In einem Konferenzzentrum im Westen Londons geht es Ende Juni um nichts weniger als die Rettung der westlichen Zivilisation. In einem Glaspalast schwitzen Rechtspopulisten, christliche Abtreibungsgegner und Klimaleugner neben Politikern aus dem konservativen Mainstream. Die Klimaanlage kommt kaum nach. Auf der Bühne sitzen etwa der britische Rechtspopulist Nigel Farage von Reform UK und die Chefin der konservativen Tories, Kemi Badenoch.
Nigel Farage auf der ARC-Bühne: „Den westlichen Staatschefs der letzten Jahrzehnte ist die westliche Zivilisation egal.“
Es ist ein rechtes Vernetzungstreffen, organisiert von der konservativen britischen Organisation „Alliance for Responsible Citizenship“ (ARC). Rund 4000 Besucher aus etwa 90 Ländern kamen dafür nach London. 450 Pfund (520 Euro) kostete ein Ticket.
Auch Gudrun Kugler war dabei und fand die Konferenz „beeindruckend“. Die ÖVP-Nationalratsabgeordnete sitzt im ARC-Beirat und hat bei der Organisation der Konferenz geholfen. „Farage ist ein relevanter Player“, sagt sie. Darum sei er eingeladen worden. „Die ganz radikalen Rechtsaußenparteien haben wir nicht miteinbezogen.“
Die ganz radikalen Rechtsaußenparteien haben wir nicht miteinbezogen.
Gudrun Kugler
ÖVP-Politikerin und ARC-Beirätin
Treibende Kraft hinter dem Kongress ist der Investor Paul Marshall, dem mehrere konservativ-ausgerichtete Medien in Großbritannien gehören und der 2016 hunderttausend Pfund an die Brexit-Kampagne „Vote Leave“ spendete.
Geld für die Veranstaltung kam auch aus den USA: Auf der Spendenliste, die dem britischen „Guardian“ vorliegt, finden sich die Namen von Verbündeten des US-Präsidenten Donald Trump, darunter der Milliardär Anthony Pratt, den Trump als „Freund“ bezeichnet. Zu den Geldgebern gehören die US-Mineralölkonzerne Howard Energy Partners (HEP) und die HEYCO Energy Group, deren CEOs auch regelmäßig für Trumps Republikaner spenden.
MAGA kommt nach Europa
Auf der ARC-Konferenz wimmelte es von Vertretern aus Trumps MAGA-Lager („Make America Great Again“). Reden hielten etwa der Sprecher des US-Repräsentantenhauses Mike Johnson („MAGA-Mike“), der Präsident der einflussreichen Denkfabrik „Heritage Foundation“, Kevin Roberts, sowie der Architekt von Trumps Europapolitik, Samuel Samson.
„Bibelgläubiger“ erzkonservativer Christ und Trump-Vertrauter: Mike Johnson (Spitzname: MAGA-Mike)
Die US-Regierung exportiert ihren Kulturkampf von rechts zunehmend nach Europa. Um die Öffentlichkeit am alten Kontinent zu beeinflussen, geben MAGA-nahe Gruppen immer höhere Geldsummen aus, wie profil-Recherchen nahelegen. Dabei suchen sie Kontakt zu Konservativen und Rechtsaußenparteien in Europa. Ein entscheidendes Bindeglied in diesem informellen Netzwerk, das auch mit einer großen Delegation auf der Londoner Konferenz vertreten war und dort networkte, sitzt in Wien.
Abtreibungen unerwünscht – auch in Österreich
Auf einem zerkratzten Schild im 3. Wiener Gemeindebezirk findet sich der Schriftzug „ADF International“. In dem unscheinbaren Altbau sitzt der Europa-Ableger der US-amerikanischen NGO „Alliance Defending Freedom“.
Von Wien aus kontrolliert die Gruppe ein kleines Imperium an Europa-Büros, darunter in Belgien, Deutschland und Frankreich. Überall will die ADF ihr radikalchristliches Weltbild umsetzen. Der ARC-Verbündete setzt sich für Abtreibungsverbote ein und lobbyiert gegen gleichgeschlechtliche Ehen.
Das „Southern Poverty Law Center“, eine der renommiertesten Bürgerrechtsorganisationen in den USA, bezeichnet die ADF als „Hassgruppe“.
Die 1993 gegründete gemeinnützige Organisation stammt aus dem Umfeld der Evangelikalen, einer erzkonservativen protestantischen Strömung, die eng mit den Republikanern vernetzt ist. Der republikanische Sprecher des US-Repräsentantenhauses, Mike Johnson, der auch bei der ARC-Konferenz in London sprach, war zuvor Rechtsanwalt der ADF.
Die Strategie der ADF: Sie unterstützt vor Gericht Angeklagte, mit deren politischer Agenda sie sympathisiert, und sie bringt selbst Klagen ein. Im Bundesstaat Mississippi half die ADF, einen Gesetzestext für ein Abtreibungsverbot auszuarbeiten. Eine Klage gegen dieses Gesetz landete schließlich beim Supreme Court, dem Obersten Gericht der USA, das 2022 das Verfassungsrecht auf Abtreibung kippte.
