Spuren eines Schleppers

Schlepper Rami F.

Schlepper Rami F.

Rami F. hat aberwitzig viel Geld mit dem Leid von Flüchtlingen verdient. Jetzt sucht er selbst in den Niederlanden um Asyl an. Seine Opfer wollen ihn nicht ungestraft davonkommen lassen.

Eines Tages würde er auftauchen. Die Syrerin Hanan Hasan, 51, hatte sich auf den Moment vorbereitet. Trotzdem traf sie vergangene Woche die Nachricht, dass ihr Schlepper in den Niederlanden gelandet ist und dort als armer Flüchtling unter Tausenden anderen Schutz sucht, wie ein Schock.

Der Mann heißt Rami F. (sein vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) und kam 1982 in al-Hasaka auf die Welt, einer Stadt im Osten Syriens, nicht weit entfernt von der türkischen Grenze. Hier wuchs er zu einem jungen, kräftigen Kerl heran, der sich weder für die Schule noch für eine geregelte Arbeit zu interessieren schien.

Normalerweise kennen Flüchtlinge, die in die Hände herzloser Geschäftemacher fallen, nicht einmal die Namen ihrer Schlepper, geschweige denn ihre Geschichten. In diesem Fall ist das anders: Hanan Hasan weiß einiges über den Mann, der versprochen hatte, ihr und ihrer Familie Flugtickets nach Europa zu verschaffen. Stattdessen betrog er sie um 20.000 Dollar. Als sie ihn anzeigen wollte, drohte er, einen ihrer Söhne zu ermorden.

Kräfte und Ersparnisse aufgezehrt

Rami F. ist ein Neffe ihres Mannes Talal Alhamzah. Der Familie widmete profil vor drei Wochen eine Titelgeschichte. Die Eheleute und die beiden Söhne haben in Österreich Asyl bekommen. Ihre Töchter verschlug es nach Norwegen. Die Flucht hatte alle Kräfte und Ersparnisse aufgezehrt; die Familie musste unterwegs beträchtliche Geldsummen von Verwandten ausleihen und sitzt heute auf einem Berg Schulden.

Vergangene Woche nahmen Hanan Hasan und Talal Alhamzah mit dem Bundeskriminalamt in Wien Kontakt auf. Sie sind nicht die einzigen Opfer von F., die wollen, dass er zur Verantwortung gezogen wird. Drei weitere Syrer, die in Schweden Asyl erhalten haben, waren bereit, mit profil über ihre Erfahrungen zu reden. Einer von ihnen ging vor Kurzem in Schweden zur Polizei. Das Protokoll liegt profil vor.

Anders als seine späteren Opfer, die in Syrien als Fabrikanten, Händler und Ärzte erfolgreich wurden, hatte Rami F. nie etwas auf die Reihe bekommen. Irgendwann war der junge Syrer in die Türkei verschwunden. Später hieß es, er habe in Tunesien geheiratet und zwei Kinder bekommen. Die Nachrichten, die seine Verwandten in Syrien erreichten, waren spärlich und meist wenig erfreulich: F. soll auf die schiefe Bahn geraten sein und sein Geld mit dem Verkauf von Drogen verdient haben. Angeblich war die tunesische Polizei hinter ihm her.


Zwei Wochen später kam sein Anruf: Er habe sich spezialisiert, Flüchtlinge nach Europa zu bringen.

Jedenfalls war er nicht in seiner Heimat, als dort 2011 der Bürgerkrieg ausbrach. 2013 verließ Rami F. Tunis, seine Frau und seine zwei kleinen Kinder. Ein halbes Jahr zuvor waren seine Verwandten aus Damaskus geflohen und hatten sich im benachbarten Libanon niedergelassen, in der Hoffnung, die Lage in ihrer Heimat würde sich wieder normalisieren. Eines Tages stand Rami F. vor ihrer Tür. Er habe Tunis wegen „familiärer Probleme“ verlassen, nun wisse er nicht wohin.

