Der Syrer und der FPÖ-Politiker: Die Geschichte eines Fotos

Protestaktion für die Schließung des Asylquartiers in der Erdbergstraße

Protestaktion für die Schließung des Asylquartiers in der Erdbergstraße

Der eine ist FPÖ-Politiker und protestiert gegen ein Asylheim, der andere kommt mit seiner Familie aus Syrien und will ein neues Leben beginnen. Für einen Moment kreuzen sich ihre Wege.

Das ist die Geschichte einer kurzen Begegnung zweier Männer, die einander nicht kannten, die kein Wort miteinander wechselten und deren Schicksale doch irgendwie miteinander zusammenhängen.

Das Aufeinandertreffen passiert am Mittwoch, dem 3. Juni, in Wien, im Gemeindebezirk Landstraße. Der eine, Dietrich Kops, Österreicher, Gemeinderat der FPÖ, trägt ein Sakko und ein blaues Hemd, dazu eine dunkle Sonnenbrille. Der andere, Ziad Rabeh, Syrer, ist schmutzig und verschwitzt, das orange T-Shirt ist sein letztes. Kops ist zusammen mit anderen Gleichgesinnten hierher gekommen, um gegen ein Heim für Asylwerber in seinem Bezirk zu demonstrieren. Er ist ehrlich empört. Ziad Rabeh hingegen hat einen sehr langen Weg zurückgelegt, die längste Reise seines Lebens, und er weiß nicht einmal genau, wo er ist.
Ziad Rabeh wird 1988 in Damaskus als Sohn einer wohlhabenden Familie geboren. Sein Vater ist Immobilienentwickler mit einem eigenen kleinen Unternehmen, die Familie besitzt ein Auto und fährt in den Ferien zum Baden in die syrische Hafenstadt Latakia. Ziad macht nach der Reifeprüfung einen Abschluss an einer Fachhochschule für Rechnungswesen. Dort lernt er Maram Alloush kennen, und die beiden heiraten 2010 und beziehen eine eigene Wohnung im Damaszener Vorort Zamalka, östlich der Altstadt gelegen. Ziad bekommt eine Stelle als Leiter der Buchhaltung eines Hotels.

Bis zu diesem Zeitpunkt verläuft ihr Leben, wie sie es sich erträumt haben. Es sollte noch besser kommen, denn Maram wird schwanger, das Baby wird im Juni 2011 zur Welt kommen. Doch plötzlich ändern sich die Verhältnisse im Land.


Wir sind nicht politisch, ich unterstütze niemanden (Ziad Rabeh)

Der Arabische Frühling erfasst Syrien, immer mehr Menschen gehen gegen die Herrschaft von Diktator Baschar al-Assad auf die Straße. Ziad kann die Demonstrationen von seinem Fenster aus sehen, er selbst nimmt daran nicht teil, sagt er. „Wir sind nicht politisch, ich unterstütze niemanden.“ Er hätte sich von diesem Konflikt am liebsten fern gehalten, doch das ist unmöglich.
Das Regime geht mit Waffengewalt gegen die Opposition vor, der Bürgerkrieg beginnt vor Ziads Haustüre. Zamalka wird Schauplatz von Kriegshandlungen, Terror und Gräueltaten. Im Juni 2012 reißt eine Autobombe, für die das Regime verantwortlich gemacht wird, mindestens 72 Menschen in den Tod, weitere 400 werden verletzt. Ziad sieht Panzer durch die Straßen fahren; Er hört von Kriminellen, die Leute zu Hause überfallen, mit Messern ihre Kehlen durchschneiden und die Wohnungen plündern.
Ziad und Maram beschließen zu fliehen.

Dietrich Kops erklimmt währenddessen in Wien eine weitere Stufe in seiner Politiker-Karriere. Der heute 50-Jährige kandidiert 2010 bei den Wiener Wahlen und zieht in den Gemeinderat ein. Daneben arbeitet er als Anzeigenverkäufer der „ISR“, der „Internationalen Seilbahn Rundschau“.

Dietrich Kops ist Migration nicht fremd

Auch Kops ist mehrmals mit Gewalt konfrontiert. Unbekannte schlagen die Fensterscheiben des Parteilokals der FPÖ- Landstraße ein. Und nachdem Vandalen eine Kunstinstallation aus Vogelhäuschen beim Rochusmarkt beschädigt haben, fordert Kops umgehend die Beseitigung des Kunstwerks aus Holz. „Kinder, die sich durch die Vogelhäuschen schlängeln, könnten bei einem Sturz auf eine messerscharfe Bruchstelle ihr Leben riskieren“, wird Kops von der Bezirkszeitung zitiert.

