Hunderte von Lastwagenfahrern fuhren am Samstag mit ihren riesigen Sattelschleppern in die kanadische Hauptstadt Ottawa, um im Rahmen eines selbsternannten "Freiheitskonvois" gegen die für den Grenzübertritt in die USA vorgeschriebenen Impfungen zu protestieren.

© APA/AFP/Lars Hagberg

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02/03/2022

„Trucker Protests“: Das Gesicht der kanadischen Impfgegner:innen

LKW-Konvois haben in der kanadischen Hauptstadt Ottawa tagelang mehrere Straßen blockiert und die Stadt zum Stillstand gebracht.

von Lena Leibetseder

Gehen Sie am Samstag noch auf die Mariahilfer Straße? Oder am Ring spazieren? Oder meiden Sie, so wie ich, samstäglich die Wiener Innenstadt, seitdem sie Wochenende für Wochenende von Querdenker:innen, Impfgegner:innen und Holocaust-Verharmloser:innen okkupiert wird?

LKW-Fahrer:innen gegen Impfpflicht

Die Proteste gegen Corona-Maßnahmen sind – anders als die Impfpflicht – kein österreichisches Unikum. In ganz Europa gehen Maßnahmen-Gegner:innen auf die Straße, auch in den USA und Kanada wird eifrig marschiert: In Ottawa machte sich vergangene Woche ein sogenannter „Freedom Convoy“ (den Namen verpasste man sich selbst) in Richtung Innenstadt und Regierungssitz auf, um dann für mehrere Tage lang die Straßen rund um das Parlamentsgebäude zu blockieren. Aus dem ganzen Land strömten kilometerlange Kolonnen aus LKW-Fahrer:innen und Unterstützenden in die Hauptstadt, um gegen ein sogenanntes „Vaccine Mandate“ zu protestieren.

Auslöser für die Proteste ist eine am 15. Jänner in Kraft getretene neue Vorschrift, die von Truckern verlangt, bei der Einreise von den USA nach Kanada einen Impfnachweis vorzulegen. Die Trucker-Industrie ist ein wichtiger Pfeiler der kanadischen Wirtschaft, etwa zwei Drittel der Waren, die zwischen Kanada und den USA transportiert werden, werden per LKW versandt. Ungeimpfte Trucker müssen sich jetzt seit Mitte Jänner nach einem Grenzübertritt verpflichtend in Quarantäne begeben.

Es geht natürlich um mehr als die Impfpflicht für LKW-Fahrer:innen und längst demonstrieren nicht mehr nur Trucker. Das Ziel der Demonstrierenden ist es, so kommunizieren sie, „alle“ COVID-19-Impfvorschriften – auch alle kanadischen Beamt:innen müssen geimpft sein – und andere Einschränkungen und Maßnahmen zu beenden. „Trudeau has got to go“ wird außerdem skandiert, auf Plakaten steht, recht dramatisch, „Trudeau is a real terrorist!“.

Kleine Gruppe mit lauter Stimme

Der angesprochene, aus Sicht der Demonstrierenden verantwortliche liberale Premierminister Justin Trudeau, der nach einem positiven Corona-Test Anfang der Woche vom Home Office aus die Geschäfte führt, attestiert den Demonstrant:innen „inakzeptable Ansichten“. Sie seien nur ein kleiner Teil am Rande der Gesellschaft, der die Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier nicht widerspiegele.

Die meisten Protestierenden haben nun, nach tagelangen Blockaden, die Innenstadt von Ottawa wieder verlassen; lediglich einige wenige Menschen sind noch vor Ort. Die Organisatoren haben zugesagt, „so lange wie nötig“ weiterzumachen, für Samstag wird erneuter Zustrom erwartet.

Auch in Wien wird morgen wieder demonstriert werden. Hierzulande hatte der Verfassungsschutz die Szene um Corona-Skeptiker:innen und Esoteriker:innen zuletzt als „größte Bedrohung“ bezeichnet. Mehr dazu lesen Sie in der Recherche von Thomas Hoisl und Jakob Winter.

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