin. Seit Kriegsbeginn hat sich die Produktion in der Rüstungsindustrie fast verdreifacht. Solche Aussagen dienen dem innenpolitischen Gebrauch. Sie sollen ein paar prorussische Stimmen sichern. Am Ende aber geht es ums Geld. Die Firmen haben an diesen Lieferungen sehr gut verdient, Personal aufgenommen und Gehälter erhöht.
Wie funktionieren diese Lieferungen in der Praxis?
Tagarev
Nicht direkt an die Ukraine, sondern über Zwischenhändler. Manche haben vielleicht bewusst weggesehen und so getan, als wüssten sie nicht, wohin die Munition geht. Das ist heuchlerisch. Aber viele Politiker wollen den prorussischen Teil der Bevölkerung nicht verlieren – und Russland nutzt das sehr geschickt aus.
Welche Rolle spielen die bulgarischen Militärlieferungen für die Ukraine?
Tagarev
Wir haben ziemlich früh damit begonnen. In den ersten Kriegsjahren war die Stimmung im Land aus meiner Sicht deutlich proukrainischer. Bulgarien war in dieser Phase der zweitgrößte Lieferant von Munition und Ersatzteilen sowjetischer beziehungsweise russischer Bauart. Inzwischen ist der Krieg aber stark von Drohnen geprägt. Die Technologie verändert sich rasend schnell. In diesem Bereich sind andere Länder heute wichtiger.
Zur Person
Todor Tagarev (66) ist ein bulgarischer Militärexperte und langjähriges Akteur im bulgarischen Verteidigungsystem. 2023 bis 2024 war er Verteidigungsminister. Er absolvierte als Ingenieur für Automatisierung die bulgarische Militärakademie und diente später in der bulgarischen Luftwaffe. Heute forscht er an der bulgarischen Akademie der Wissenschaft (BAN) und berät auch die EU-Kommission und die NATO. Tagarev gilt im Land als pro-europäisch. Wegen seiner Kritik an Russlands Angriffskrieg und seine militärische Unterstützung für die Ukraine landete er auf der "Liste russophober Personen" des Kreml und meidet seitdem Reisen in die russische Föderation.
Trotzdem will Rheinmetall in Bulgarien eine halbe Milliarde Euro in ein Joint Venture mit der staatlichen Munitionsfabrik VMZ für Munition und Granaten investieren.
Tagarev
Diese Investition ist wichtig für den Standort, aber weniger für die unmittelbare Versorgung der Ukraine. Das Gemeinschaftsunternehmen mit VMZ Sopot ist wichtig für unsere Integration in die europäische und euro-atlantische verteidigungstechnologische und industrielle Basis (EDTIB – European Defence Technological and Industrial Base, Anm.) und damit auch in die europäischen Verteidigungsfähigkeiten.
Für wie realistisch halten Sie es, dass Russland ein weiteres Land angreift?
Tagarev
Viele europäische Rechtsparteien – einige davon übrigens mit Nähe zum Kreml – gehen davon aus, dass Putin uns ohnehin nicht angreifen werde. Aber warum sollten wir ihm glauben? Am 22. Jänner 2022, knapp ein Monat vor der Invasion, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow noch öffentlich: „Die Ukraine angreifen? Seid ihr verrückt? Unmöglich.“ Man sollte dem, was der Kreml sagt, nicht blind vertrauen, sondern beobachten, was er tut und worauf er sich vorbereitet. Natürlich weiß niemand, ob Russland tatsächlich weitergehen wird. Aber viele, mich eingeschlossen, halten das für möglich, wenn Putin die Erfolgschancen als hoch genug einschätzt. Andererseits habe ich zuletzt auch Analysen gelesen, wonach Moskau zunächst versuchen könnte, seinen Einfluss in schwächeren Staaten Zentralasiens und des Kaukasus weiter auszubauen.
Bulgarien wählt am Sonntag ein neues Parlament. Welchen Einfluss hat russische Propaganda im Land – und wo zeigt sie sich konkret?
