Granaten-Stadt: Wie eine bulgarische Kleinstadt ins Fadenkreuz von Brüssel und Moskau geriet
Bulgarien wählt, Europa rüstet auf, und der Kreml sendet Störsignale. Die bulgarische Waffenindustrie profitiert wie kaum eine andere von Russlands Krieg in der Ukraine. Und plötzlich gerät eine Provinzstadt ins Fadenkreuz geopolitischer Interessen.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reist mit einem Militärhubschrauber an. Es ist ein AS532 Cougar, Eigentum des bulgarischen Militärs. Von der Leyen absolviert gerade eine Tour durch die östlichen EU-Länder, allesamt Staaten an der Außengrenze und gefährlich nahe an Russland und Weißrussland. Am 31. August 2025 landet sie auf dem riesigen Areal einer Waffenfabrik am Rande der bulgarischen Kleinstadt Sopot. Begleitet wird sie vom damaligen bulgarischen Premier Rossen Scheljaskow. Zumindest beim Hubschrauberflug gab es keine gröberen Vorfälle. Einen Tag später wird die „Financial Times“ berichten, dass das GPS-Signal ihres Flugzeugs beim Landeanflug auf die bulgarische Stadt Plowdiw massiv gestört wurde. Und dass die Piloten nur unter großem Risiko und mithilfe von Papierlandkarten sicher landen konnten.
Die GPS-Störung ist ein klares Signal: Die Kommissionspräsidentin ist hier nicht willkommen. Und schon gar nicht die militärischen Aufrüstungspläne, die Anlass für diese Stippvisite sind. Absender dieser Nachricht: Russland, mutmaßlich. Zumindest vermuten das zunächst die bulgarischen Behörden. Später relativieren sie diese Behauptung, und die versprochene Aufklärung des Vorfalls bleibt aus. Kriegsschauplätze liegen nicht zwingend auf dem Schlachtfeld. Sie müssen nicht einmal im kriegsführenden Land liegen. Manche Orte sind beschaulich, versteckt, weit weg vom Schuss. Und dennoch von hoher geopolitischer Bedeutung.
Am Sonntag wählt Bulgarien ein neues Parlament. Die Vorgängerregierung ist im Dezember nach massiven Protesten zurückgetreten – den größten seit Jahrzehnten. Es ist die achte Parlamentswahl seit 2021. Und wie derzeit bei fast jeder Wahl östlich von Wien ist es eine Richtungsentscheidung. Zeigt der politische Kompass ab Sonntag nach Brüssel oder nach Moskau?
Genau hier, in der bulgarischen Munitions- und Waffenfabrik „Vazovski Maschinenbauwerke [JR1] EAD“ (VMZ) am Stadtrand von Sopot und in der Nachbargemeinde Karlowo, plant der deutsche Rüstungshersteller Rheinmetall zusammen mit dem bulgarischen Staat ein milliardenschweres Joint Venture. Schon bald sollen zwei neue Fabriken für Treibladungen und 155-Millimeter-Granaten nach NATO-Standards gebaut werden. 1000 zusätzliche, gut bezahlte Arbeitsplätze sollen in den kommenden Jahren hier entstehen.
Ursula von der Leyen besichtigt eine Fabrik mit Metallprodukten.
Stippvisite
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (l.) besuchte die Waffenfabrik im Vorjahr. Begleitet wurde sie vom damaligen bulgarischen Premier, Rossen Scheljaskow. Der Besuch dürfte Russland nicht gefallen haben.