Hanan Hasan und Talal Alhamzah nahmen den damals 31-Jährigen auf. Ab und zu stritten sich die Eheleute wegen des Neffen, der sich tagelang nicht vom Computer wegbewegte. Sie waren erleichtert, als er ihnen im Juli 2013 eröffnete, in der Türkei ein „Business“ aufbauen zu wollen. Zwei Wochen später kam sein Anruf: Er habe sich spezialisiert, Flüchtlinge nach Europa zu bringen. Ein Jahr lang hatten Hanan Hasan und Talal Alhamzah im Libanon ausgeharrt. Die Hoffnung auf Rückkehr war schierer Verzweiflung gewichen. Ihre Söhne durften keine Schule besuchen, ihre Töchter ihre Studien nicht fortsetzen. Der Familie war längst klar, dass es im Libanon für sie kein Bleiben gab.

Für 5500 Dollar pro Person wollte Rami F. sie auf dem Luftweg nach Europa bringen. Talal Alhamzah traf sich mit seinem Neffen in Istanbul und übergab ihm eine Tranche von 6000 Dollar. Der Schlepper erschien mit Identitätskarten aus Plastik, denen von Weitem anzusehen war, dass sie damit nie durch die Kontrollen am Flughafen kommen würden, wie Talal Alhamzah sich erinnert. Rami F. verlangte mehr Geld. Doch seine Preisvorstellungen – 8000 Dollar pro Person – überstiegen die Möglichkeiten der Familie, was er wusste, denn sie hatte ihm schon vorab gesagt, nicht mehr als 32.000 Dollar zusammenkratzen zu können. „Dann müsst ihr über das Meer“, sagte Rami F. und beruhigte sogleich: Er würde sie auf eine Fünf-Sterne-Touristenfähre bringen.


1150 Dollar pro Person wollte der Schlepper für einen Platz an Bord kassieren.

Für die Drei-Zimmer-Wohnung in der İstiklal Caddesi (Unabhängigkeitsstraße) in Istanbul, in der F. die Familie einquartierte, knöpfte er ihr 1000 Dollar ab. Einen Monat lang ließ sich der Schlepper kaum blicken, dann schickte er die Familie nach Izmir weiter, wo F.s Kontaktmann vor Ort behauptete, keinen Dollar von dem Schlepperlohn gesehen zu haben, und sich weigerte, auch nur einen Finger zu rühren. F. selbst war ab nun telefonisch nicht mehr erreichbar.

Stattdessen schickte er einen libanesischen Kompagnon namens Helal, vermutlich ein Spitzname. Die Familie drohte, zur Polizei zu gehen, sollte sie ihr Geld nicht zurückbekommen. „Dann töten wir einen der Söhne“, sollen daraufhin sowohl Rami F. über WhatsApp als auch Helal gedroht haben. In ihrer Not bat die Familie Freunde und Verwandte um Hilfe. 1150 Dollar pro Person wollte der Schlepper für einen Platz an Bord kassieren.

Bevor das „Luxusschiff“, das sich als wackeliges Schlauchboot herausstellte, eines Nachts Richtung Griechenland ablegte, bestellte F. die Familie in ein abgelegenes Haus. Dort erwartete sie ein halbes Dutzend Männer mit Elektroschockern. Sie raubten ihnen Kameras, Mobiltelefone und Computer. Auf einem der Laptops befanden sich alle technischen Zeichnungen und abfotografierten Modelle, die ihre Tochter Bisan als Architekturstudentin gemacht hatte. Drei Jahre ihrer Arbeit waren verloren, ebenso Telefonnummern, Kontakte und Beweise. Hanan Hasan sagt, auf ihrem Handy habe sich jener Whats-App-Dialog befunden, in dem Rami F. einem ihrer Söhne den Tod androhte.

