Krieg in der Ukraine

Wenn nichts mehr sicher ist: Mentale Gesundheit im Krieg

Traurigkeit, Angst, Wut: Normale Reaktionen auf den Krieg in der Ukraine. Was den Menschen wirklich hilft.

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Familien werden auseinandergerissen, viele müssen überstürzt in andere Länder fliehen, andere mit Kriegsverletzungen leben. In der Ukraine werden Menschen körperlich sowie mental mit Gräueltaten konfrontiert. Was passiert, wenn das Trauma eines Krieges nicht verarbeitet wird? Und warum ist es wichtig, psychische Probleme so rasch zu behandeln wie körperliche? profil sprach mit Lina Villa, einer Psychologin der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), die aktuell in der Ukraine hilft.

profil: Welche Konsequenzen hat der Krieg in der Ukraine für die mentale Gesundheit der Menschen?

Lina Villa: Dieser Krieg ist mit vielen Verlusten für die Menschen verbunden. Sie verlieren Familienmitglieder, ihr Sicherheitsgefühl, ihr Eigentum. Die Kinder haben ihre täglichen Aktivitäten verloren. Sie können nicht mehr in die Schule gehen oder Freunde treffen. Das alles ist wichtig für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Selbsterkenntnis. All dieser Verlust erzeugt Trauer.

profil: Was passiert, wenn man diese Trauer nicht verarbeiten kann?

Villa: Dann verschwinden diese Emotionen auch nicht. Trauer kann eine Menge Wut, Traurigkeit und Sorgen hervorrufen. Und wenn man sich nicht mit diesen Gefühlen auseinandersetzt, bleiben diese einfach. Bekommt man Trauer nicht in den Griff, verwandelt sie sich in Wut. Mit der Zeit kann dies zu größeren Herausforderungen führen.

profil: Welche Herausforderungen sind das?

Villa: Herausforderungen in allen wichtigen Lebensbereichen. Vom Wiederaufbau des eigenen Lebens bis hin zu Auswirkungen auf Sozial- und Familiennetzwerke. In Wut verwandelte Traurigkeit kann zu Ungleichgewicht führen – und in der Regel richtet sich dieses gegen diejenigen, die man am meisten liebt. Das kann etwa mehr häusliche Gewalt verursachen, aber auch mehr Gewalt gegen sich selbst: Personen verlieren die Hoffnung, Kinder und Jugendliche ihr Selbstwertgefühl.

Die häufigsten Symptome sind – laut Ärzte ohne Grenzen (MSF) – chronischer Stress, Angstzustände, Panikattacken, Schlafprobleme, Schlaflosigkeit bei Erwachsenen, Angst vor lauten Geräuschen, Appetitlosigkeit sowie Bettnässen und Alpträume bei Kindern.

profil: Was können Sie als Psychologin konkret tun? 

Villa: Das ist ganz natürliche Reaktionen, aber sie haben keine Zeit, diese Gefühle auszudrücken, weil sie immer weiterziehen müssen. Wir versuchen also, ihnen einen sicheren Raum zu geben, damit sie innerlich ein wenig aufräumen können und diese schwere Last, die sie tragen, ablegen können. Als Nächstes versuchen wir, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Ressourcen zu erkennen. Die Menschen haben einen Tunnelblick. Alles sieht dunkel aus und sie haben vergessen, wie stark sie sind und über welche Bewältigungsmechanismen sie bereits verfügen. Wir unterstützen sie dabei, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren, um weiterzumachen.

„Wenn eine Tür knallte oder etwas laut herunterfiel, sprang ich vor Schreck auf. Es erinnerte mich an alles, was wir zu Hause erlebt haben.“ Svitlana Kalynychenko erzählt in einem Bericht der MSF, dass sie schon bald, nachdem der Krieg in der Ukraine begonnen hatte, mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte.

Kalynychenko floh aus ihrem Dorf Okhotnyche in der Region Saporischschja im Südosten der Ukraine, nachdem die russischen Streitkräfte im April mit schwerem Beschuss begonnen hatten. Sie lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrer 87-jährigen Großmutter in einer Unterkunft in Saporischschja, wo sie von einer MSF-Psychologin psychologisch betreut wird. Dort erzählt Kalynychenko dem MSF-Team, was sie erlebt hatte. profil las ihre Geschichte. 

profil: Was sind diese Bewältigungsmechanismen und wie kann man lernen, sie wieder zu benutzen?

