Richtig putschen, eine Gebrauchsanleitung

Richtig putschen, eine Gebrauchsanleitung

Ich habe die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 in Polen miterlebt. Was damals General Wojciech Jaruzelski, der zugleich auch KP-Chef sowie Premier- und Verteidigungsminister war, zustande brachte, hätte für die stümperhaft vorgehenden Putsch-Generäle in der Türkei ein Vorbild sein können.

Zugegeben, es gibt einen großen Unterschied: In der Türkei ging nur ein Teil der Armee gegen die politische Führung vor. In Polen war es ein lange und perfekt vorbereiteter Coup der kommunistischen Machthaber gegen das eigene Volk.

Jaruzelski setzte die eigene Armee gegen die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc und ihre Millionen Anhänger ein. Über Nacht wurden Lech Walesa und die komplette Führungsspitze der Solidarnosc interniert. Die freie Gewerkschaft hatte sich auf einen Kampf gegen das Militär nicht vorbereitet.

Der polnische General Jaruzelski 1981.

Der polnische General Jaruzelski 1981.

Das ganze Land wurde – vielleicht zum letzten Mal in Europa- völlig isoliert. Die Armee besetzte Flughäfen und Bahnhöfe und übernahm die Grenzkontrollen. Telefonleitungen wurden im Inland wie auch ins Ausland gekappt, die wenigen oppositionellen Medien gesperrt. Das staatliche Fernsehen und Radio wurde unter Militärverwaltung gestellt. Ausgewählte Journalisten erschienen in Uniform auf dem Bildschirm.

Eine nächtliche Ausgangssperre galt im ganzen Land, was wegen der winterlichen Temperaturen auch leicht durchsetzbar war. Und Polens Armeeführung hatte auch keine gröberen Probleme mit der Kirchenführung, die damals die Gläubigen zu Ruhe und Besonnenheit aufforderte und für die nächsten Jahre in den Kirchen den einzigen Freiraum für Dissens ermöglichte. In der Türkei riefen Imame über Lautsprecher die Menschen zu Protesten auf der Straße auf.

Otmar Lahodynskys Foto auf dem Cover des Time Magazine.

Otmar Lahodynskys Foto auf dem Cover des Time Magazine.

In Polen sahen sich ausländische Berichterstatter in ihrer Tätigkeit massiv eingeschränkt. Journalisten anderer Länder durften nicht mehr einreisen. Die in Polen anwesenden Reporter mussten ihre Berichte der Militärzensur unterwerfen – Fotos und Filmaufnahmen waren verboten. Als profil-Berichterstatter schmuggelte ich meine Berichte und Fotos über hilfsbereite Personen, die für die Weihnachtsferien heimreisten, nach Wien. Eines meiner Fotos schaffte es auf die Titelseite von „Time Magazine“ und „Paris Match“.

Es gibt zum seltsamen Coup in der Türkei, den Staatspräsident Erdogan nun zum Kampf gegen seine Gegner ausnützt, noch einen gewichtigen Unterschied: Bis auf einige Bergarbeiter und Sicherheitskräfte in einer Kohlenzeche bei Katowice forderte die Verhängung des Kriegsrechtes in Polen keine Todesopfer. Für Polen begann eine achtjährige Phase des Stillstandes. Erst Anfang 1989 setzte sich die ratlose KP-Regierung, die auch wirtschaftlich vor dem Ruin stand, mit der Opposition an den Runden Tisch und teilte mit ihr die Macht. Das hat Erdogan sicher nicht im Sinn.