Wut und Verzweiflung

Die Geschichten der Opfer unterscheiden sich fast nur in Details. Saleh Baltaji, 40, war 2013 mit seinem damals zehnjährigen Sohn nach Schweden geflüchtet. Der Syrer mit palästinensischen Wurzeln musste schon für die Ausreise in die Türkei Einladungsschreiben und seinen künftigen Unterhalt nachweisen. In einem Reisebüro in Beirut drückte ihm eine Mitarbeiterin einen Zettel in die Hand, auf dem „Rami“ stand, daneben eine Telefonnummer. Kein Nachname. „Ich habe ihn angerufen, und er konnte die gefälschten Papiere besorgen, mit denen ich in die Türkei gekommen bin“, erzählte Saleh vergangene Woche, als profil ihn über Viber erreichte.

In Istanbul traf er seinen Helfer persönlich. Rami F. hatte eine Gruppe für eine Flugschleppung zusammengewürfelt, Baltaji sollte sich ihr anschließen. Der Preis: 11.000 Dollar, 5000 davon im Voraus. Doch das Vorhaben zog sich hin. Vereinbarte Treffen wurden verschoben. F. verlangte die ausständigen 6000 Dollar und händigte Baltaji bulgarische Identitätskarten aus. Erst kurz vor dem versprochenen Abflug rückte er damit heraus, dass Vater und Sohn den Weg über das Meer nehmen müssten. Laut Baltaji sollen die bulgarischen Karten den Polizeibehörden bereits als gestohlen gemeldet worden sein.

Auch Baltaji machte mit einem Kontaktmann in Izmir Bekanntschaft, der angeblich kein Geld von F. gesehen und deshalb nichts unternommen hatte. Er fühlte sich ebenso hintergangen wie die sechsköpfige syrische Familie, mit der F. ihn zusammengespannt hatte. Ihr hatte Rami F. 32.000 Dollar für eine vermeintlich unkomplizierte Flugreise abgenommen. Als F. seinen Kompagnon Helal nach Izmir schickte, stürzten die Flüchtlinge sich in ihrer Wut und Verzweiflung auf ihn und nahmen die 5000 Dollar an sich, die sie in seinen Taschen fanden. „Der Rest des Geldes, fast 40.000 Dollar, war weg“, erzählt Baltaji.


In einer dreckigen Absteige in Izmir wurde die düstere Ahnung, dass der Schlepper ihn um seine Ersparnisse bringen und dann hängen lassen könnte, zur Gewissheit.

Nach Schweden kam er auf eigene Faust, gemeinsam mit seinem Buben, der „bis heute nicht verkraftet, was wir in vier-
einhalb Monaten unterwegs erlebt haben“. Vater und Sohn versteckten sich in einem Lkw, suchten im Abfall nach Essen und schliefen auf der Straße und in Parks. In Frankreich verkaufte Baljati, der in Syrien ein wohlhabender Fabrikant gewesen war, sein Telefon, um zu überleben. Es war sein allerletzter Besitz. Der Syrer bekam in Schweden Asyl und konnte seine Familie nachholen. Er würde Rami F. gerne im Gefängnis sehen. Es gäbe noch viel über ihn zu erzählen: „Ich würde das alles auch der Polizei sagen, aber ich habe nicht viel Hoffnung, dass sie etwas tun kann.“

Abdalnasser Abdallah hingegen gab sein Wissen der Polizei in Göteborg preis. Der Syrer, der mit seiner Frau und vier Kindern flüchtete, erzählte den Beamten von den wahnwitzigen Beträgen, die Rami F. von ihm und anderen Flüchtlingen kassiert habe – in Summe 75.000 Dollar –, und nannte die Namen eines Libanesen, eines Jordaniers und eines Syrers. Rami F. soll ihr Boss gewesen sein. Er habe von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt, sagt Abdahllah im profil-Gespräch. Deshalb habe er in Istanbul F.s Reisepass fotografiert. In einer dreckigen Absteige in Izmir wurde die düstere Ahnung, dass der Schlepper ihn um seine Ersparnisse bringen und dann hängen lassen könnte, zur Gewissheit.