Ziad und Maram suchen unterdessen nach einem Weg, wie sie mit ihrem inzwischen ein Jahr alten Sohn Mahmoud den Kämpfen in ihrem Wohnviertel entkommen könnten. Die Freie Syrische Armee kontrolliert das Gebiet und gestattet Männern nicht, es zu verlassen. Gleichzeitig verstärkt die Regierungsarmee ihre Angriffe auf Zamalka, den Wohnort von Ziad und Maram. Mit dem Auto zu fliehen, ist unmöglich. Also rennt das Paar eines Tages ohne Gepäck, nur das Baby an sich gedrückt, die Häusermauern entlang, einen Kilometer weit bis in den nächsten Vorort Jobar. Dort wartet Ziads Vater. Die junge Familie zieht zu Ziads Eltern und hofft, da in Sicherheit zu sein. Die Hoffnung erfüllt sich nicht.

Dietrich Kops ist Migration nicht fremd. Seine Großmutter väterlicherseits stammt aus Orlishausen in Thüringen. Dort war Irmbert Kops, Dietrich Kops’ Großvater, als Soldat der Deutschen Wehrmacht stationiert, die beiden verliebten sich und bekamen bald ein Kind. Der Großvater wurde als Bordingenieur von den Nazis an die Ostfront geschickt und kehrte mit Tuberkulose heim. Die Familie zog nach Wien, zwei weitere Kinder kamen zur Welt, doch Kops’ Großvater starb bereits 1947 im Lungensanatorium Aspang. Dietrich Kops’ Großmutter schlug sich als Alleinerzieherin mit Gelegenheitsarbeiten durch. Der Enkel nennt seine zugezogene Großmutter eine „klassische Trümmerfrau“.


Es gebe in Österreich „keine Rassisten“, liest er

In Damaskus ist man im Jahr 2014 nirgends mehr sicher. Von der Wohnung seiner Eltern aus beobachtet Ziad bange den Bürgerkrieg. Bereits im August 2013 hat Assads Armee in Zamalka einen Giftgasangriff verübt, der Geruch dringt bis zur Wohnung von Ziads Eltern, Maram muss kurz ins Spital. Die Front zwischen Aufständischen und Regierungsarmee schiebt sich erneut direkt vor die Haustür der jungen Familie.

Um Syrien in Richtung Europa zu verlassen, benötigen Ziad und Maram 8000 Euro für die dazu erforderlichen Schlepper. 2000 Euro haben sie gespart, dazu verkaufen sie das Gold, das sie zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, den Rest treiben ihre Eltern auf. Ziad informiert sich im Internet über europäische Länder. Er mag die Geschichte des imperialen Österreich und dessen Bevölkerung, die Leute seien Humanisten, und es gebe in Österreich „keine Rassisten“, liest er da.

Ein Parteifreund von Dietrich Kops, der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Walter Rosenkranz, sagt im Parlament, er finde es unverständlich, dass muslimische Flüchtlinge aus Syrien nicht in muslimischen Ländern aufgenommen würden, sondern nach Europa kämen. Ziad und seine Frau sind sunnitische Muslime. Sie kleiden sich modern, Fundamentalismus ist ihnen fremd. Weshalb sollten sie unbedingt in ein muslimisches Land flüchten? Und in welches? Jordanien? Libanon? Ägypten? Viel spricht gegen diese Möglichkeiten: politische Instabilität, Mangel an Demokratie, Angst vor Islamismus, miese Wirtschaftslage.

Boote der Schlepper zerstören

Im Dezember 2014 wird Ziad, der an Morbus Wilson, einer chronischen Leberkrankheit leidet und drei Mal täglich Medikamente nehmen muss, von Soldaten der Regierungsarmee aufgegriffen und zum Militärdienst verpflichtet. Ziad und Maram beschließen endgültig, Syrien zu verlassen.

Eine gefährliche Reise beginnt. In einem Sammeltaxi nach Beirut, mit dem Flugzeug weiter in die Türkei. Dort scheitert ein Versuch, mit einem illegalen Schiff nach Italien zu kommen. Die Familie zieht weiter nach Istanbul, wo Ziad für vier Dollar pro Tag als Hilfsarbeiter am Bau schuftet. Schließlich tut sich eine neue Option auf: Von der türkischen Küstenstadt Cesme per Schlauchboot zur griechischen Insel Chios. 2000 Dollar soll die Überfahrt kosten.

Im fernen Wien macht sich Dietrich Kops Gedanken über die vielen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken. Das sei „schrecklich“, und am sinnvollsten findet er den Ansatz, die Boote der Schlepper zu zerstören, sodass sie den Flüchtlingen erst gar keine Möglichkeit anbieten können, das Meer zu überqueren. Außerdem könnten die Schlepper so nicht „Milliarden am Leid der Armen verdienen“, so der Gemeinderat.


6400 Euro verlangt der nächste Schlepper

Ziad und Maram stehen an der türkischen Küste, Chios ist in Sichtweite. 43 Personen werden auf das etwa acht Meter lange Schlauchboot gequetscht, das mit einem Außenbordmotor ausgestattet ist. Jeder bekommt eine Schwimmweste. Es ist Nacht, der Schlepper führt die Passagiere zum Boot, zeigt ihnen, wie der Motor funktioniert und verschwindet. Der kleine Mahmoud ist wach, Ziad und Maram sagen ihm, die Bootsfahrt sei lustig. Sie haben Angst. Nach einer Stunde erreichen sie Chios.