Villa: Die meisten Menschen haben in ihrem Leben bereits schwierige Situationen erlebt. Schwierigkeiten zeigen uns, wie stark wir sind und wie wir Probleme lösen. Wir versuchen, die Menschen an diese Dinge zu erinnern, damit wir gemeinsam nützliche Mechanismen finden. Diese sollen ihnen helfen, sich zu entspannen, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen, in die Realität zurückzufinden. Dadurch gewinnen sie Kontrolle über das Geschehen. Gleichzeitig unterstützen wir sie aber auch bei den Problemen, die sie jeden Tag und jede Minute bewältigen müssen. Wir helfen ihnen, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren und Organisationen zu finden, die Hilfe für grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft oder Kontaktlinsten anbieten.

Auf der Flucht musste Svitlana Kalynychenko und ihre Mutter ihre Großmutter zwei Kilometer auf einem Fahrrad durch den Regen schleppen. Sie kamen zu einer Fußgängerbrücke über einem Fluss – und waren besorgt, dass sie mit Sprengstoff verkabelt war, denn auf ihrer Seite des Flusses standen russische Soldaten. In Zaporizhzhia fanden sie schließlich Sicherheit.

Kalynychenko helfe es, darüber zu reden und Gedichte über den Krieg zu schreiben. Sie singe auch gerne, und seitdem der Krieg ausbrach, singe sie sogar lauter, sagt sie gegenüber MSF. „Kreativität hilft mir, meine Ängste zu überwinden.“ Sie hoffe, dass die Beziehung zu ihren Verwandten besser würde. Durch den Krieg haben die Spannungen zugenommen, sagt Kalynychenko. Eine gemeinsame Basis mit ihrer Mutter und Großmutter sei schwierig zu finden. Ihre Mutter wünsche sich, zurück nach Hause zu kehren. Kalynychenko finde das gefährlich.

profil: Bereits vor dem Krieg kritisierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das System der psychiatrischen Versorgung in der Ukraine als Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Mangelndes Vertrauen in das psychiatrische System, Stigmatisierung und das fehlende Bewusstsein für Mental Health, erschwerten den Zugang zu psychischer Behandlung. Wie gehen Sie mit dem Stigma um psychische Gesundheit um?

Villa: Psychische Gesundheit ist häufig nicht sehr präsent im Leben der Menschen, die wir hier in der Region treffen. Doch es gibt Momente, in denen die Emotionen einfach zu stark sind. Was wir also tun ist, Bewusstsein zu schaffen. Wir sprechen viel mit den Menschen und versuchen dabei zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, Emotionen zu haben, es aber auch Verantwortung erfordert, sich ihnen zu stellen. Wir verwenden dafür einfache Worte und bereiten sie auf gewisse Situationen vor. Wir sagen ihnen, dass sie zum Beispiel nicht schlafen können werden, das ist ein sehr häufiges Symptom. So verstehen sie, dass psychische Gesundheit nicht für Menschen ist, die dringend Hilfe brauchen, sondern dass psychische Gesundheit dazu dient, sie zu unterstützen, damit sie schlafen können, denn dann haben sie am nächsten Tag mehr Energie, um mit all den Dingen fertig zu werden, mit denen sie konfrontiert sind.

profil: Wie überwindet man Trauer, während alles noch in Trümmern liegt?

Villa: Psychische Gesundheit ist nicht nur etwas, das jetzt oder später auftreten kann, sondern Unterstützung während verschiedenen Phasen des Bewältigungsprozesses. Wir können verhindern, dass sich ernstere Zustände entwickeln, indem wir den Menschen einen Raum geben, wo sie ihre Emotionen ausdrücken können. Sie werden sich ihres Verlustes bewusst und können so beginnen, diesen Kummer zu verarbeiten. Man stellt sich also der Traurigkeit, reinigt sich davon und macht weiter. Auf diese Weise hat man mehr Energie, mit Herausforderungen umzugehen und um sein Leben wieder aufzubauen.

profil: Welche langfristigen Auswirkungen kann der Krieg auf die psychische Gesundheit haben und was kann man dagegen tun?