Geschäftemacher wie Rami F. leben davon, dass Europa sich gegen Flüchtlinge abschottet, auf die aktuelle Krise mit noch mehr Zäunen und Grenzkontrollen antwortet und es gleichzeitig nicht schafft, legale Wege zu öffnen (siehe Kasten). Für eine Anfang des Jahres veröffentlichte türkische Studie befragten Soziologen 262 irregulär eingereiste Migranten und 174 Schlepper, die zwischen 2007 und 2013 in Istanbul gefasst worden waren. Das Gros der – ausschließlich männlichen – Schlepper war zwischen 20 und 40 Jahre alt, hatte höchstens eine Pflichtschule (94 Prozent) und keine Arbeit (75 Prozent). Drei Viertel gaben an, sie hätten mit Schleppungen „leichtes Geld verdienen“ wollen. Etwas mehr als die Hälfte war vorher bereits straffällig geworden. Die irregulär eingereisten Migranten, ihre „Kunden“, beschreiben die Schlepper als aggressiv, rüde und gewalttätig. 95 Prozent der Migranten hatten während der Reise Angst, ihr Ziel nicht lebend zu erreichen.


Von Schäden, die Menschen auf der Flucht erleiden und sich nicht beziffern lassen, ist wenig die Rede.

Die schwedischen Polizisten versprachen dem Syrer Abdallah, alles zu tun, um seinen Schlepper zu fassen. „Mein Leben ist zerstört“, sagte Abdallah zu profil. Mittellos geworden, habe er sich allein nach Europa durchschlagen und danach seine Familie nachholen wollen. Doch die Ehe hielt den Strapazen nicht stand. Abdallahs Frau ging nach Libyen zurück, schaffte es nach Italien und ließ sich scheiden. Sie lebt mit den vier Kindern heute in Deutschland. Der Vater ist wegen psychischer Probleme in Schweden in Behandlung.

Von Schäden, die Menschen auf der Flucht erleiden und sich nicht beziffern lassen, ist wenig die Rede. Taleb M. (Name der Redaktion bekannt) war Zahnarzt in der Stadt Idlib im Nordwesten Syriens und ging 2013 in die nahe gelegene Türkei, um Geld für die Reise nach Europa zu verdienen. Seine Familie und der Vater von Rami F. waren geschäftlich verbunden. So fanden der Flüchtling und sein Schlepper zueinander. In Istanbul lud F. den Syrer ein, sich jener Gruppe anzuschließen, zu der bereits Abdulnasser und Saleh gehörten. 10.000 Dollar zahlte M. in drei Raten für ein Flugticket. Auch er musste schließlich in einem überfüllten Schlauchboot nach Griechenland übersetzen.

M. sagt im profil-Gespräch, Rami F. habe sich gebrüstet, „groß im Geschäft und mit der bulgarischen Mafia verbunden zu sein“. Noch in Istanbul raubte der Schlepper dem syrischen Zahnarzt eine Speicherkarte, auf der sich digitale Kopien seiner Zeugnisse und Zertifikate befanden. M. fürchtet, Rami F. könnte sie nützen, um gefälschte Papiere in Umlauf zu bringen. Taleb M. lebt als anerkannter Flüchtling in Schweden, wo er in einer Werbeagentur arbeitet. Auch er wäre bereit, vor der Polizei auszusagen: „Ich kenne einige, denen Rami das Gleiche angetan hat wie mir. Aber ich bin sicher, es gibt viel mehr Opfer.“

Auf Facebook formierte sich eine arabischsprachige Gruppe, die vor gewissenlosen Geschäftemachern und Dieben warnt. Rami F. erhielt im Oktober 2013 hier einen prominenten Eintrag. Die Vorstellung, dass er in den Niederlanden als Asylwerber und einem kriminell erbeuteten Vermögen im Hintergrund neu anfängt, empfinden seine Opfer als Schlag ins Gesicht. Hanan Hasan und Talal Alhamzah lernen derzeit Deutsch: „Danach werden wir drei, vier Jahre lang nur arbeiten, um das Geld an unsere Verwandten zurückzahlen, das Rami uns gestohlen hat.“