Tagarev
Zunächst einmal üben prorussische Kräfte Einfluss in mächtigen Institutionen aus, etwa in der orthodoxen Kirche. Der frühere Patriarch hat sich klar gegen Russlands Krieg positioniert. Sein Nachfolger vertritt nun eher prorussische Positionen. Auch in öffentlich finanzierten Medien sieht man häufig eine russische Perspektive.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Tagarev
Russische Propaganda ist schwer zu greifen, gerade weil sie so geschickt funktioniert. Niemand sagt offen: Russland ist großartig und dort ist alles in Ordnung. Stattdessen heißt es: Die EU ist schlecht für uns. Migration. LGBT. Verlust traditioneller Werte. Überregulierung. Niedergang. Europa wird als abschreckendes Beispiel gezeichnet. Und wenn Europa nicht mehr als Vorbild taugt – wer dann?
Diese Nähe zu Russland ist historisch gewachsen. Seit den russisch-türkischen Kriegen des 19. Jahrhunderts wurde Russland in Bulgarien lange als Befreier gesehen. Im Kommunismus wurde dieses Bild weiter verstärkt.
Tagarev
Ich habe einmal in einem öffentlichen Interview die Frage nach Russlands komplexer Rolle in der Geschichte Bulgariens aufgeworfen und eine objektive Behandlung dieses Themas gefordert. Ich habe das auch im Parlament angesprochen. Manche Abgeordnete hätten mich dafür am liebsten gekreuzigt. Ich sagte damals, wir müssten die Geschichtsbücher überarbeiten, damit sie die Beziehungen zwischen Bulgarien und Russland objektiver darstellen. Das löste einen enormen Aufruhr aus. Es läuft immer auf dasselbe hinaus: Die Russen seien unsere Brüder. Aber wer sind dann die Ukrainer? Ich habe viele Kontakte in Russland und in der Ukraine. Und ich kann Ihnen sagen: Kulturell stehen wir den Ukrainern viel näher als den Russen. Über das moderne Russland wissen die meisten Menschen wenig. Über die moderne Ukraine fast gar nichts. Genau deshalb verfängt diese Propaganda.
Die Regierung, der auch Sie angehörten, hat im ersten Kriegsjahr die Hälfte des russischen Botschaftspersonals ausgewiesen – wegen Spionageverdachts. Warum diese drastische Maßnahme?
Tagarev
Selbst wenn nur noch drei Russen in der Botschaft arbeiten, werden zwei von ihnen Spione sein.
Was der KGB früher „aktive Maßnahmen“ nannte, findet heute in viel größerem Umfang statt. Es geht um Einflussnahme in allen Bereichen, in denen sie potenziell nützlich sein kann. Und Putin ist ein KGB-Mann. Das ist das, was er am besten kann.
über Russlands Einfluss in den EU-Staaten
Meinen Sie das ernst?
Tagarev
Warum sollte man daran zweifeln? Spionage funktioniert ja nicht wie in James-Bond-Filmen, in denen jemand geheime Dokumente fotografiert. Sie ist viel subtiler und oft viel banaler. Was der KGB früher „aktive Maßnahmen“ nannte, findet heute in viel größerem Umfang statt. Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren in Sofia einen Minibus gesehen habe, auf dem „Russischer Boxverband“ stand – mit bulgarischem Kennzeichen. Es geht um Einflussnahme in allen Bereichen, in denen sie potenziell nützlich sein kann. Und Putin ist ein KGB-Mann. Das ist das, was er am besten kann.
Wie erfolgreich ist diese Einflussnahme?
Tagarev
Sie ist permanent, vor allem in den ehemals sozialistischen Ländern. Im Schriftstellerverband, im Journalistenverband, in der Kulturszene – überall sitzen noch Menschen, die aus alten Zeiten gute Verbindungen nach Russland pflegen. Sie sind nicht mehr so mächtig wie früher, aber sie existieren. Es gibt Organisationen, die ständig prorussische Narrative verbreiten. Und selbst in der jüngeren Generation finden Sie Menschen, die kein Russisch sprechen, nie in Russland waren, keine russischen Filme schauen und keine russische Musik hören – und trotzdem überzeugt sind, dass Russland für sie eine besondere Bedeutung habe. Es geht also nicht nur um einzelne Falschmeldungen oder koordinierte Desinformationskampagnen. Es geht um etwas Tieferes. Es geht darum, über Jahre einen Nährboden zu schaffen.