Der Krisenstaat Griechenland ist für Flüchtlinge nur ein Transitland. FP-Gemeinderat Kops hat in der Wiener Wochenzeitung „Falter“, die Ziad als erste interviewt hat, gelesen, dass die Familie über Griechenland gereist sei. Seiner Meinung nach hätte sie da bleiben sollen, denn: „Die Dublin-Verordnung muss eingehalten werden.“ Die besagt, dass ein Flüchtling im ersten EU-Land einen Asylantrag stellen muss. Dass Griechenland seit Längerem nicht in der Lage ist, Flüchtlinge zu versorgen, und deshalb Asylwerber nicht dorthin zurückgeschickt werden dürfen, kümmert ihn anscheinend wenig.

6400 Euro verlangt der nächste Schlepper, ein Iraker, den Ziad in einem Athener Café trifft, für den Trip bis Österreich. Es ist der härteste Teil der Reise. Immer wieder müssen sich Ziad und Maram in abgelegenen Häusern verstecken, nachts stundenlang durch Wälder marschieren, dann wieder in völlig überfüllten Fahrzeugen mitfahren. Die Route kennen sie nicht, sie dürfen nicht aus den Fenstern sehen, sie müssen den Schleppern blind vertrauen. Einmal übernachten sie im Wald. Am Ende bluten Marams Fußsohlen vom Laufen.

Dann die allerletzte Fahrt in einem Kleintransporter.

„Vienna, Vienna!“

Ziad Rabeh ist mit seiner Familie auf dem Weg nach Wien. Unterdessen hat die FPÖ Landstraße unter Führung ihres geschäftsführenden Obmanns Dietrich Kops eine Protestaktion gegen das Asylwerber-Heim in Erdberg organisiert. „Die Bewohner des 3. Bezirks brauchen ganz sicher kein Massenquartier für großteils Wirtschaftsflüchtlinge mit all den damit verbundenen Problemen.“ Heißt es dazu in der Aussendung der FPÖ. Eine Gruppe von Demonstranten postiert sich mit Schildern, auf denen „Nein zum Asylantenheim“ steht, vor dem Gebäude.

Der Schlepper reißt die Hecktüre auf und schreit „Vienna, Vienna!“ Immer nur wenige der 35 Passagiere sollen gleichzeitig aussteigen, um keinen Verdacht zu wecken. Dann sind Ziad, Maram und Mahmoud an der Reihe. Zusammen mit zwei anderen stolpern sie aus dem Fahrzeug, das sofort davonbraust. Jetzt sind sie in Wien. Aber wo genau?

Sie fragen Passanten, wo man Asyl beantragen kann. Ziad zieht sein letztes T-Shirt aus seiner Tasche. Er ist schmutzig und will die Leute nicht erschrecken. Jemand erklärt ihm den Weg zum nahe gelegenen Asylquartier in Erdberg.


Über die Behauptung, dass es in Österreich keine Rassisten gebe, will er nicht nachdenken

Dietrich Kops und seine Leute haben Aufstellung genommen. Ziad kommt mit seiner Frau und seinem Sohn an der Hand um die Ecke. Er sieht Leute mit Schildern und Polizisten. Kops ist hier, weil Asylwerber wie Ziad Rabeh seiner Meinung nach im 3. Bezirk nichts zu suchen haben. Sie sollten am besten in Kasernen „am Land“ untergebracht werden, „separiert vom Wohngebiet“. Der Kurier-Fotograf Jürg Christandl hält die Szene fest. Auf dem Foto sind auch Ziad Rabeh und Dietrich Kops zu sehen. Die FPÖ behauptet später, Ziad und seine Familie, die gerade eben aus dem Transporter eines Schleppers geklettert waren, seien zu Propagandazwecken nach Erdberg gekarrt worden. Tatsächlich war es Zufall.

Es ist Ziad Rabehs allererster Tag in Österreich. Jemand erklärt ihm, was auf den Schildern zu lesen sei. Er und seine Familie seien hier nicht willkommen. Ein Polizist sagt ihm, er könne sich an eine Polizeidienststelle wenden oder ins Aufnahmezentrum nach Traiskirchen fahren.

Sie fahren zum Bahnhof. Dort denken sie noch einmal nach. „Wir haben überlegt, ob wir vielleicht nach Deutschland weiterfahren sollten, wenn man uns hier nicht will“, sagt Ziad. Schließlich fahren sie doch nach Traiskirchen.

Sieben Tage später wird die Familie in einem Gasthof in Niederösterreich untergebracht. Ziad und Maram wollen sich in Österreich eine neue Existenz aufbauen. Ziad will Deutsch lernen und als Buchhalter arbeiten. Seine Frau ebenfalls. Und Mahmoud, der in Traiskirchen seinen vierten Geburtstag gefeiert hat, soll in Sicherheit aufwachsen und sich nicht wie in Syrien vor Männern in Uniform fürchten müssen, sagt Ziad.

Über die Behauptung, dass es in Österreich keine Rassisten gebe, will er nicht nachdenken.