Vor dem Gelände haben sich bei strömendem Regen rund 200 Demonstrierende versammelt, um gegen den Besuch zu protestieren. Sie schwenken bulgarische Fahnen, einige halten russische in die Höhe. Auf einem Plakat steht: „Go home“. Geh nach Hause. Man könnte meinen, dass eigentlich jedes EU-Land irgendwie das Zuhause der Kommissionspräsidentin ist. Aber in der Kleinstadt Sopot ist von der Leyen zumindest bei den Protestierenden nicht willkommen. Sie fürchten, zum Kriegsschauplatz und zur Zielscheibe im Konflikt zwischen der EU und Russland zu werden. Denn dieser Konflikt wird mit immer aggressiveren Mitteln ausgetragen, die weit über gestörte GPS-Signale hinausgehen und in alle EU-Länder ausstrahlen. Dabei hat kaum ein Ort wirtschaftlich mehr vom Krieg Russlands gegen die Ukraine profitiert als diese rund 10.000 Einwohner zählende Gemeinde im Herzen des Balkangebirges.
Business as usual
Als profil Sopot ein halbes Jahr nach von der Leyens Stippvisite besucht, herrscht wieder Business as usual. Der letzte Schnee des Winters liegt noch grau am Straßenrand. Das Stadtzentrum ist herausgeputzt und mit Blumen geschmückt. Heute wird des Todestages des bulgarischen Nationalhelden Wassil Lewski gedacht, und die gesamte Regionalpolitik trägt zur Kranzniederlegung schwarzen Zwirn.
Vor dem Fabriksgelände demonstriert niemand mehr. Tausende Arbeiter, Ingenieurinnen, Buchhalterinnen und Buchhalter strömen Schicht für Schicht in die Munitionsfabrik, die auf dem Gebiet der beiden Gemeinden Sopot und Karlowo liegt. 5000 Menschen arbeiten in der letzten staatlichen Waffenfabrik Bulgariens, die meisten davon stammen aus der Region. „Meine Eltern zum Beispiel, ihr ganzes Leben bis zur Pension“, erzählt Stanislaw Stoentschew. Er ist seit drei Jahren Bürgermeister der Stadtgemeinde. Die Fabrik ist die Haupteinkommensquelle der Region. Fast jede Familie hier hat mindestens ein Mitglied, das sein Geld in der Waffenfabrik verdient.
„Ich hätte Frau von der Leyen natürlich auch gern empfangen und ihr die Hand geschüttelt“, sagt der Bürgermeister. „Aber ich bin wohl auf einer zu niedrigen politischen Ebene und kein Minister.“ Man könnte meinen, es kränke ihn ein wenig, dass er nicht Teil des Begrüßungskomitees war. „Die Firma ist unser größter Arbeitgeber. Im Ort sagen wir: Es gibt sicher ein VMZ ohne Sopot, aber kein Sopot ohne VMZ.“ Dass seine Stadt seit Kriegsbeginn in der Ukraine und mit der geplanten Investition von Rheinmetall ins geopolitische Sichtfeld von Moskau, Berlin und Brüssel rückt, möchte der Bürgermeister nicht kommentieren. Dabei ist die Produktion im Werk seit 2022 ein Kriegsfaktor.
"Im Ort sagen wir: Es gibt sicher ein VMZ ohne Sopot, aber kein Sopot ohne VMZ.“
Bürgermeister Stanislaw Stoenchew
über die Bedeutung der Munitionsfabrik für seinen Ort.
In den ersten Kriegsjahren avancierte Bulgarien zu einem der wichtigsten Munitionslieferanten der ukrainischen Armee. Die staatliche VMZ ist eines der letzten Werke in Europa, das noch Munition und Ausrüstung russischer Bauart herstellt. Kurz nach der russischen Invasion brauchte das ukrainische Militär schnell und in großen Mengen genau solche ballistischen Geschoße und entsprechende Munition. Denn die Ausrüstung der ukrainischen Armee war damals selbst noch „Made in Russia“.
Wobei die Lieferungen oft über Mittelsfirmen liefen und nicht direkt an die Ukraine gingen, wie der ehemalige und damals zuständige Verteidigungsminister Todor Tagarew im profil-Interview erklärt. Man muss Russland die Unterstützung auch nicht unter die Nase reiben – in einem Land, in dem russischer Einfluss noch immer stark ist und fast die Hälfte der Bevölkerung Umfragen zufolge Russland zumindest nicht unfreundlich gegenübersteht. Mittlerweile wird der Krieg stärker mit Drohnen geführt, und hier spielt Bulgarien als Lieferant keine so gewichtige Rolle mehr.
