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profil-Morgenpost
08/16/2021

Afghanistan, so nahe

Die Machtergreifung der Taliban wird uns noch lange beschäftigen. Auch hierzulande.

von Edith Meinhart

Afghanistan ist nun in der Hand der Taliban. Die entsetzlichen, auf Twitter kursierenden Bilder von den Verzweifelten, die sich außen an die Tragflügel einer US-Militärmaschine hängen, werden sich in das kollektive Gedächtnis einbrennen. Die Niederlage des Westens am Hindukusch überschattet derzeit alles. Ihre Auswirkungen werden weit über die geplagte Region hinaus lange – vielleicht für Jahrzehnte – zu spüren sein. Auch hierzulande.

2015 kamen Zehntausende afghanische Flüchtlinge nach Österreich, das Gros von ihnen junge Männer. Fast 3000 bekamen allein im Vorjahr Asyl, viele allerdings erhielten bloß subsidiären Schutz und nicht wenige müssen um ihren Aufenthalt und eine Perspektive bangen. Doro Blancke von der Organisation „Flüchtlingshilfe – Refugee Assistance“ begleitete Hunderte junge Afghanen, sah Dutzende mehr oder weniger reüssieren, einige straucheln und nicht wenige in den Abschiebeflieger nach Kabul steigen. Sie alle hätten nun „die schwerste Not“, sagt sie. Jene, die es geschafft haben, fühlten sich schuldig, weil ihre Verwandten in Afghanistan einem ungewissen Schicksal überlassen sind. Die anderen müssten sich nach ihrer Abschiebung in einem Keller in Herat oder in Masar-e Sharif nun selbst vor den Taliban verstecken. Und was ist mit den vielen, die in griechischen Lagern oder am Balkan auf eine Chance weiterzukommen warten? „Wenn man sie noch lange festhält, programmiert man sie auf Frust und Verzweiflung, das bedeutet für Europa nichts Gutes“, sagt Blancke. Man muss keine Expert:in für Extremismusprävention sein, um zu erkennen, welche künftige Gefahren sich hier zusammenbrauen, wenn politisch nicht gegengesteuert wird.

"Völlig durcheinander"

Vor wenigen Monaten habe ich über einen Arzt aus Afghanistan geschrieben, der zwei Jahre lang um eine Rot-weiß-rot-Karte kämpfen musste und heute in Niederösterreich in einem Spital arbeitet. Der Mediziner wuchs im Grenzgebiet zu Pakistan auf. Als Kind sah er Hippies in bunt angemalten VW-Bussen durch sein Land kurven, Haschisch rauchen und ihr Hab und Gut verkaufen, wenn ihnen das Geld ausging. Später ging er nach Ostdeutschland, studierte Medizin und gründete danach in seiner Heimatprovinz – unter anderem mit österreichischen Spenden – ein Krankenhaus. Es lag 40 Kilometer von Osama Bin Ladens letztem Versteck entfernt. 1996 erlebte der Doktor aus Dschalabad die Machtergreifung der Taliban mit. Gestern habe ich mit ihm telefoniert, um ihn zu fragen, wie es ihm geht und welche Nachrichten er aus seiner Heimat hat. Er sei „völlig durcheinander“, sagte er. Über Wochen und Monate hatte er sich bemüht, für seine Frau und seine beiden Kinder Visa für die Türkei zu bekommen. Vergeblich. Sie sitzen nun in Afghanistan fest.

Was man ihm aus der Region berichte, mag zunächst fast ein wenig beruhigend klingen. Bisher sei kein Schuss gefallen. Nur mit Plünderern, Dieben und Räubern gingen die Taliban hart ins Gericht. So hätten sie auch schon Ende der 1990er-Jahre für einen nicht unbeträchtlichen Rückhalt in der Bevölkerung gesorgt, so der Arzt: „Viele sagen, wenn der Preis dafür, dass die ständigen Entführungen und Überfälle endlich aufhören, die Burka ist, dann tragen wir sie.“ Die Taliban würden sogar versprechen, die Schulen offen zu halten und Mädchen den Besuch zu erlauben. Noch. Der Blick zurück lehrt allerdings, wie hoch der Preis noch steigen könnte. Auch der afghanische Doktor in Niederösterreich rechnet mit dem Schlimmsten: „Die Musik ist schon verboten, Frauen dürfen nicht mehr Richterinnen und Staatsanwältinnen sein, Fernsehsprecherinnen müssen sich verschleiern, und wenn sich die Lage erst einmal beruhigt hat, sind irgendwann auch Bestrafungsaktionen zu befürchten.“ Er ist nicht der einzige Afghane in Österreich der inständig hofft, dass seine Liebsten verschont bleiben. So nahe ist der Hindukusch.

Wir werden darüber weiter berichten. Das ist leider eine der wenigen Gewissheiten, die es diese Region betreffend derzeit gibt. Wir werden uns jedoch aufrichtig bemühen, das Leichte und Hoffnungsvolle nicht aus den Augen zu verlieren. Das gibt es neben den entmutigenden Nachrichten schließlich auch noch. Soviel kann ich jedenfalls versprechen.

Herzlich,

Edith Meinhart

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