Villa: Die Menschen haben viel gesehen: Tote, kämpfende Menschen, Bombardierungen, Schüsse. Wir befürchten, dass diese Erfahrungen in ihren Köpfen bleiben könnten, wenn sie nicht richtig verarbeitet werden. Sie würden also beginnen, ihre Erfahrungen erneut zu erleben, wenn alles vorbei ist. Wenn ein Trauma im Körper und im Geist bleibt, wird es für jeden Menschen schwierig. Traumafolgestörungen wie PTSD (post-traumatic stress disorder, Anm.) sind hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass man sich immer wieder mit den Erinnerungen an diesen Krieg auseinandersetzen muss. Bei Kindern haben wir Angst, dass sie ihren Prozess des Erwachsenwerdens unterbrechen müssen. Wenn man nicht die Möglichkeit hat, seine Persönlichkeit zu entwickeln und man erwachsen werden muss, anstatt ein Kind zu sein, dann kann diese Erfahrung dazu führen, dass man seine Gefühle nicht richtig handhaben kann, dass man nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, dass man kein Selbstvertrauen hat. Und das ist eine sehr schwierige Erfahrung für einen Menschen und für eine Familie. Und auch für eine Gesellschaft. Um die Älteren haben wir auch Angst. Einige von ihnen haben ihr ganzes Leben lang gekämpft, um sich etwas aufzubauen. Sie haben jetzt nicht mehr die Energie, woanders neu anzufangen. Wenn sie ihre Hoffnung verlieren, kann das zu Depressionen führen und dass sie aufgeben. Wenn man diese Traurigkeit beibehält, kann sie in Wut und Gewalt umschlagen.

profil: Stellen Sie auch unterschiedliche Herausforderungen zwischen Männern und Frauen fest?

Villa: Ich denke, die ukrainischen Frauen sind sehr widerstandsfähig. Sie wollen ein Teil des Prozesses sein. Sie versuchen, aufzubauen, zu kämpfen, zu unterstützen und auf demselben Niveau wie die Männer weiterzumachen, und es ist sehr schön zu sehen, dass sie gleichberechtigt sind. Natürlich haben wir als Frauen andere Herausforderungen als Männer. Aber wenn wir von Solidarität und Mitgefühl sprechen, sind sie genauso stark.

profil: Es ist Krieg – alle Menschen in der Ukraine sind mit schrecklichen Dingen konfrontiert. Ab wann spricht man von psychischen Problemen? Gibt es bereits Schätzungen, wie viele Menschen davon betroffen sind?

Villa: Ich kann nur sagen, dass es eine ganze Nation ist. Es gibt Millionen von Menschen, die leiden. Wenn man alle Gemeinden, alle Dörfer, alle Städte zusammenzählt, haben sie unterschiedliche Erfahrungen, aber alle leiden. Jetzt sind wir zum Beispiel in einer sicheren Stadt, aber man kann ihre Sorge, ihr Leid und ihren Schmerz in ihren Augen sehen.

Ein weiterer Zeugenbericht von Ärzte ohne Grenzen: „Ich spüre Angst in meiner Seele. Meine Finger und Hände werden kalt“, sagt Vira, eine ältere Frau, die aus der Region Donezk geflohen ist und nun in Iwano-Frankiwsk im Südwesten des Landes Schutz sucht. Sie mache sich Sorgen um ihren Sohn, der in einer Gegend lebt, in der Kämpfe stattfinden. „Ich spüre den Schmerz nicht in meinem Herzen, er sitzt tief in meiner Seele und treibt mir sofort die Tränen in die Augen. Ich kann nicht beschreiben, wie es ist.“

profil: Was können wir beachten, wenn wir Geflüchteten aus der Ukraine begegnen und willkommen heißen?