Zutritt verboten
Mehrere Anfragen von profil für ein Gespräch mit der Geschäftsführung über die berichteten Munitions- und Militärlieferungen an die Ukraine und über die geplante Investition von Rheinmetall wurden vom Unternehmen höflich abgelehnt. Die Rüstungsindustrie ist auch in Bulgarien äußerst verschwiegen. Das Geschäft floriert jedenfalls. Seit Kriegsbeginn hat die bulgarische Rüstungsindustrie ihre Kapazitäten fast verdreifacht. Allein VMZ soll im Vorjahr bulgarischen Wirtschaftspublikationen zufolge eine halbe Milliarde Euro umgesetzt haben.
In Zeiten der Industriekrise, die auch bulgarische Betriebe trifft, ist der Rüstungssektor ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der in den vergangenen Jahren kriegsbedingt an Macht und Kapital gewonnen hat. Bulgarien hat mit knapp über 18.000 Euro pro Kopf das geringste BIP aller EU-Staaten. Allerdings wuchs die Wirtschaft dort im Vorjahr um 3,1 Prozent der Wirtschaftsleistung – auch dank Rüstungsinvestitionen. Die letzten verfügbaren Zahlen zum Beitrag des Rüstungssektors zur bulgarischen Wertschöpfung stammen aus dem Jahr 2024. Damals machte die Rüstungsindustrie laut dem bulgarischen Wirtschaftsministerium mehr als vier Prozent des BIP aus. Tendenz steigend. Die Rüstungsexporte betrugen fast drei Milliarden Euro. Über 70.000 Menschen sind in diesem Sektor beschäftigt. Grund genug für Brüssel und Moskau, ganz genau hinzusehen.
Zurück nach Sopot und zur geplanten Milliardeninvestition: Rheinmetall und die staatliche VMZ gründen ein gemeinsames Joint Venture, an dem Rheinmetall mit 51 Prozent beteiligt ist und der Staat über VMZ mit 49 Prozent. Bulgarien beteiligt sich mit rund 500 Millionen Euro an dem Joint Venture. Das Geld ist übrigens ein EU-Kredit zu äußerst günstigen Konditionen aus dem sogenannten SAFE-Mechanismus zur Stärkung der europäischen Verteidigungsbereitschaft. Eine weitere halbe Milliarde investiert Rheinmetall. Europas Verteidigungsindustrie plant, ihre Kapazitäten auf zwei Millionen Granaten pro Jahr zu steigern. Und ein nicht ganz kleiner Teil davon soll künftig hier in Sopot produziert werden. Für das Joint Venture selbst nennt Rheinmetall rund 100.000 Geschoße jährlich und Treibladungen für bis zu 150.000 Geschoße ab 2027. Allerdings nicht nach russischen Standards, sondern nach NATO-Kriterien.
Für die Stadtbewohner und die umliegenden Gemeinden bedeutet das vor allem 1000 neue Arbeitsplätze. Warum also der Unmut über von der Leyens Besuch? „Ich weiß nicht, ich bin noch skeptisch. Sie sollen erst einmal investieren. Aber wir dürfen uns nicht in diesen Krieg hineinziehen lassen“, sagt ein älterer Stadtbewohner. „Und nicht, dass Sie meinen Namen in Ihre österreichische Zeitung schreiben!“ So skeptisch sind nicht alle Stadtbewohner. Was gut für den Standort ist, ist auch gut für die eigene Geldbörse.
Der Eingang des Fabrikareals liegt auf der anderen Straßenseite. Auf Google Maps hat es in etwa die gleiche Fläche wie das danebenliegende Sopot. Hineingehen, fotografieren oder Gespräche mit den Mitarbeitern zu führen, ist nicht erlaubt.
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(profil.at)
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Stand:
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.