Die gleiche Taktik kommt auch in Europa zum Einsatz: In Deutschland unterstützte ADF International eine Katholikin, die „Mahnwachen“ vor Abtreibungskliniken hielt, vor Gericht; in Oberösterreich lobbyierte sie öffentlich gegen eine Lehrerin, die ihre Schulklasse angeblich mit „übergriffigem Sexualunterricht“ verstört hätte.
Belegt sind auch Verbindungen zum Verein „Marsch fürs Leben“, der in Wien jährlich eine Demonstration gegen Schwangerschaftsabbrüche organisiert: Ludwig Brühl, bis Ende 2024 Kommunikationsbeauftragter von ADF International, war gleichzeitig Pressesprecher für den Anti-Abtreibungs-Verein.
2025 lud ADF International in Zusammenarbeit mit „Marsch fürs Leben“ zu einem Cocktailabend ein.
Wir befürworten die Arbeit von ‚Marsch fürs Leben‘ in Österreich sehr.
ADF International in einer Stellungnahme
NGO
„Wir befürworten die Arbeit von ‚Marsch fürs Leben‘ in Österreich sehr“, heißt es in einem Statement der ADF International gegenüber profil. Spenden an den Verein wären jedoch keine geflossen.
Cash für den Kulturkampf
Für den Kulturkampf in Europa braucht die ADF International vor allem eines: Geld. Die von der US-Mutterorganisation, die im Jahr 2025 über jährliche Einnahmen von 120 Millionen US-Dollar verfügte, aufgewandten Summen stiegen teils dramatisch. Das geht aus öffentlich einsehbaren Steuerdokumenten hervor. Noch 2021 hatte die Teilorganisation mit 28 Mitarbeitern ein Budget von rund 5,2 Millionen US-Dollar, heute ist es mit 10,8 Millionen mehr als das Doppelte. ADF International gab im Fiskaljahr 2025 rund 6,2 Millionen US-Dollar für Projekte in Europa aus – eine Million mehr als im Vorjahr.
Das erhöhte Budget sei eine Folge der zunehmenden „Einschränkungen von Rede- und Religionsfreiheit in Europa“, schreibt ADF International auf profil-Anfrage.
Rund eine Million US-Dollar flossen an das Büro in Brüssel. Hier versucht ADF International die EU-Gesetzgebung zu beeinflussen. Drei Lobbyisten mit Zugang zum EU-Parlament sind akkreditiert.
Die Verfolgung von Christen weltweit nimmt heute leider zu.
ADF International in einer Stellungnahme
NGO
Was auffällt: Die christliche Organisation trat wiederholt bei Pressekonferenzen mit Abgeordneten der Europäischen Volkspartei (EVP) auf, bei der auch die ÖVP Mitglied ist, sowie bei der rechtspopulistischen Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR).
Freunde in ganz Europa
Wie gut die ADF international vernetzt ist, zeigt ein Beispiel aus Großbritannien: Laut „New York Times“ erreichte das ADF-International-Büro in London, dass UK-Reform-Parteichef Nigel Farage in den US-Kongress eingeladen wurde.
Gudrun Kugler (ÖVP) nahm auch an Demonstrationen von „Marsch fürs Leben“ teil.
Auch ÖVP-Politikerin und ARC-Beirätin Gudrun Kugler trat mehrmals als Rednerin bei Veranstaltungen der ADF International in Wien auf. „Solange Gesetze eingehalten werden, kann jeder mit seinem Geld machen, was er will“, sagt Kugler gegenüber profil. Sie verweist auf den liberalen US-Investor George Soros, der über seine Open Society Foundation mehrere Milliarden Euro an Projekte und NGOs in Europa ausgeschüttet habe.
Solange Gesetze eingehalten werden, kann jeder mit seinem Geld machen, was er will.
Gudrun Kugler
ÖVP-Nationalrätin
Zu den Verbündeten von ADF International zählen andere rechte Thinktanks, darunter das ungarische Danube Institute, das ungarische Mathias Corvinus Collegium und das polnische Institut „Ordo Iuris“.
Zum britischen ARC haben die christlichen Hardliner sogar personelle Verflechtungen: Der frühere Direktor von ADF International, Paul Coleman, ist heute Geschäftsführer der Londoner Denkfabrik „Prosperity Institute“, die einem der Gründer und Geldgeber der ARC gehört. Dort sitzt der Republikaner und Ex-ADF-Anwalt Mike Johnson im Beirat.
Kein Wunder also, dass bei der ARC-Konferenz in London ADF-Geschäftsführerin Kristen Waggoner auf der Rednerliste stand. Rund ein Dutzend Vertreter der erzkonservativen Organisation schwitzten in der schlecht klimatisierten Konferenzhalle – in der Hoffnung, neue Allianzen für die Durchsetzung ihres erzkonservativen Weltbildes zu schmieden.
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(profil.at, rsb)
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Raphael Bossniak
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.