Villa: Wenn Menschen in Ihrem Land ankommen, haben sie vor allem Angst um ihre Grundbedürfnisse. In erster Linie sind eine positive Einstellung und ein Lächeln wichtig. Stellen Sie ihnen eine Unterkunft, Essen und einen Ort zur Verfügung, an dem sie sicher bleiben können. Eine der größten Sorgen ist, ob die Verwandten in Sicherheit sind. Es ist also sehr hilfreich, sie mit ihren Verwandten, die im Land geblieben sind, in Kontakt zu bringen. Hier gibt es einige Orte, an denen den Menschen Arbeit gegeben wird. Wenn das in dem Land, in dem sie ankommen, möglich wäre, wäre das großartig, denn die Angst, nicht zu wissen, wie sie ihre Familien unterstützen können, wie sie sich um ihre Kinder oder um Menschen mit Problemen kümmern können, ist groß. Ich halte es für sehr wichtig, ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein: sie mit Respekt behandeln, ihr Leid verstehen. Und natürlich ist es eine große Hilfe, wenn man ihnen Zugang zu psychologischer und medizinischer Hilfe und Medikamenten verschafft.

profil: Wie schaut ein gewöhnlicher Tag bei Ihnen aus?

Villa: Ich arbeite mit meinem Team in den Regionen um die Städte Dnipro und Saporischschja. Wir haben sowohl mobile Einheiten als auch Aufnahmezentren. In den Aufnahmezentren nehmen wir die Menschen auf, die gerade aus den schwierigsten Gebieten kommen. Oft waren sie der dortigen Gewalt ausgesetzt. Wir sind für sie da, versuchen zu identifizieren, was sie brauchen und was die nächsten Schritte sind. Gemeinsam mit den Gemeinde- und Unterkunftsleitern identifizieren wir diejenigen, die bereits psychische Probleme haben und die am verletzlichsten sind, die IVP (Identifying Vulnerable Persons oder besonders schutzbedürftige Personen, Anm.). Das sind ältere Menschen, Mütter mit Kindern, Kinder selbst, Menschen mit kognitiven und körperlichen Problemen. Diese Personen müssen sich wirklich anstrengen und haben vielleicht weniger Ressourcen, um weiterzumachen. In den mobilen Teams sind immer ein Arzt und ein Psychologe unterwegs. Sie gehen zu den Unterkünften, das sind sichere Orte, an denen die IVP untergebracht sind, und betreuen die Menschen vor Ort. Das machen wir täglich.

Zwischen Mitte April und Mitte Mai führte Ärzte ohne Grenzen laut eigenen Angaben über 1.000 Einzel- und Gruppensitzungen, 839 Einzelberatungen und 156 Gruppenberatungen für Erwachsene und Kinder zur psychischen Gesundheit in der Ukraine durch. Unter anderem in Uzhhorod, Berehove, Dnipro, Ivano-Frankivsk, Kropyvnytskyi, Kharkiv, Kyiv, Vinnytsia und Saporischschja. „Wir brauchen dringend mehr psychosoziale Dienste im ganzen Land", sagt Oksana Vykhivska, MSF Mental Health Supervisor in Kyiv. "Sowohl das nationale Gesundheitssystem als auch andere Organisationen müssen dafür sorgen, dass die Reaktion auf die Bedürfnisse der psychischen Gesundheit und die entsprechenden Ressourcen, die am stärksten gefährdeten Menschen erreichen, insbesondere in ländlichen Gebieten, wo die Menschen oft abgeschnitten sind und keinen Zugang haben," so Vykhivska in ener Aussendung.

profil: Gibt es etwas, das Sie während Ihres Einsatzes überrascht hat?

Villa: Zu sehen, dass die Ukrainer hierbleiben und versuchen, Widerstand zu leisten. Man sieht sie nicht wütend oder verbittert, sie sind immer gut gelaunt, versuchen, ihren Mitmenschen zu helfen. Man sieht viel Traurigkeit, aber auch viel Hoffnung.

profil: Was gibt den Menschen Hoffnung?

Villa: Ich denke, ihre Werte, ihre Kultur, ihre Familien, mit dem Gefühl aufgewachsen zu sein, dass sie als Gemeinschaft Ziele erreichen können. Denn im Laufe ihrer Geschichte hatten sie mit schwierigen Situationen zu kämpfen. Daraus haben sie einiges gelernt. Sie lieben ihr Land wirklich, sie wollen es behalten, und haben erkannt, dass sie das nur erreichen können, wenn sie zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Ich glaube, das ist einer der Gründe dafür, dass sie die Situation so angehen, wie sie es tun.

Lina Villa ist Psychologin aus Columbien und hat einen Abschluss in Schmerz- und Palliativmedizin. Seit März 2022 ist sie im Einsatz in der Ukraine.

Elena Crisan

Elena Crisan

ist im Online-Ressort und in der Fotoredaktion tätig.