Sie haben als Minister und als Abgeordneter sehr scharf gegen Russland argumentiert. Wurden Sie jemals bedroht?
Tagarev
Ja, immer wieder. Ich bekam Anrufe, Beschimpfungen in allen möglichen Formen, Drohnachrichten. Und ich wurde auf die offizielle Liste russophober Personen des russischen Außenministeriums gesetzt – was man fast schon als Auszeichnung verstehen kann. Auf dieser Liste zu stehen, bedeutet jedenfalls, dass ich derzeit nicht einmal auf der Durchreise durch Russland reisen würde.
Fühlen Sie sich bedroht?
Tagarev
Nein. Ich betreibe nur Risikomanagement. Aber der Umgang mit Kritikern ist natürlich Teil psychologischer Kriegsführung.
Wer gewinnt diese Auseinandersetzung im Moment?
Tagarev
Nicht wir. Am Anfang war die Unterstützung für die Ukraine deutlich größer, und in den ersten Monaten nach der Invasion sank die Sympathie für Russland drastisch. Anderthalb Jahre später war das Bild schon wieder gekippt. Es gibt lokale Medien, die Inhalte von „Russia Today“ und „Sputnik“ (staatlich kontrollierte, russische Medien, Anm.) praktisch eins zu eins übernehmen.
Wie wird sich der russische Einfluss auf die bevorstehenden Wahlen auswirken? Bulgarien wählt am 19. April ein neues Parlament.
Tagarev
Es gibt einige offen russophile Parteien. Viele bulgarische Politiker haben in den vergangenen Jahren den Kreml besucht. Nicht nur Orbán ist dort ein- und ausgegangen. Bei uns waren es allerdings nicht die Regierungschefs, sondern Vertreter ultranationalistischer Parteien. Politiker der sozialistischen Partei waren wiederum zeitgleich mit Putin in China.
Einige Parteien haben schlicht kein Interesse an sauberen, nicht durch Stimmenkauf verzerrten Ergebnissen.
über Stimmenkauf im Wahlkampf.
Die bulgarische Übergangsregierung, die das Land seit dem Rücktritt der letzten Regierung im Dezember führt, fährt gerade eine „Aktion scharf“ gegen Wahlbetrug und Stimmenkauf. In westlichen EU-Staaten ist so etwas schwer erklärbar.
Tagarev
Einige Parteien haben schlicht kein Interesse an sauberen, nicht durch Stimmenkauf verzerrten Ergebnissen. Der geschäftsführende Innenminister Emil Dechev und der neu ernannte Generalsekretär des Innenministeriums, Georgi Kandev, leisten hervorragende Arbeit. Eine Million Euro, die für den Kauf von Stimmen vorbereitet war, wurde schon beschlagnahmt.
Welches Interesse hat Russland überhaupt an Bulgarien? Das Land ist klein und geografisch nicht besonders nah.
Tagarev
Wir sind Mitglied der NATO und haben eine Stimme im EU-Rat. Das sollte man nicht unterschätzen. Außerdem steht an unserer Schwarzmeerküste die größte Raffinerie des russischen Ölkonzerns Lukoil in Europa (sie wurde vor kurzem sanktionsbedingt unter staatliche Kuratel gestellt, Anm.). Die Größe eines Landes spielt für Russland nicht die entscheidende Rolle. Man sieht ja, was mit Orbán alles möglich war. Ungarn ist größer als Bulgarien, aber nicht viel. Je mehr Länder Russland beeinflussen kann, desto geringer wird die Bedeutung ihrer Größe.
Dem Ex-Präsidenten Rumen Radev werden mit seinem Linksbündnis „Progressives Bulgarien“ gute Chancen auf einen Wahlsieg eingeräumt. Wo steht er in der Russland-Frage?
Tagarev
Er ist NATO-General und war Kommandant der Luftwaffe. Aber wenn man ihn fragt, wo seine Sympathien liegen, lautet die Antwort: Russland. Im gesamten Wahlkampf wollte sich Radev keiner einzigen Wahldebatte stellen. Seine Parteikollegen tun sich auch sehr schwer, Russlands Angriff auf die Ukraine als Aggression zu bezeichnen. Wir werden sehen, was er nach der Wahl tut.