46-221067374
Bild anzeigen
Der ukrainische Staatspräsident hat einen Verbündeten (fast) verloren, aber an Cleverness gewonnen.

Drucken

Schriftgröße

Seit bald vier Jahren ist Wolodymyr Selenskyj der am wenigsten zu beneidende Staatspräsident der Welt. Aber bis zu Beginn dieses Jahres hatte der erste Mann im Staat der Ukraine wenigstens eine Gewissheit. Er wusste, wer seinem Land im Krieg gegen den Aggressor Russland beistand. Es war der Westen, der Putins Invasion unzweideutig als Angriffskrieg verurteilte, der gegen die UN-Charta verstößt. Folgerichtig standen die westlichen Staaten der Ukraine zur Seite. Die USA, Großbritannien, die Europäische Union, die NATO und andere halfen Kyiv mit Waffen, Munition, Geld und diplomatischer Unterstützung.

Plötzlich, mit der Angelobung von Donald Trump zum US-Präsidenten, setzte Ungewissheit ein. Trump hatte vorhergesagt, er werde den Krieg Russlands in der Ukraine in den ersten 24 Stunden seiner Amtszeit beenden. Selenskyj wusste, dass dies unmöglich ist, und doch muss er dem 20. Jänner 2025, dem Tag der Inauguration, bange entgegengesehen haben. Irgendeinen Plan würde Trump verfolgen müssen, aber welchen?

Wolodymyr Selenskyj auf einem Schwarz-Weiß-Foto
Bild anzeigen

Selenskyj wurde zur Angelobung in Washington D.C. nicht eingeladen. Er gratulierte Trump auf X, nannte dessen Politik „eine Gelegenheit, einen gerechten Frieden zu schaffen“, und schrieb, er freue sich auf eine „für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit“. Es sollte anders kommen.

Deal or No Deal

Zwei Tage nach der Angelobung postet Trump auf seiner Plattform „Truth Social“: „It’s time to MAKE A DEAL“. (Es ist Zeit, einen Deal zu machen.) In den Tagen danach sieht es so aus, als würde Trump mit Selenskyj an einem Plan arbeiten wollen, doch Mitte Februar findet in Saudi-Arabien ein hochrangiges Treffen zwischen den USA und Russland statt. US-Außenminister Marco Rubio und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow sitzen einander gegenüber. Selenskyj darf nicht dabei sein.

Plötzlich dreht der Wind. Trump macht öffentlich die Ukraine für den Krieg (mit)verantwortlich und beginnt, abwechselnd prorussische und proukrainische Positionen einzunehmen, je nachdem, mit wem er zuletzt gesprochen hat. Schließlich, am 28. Februar, kommt es zum Eklat.

An diesem Tag empfängt Trump Selenskyj im Weißen Haus, und in Anwesenheit von TV-Kameras und Journalisten brechen Trump und Vize-Präsident JD Vance einen Streit mit dem ukrainischen Gast vom Zaun. Trump bemerkt sarkastisch, dass Selenskyj „heute besonders schick angezogen sei“, weil dieser keinen Anzug trägt, Vance wirft Selenskyj vor, er sei „undankbar“, und Trump kanzelt den Gast mit der Bemerkung ab, dieser habe „im Moment nicht die Karten in der Hand“. Selenskyj lässt sich, sichtlich aufgebracht, dazu hinreißen, patzig zu antworten: „Ich spiele keine Karten. Ich meine es sehr ernst, Herr Präsident. Ich meine es sehr ernst. Ich bin der Präsident in einem Krieg.“

Das Treffen endet vorzeitig. Selenskyj wird aufgefordert, ohne weitere öffentliche Stellungnahme abzureisen.

Europäische Staats- und Regierungschefs reisen eilends nach Washington, um Trump zu besänftigen. Das klappt, und im August ist Selenskyj, diesmal im Anzug, wieder im Weißen Haus zu Gast. Ganz amikal.

Doch Trump ist kein Verbündeter der Ukraine, wie sein Vorgänger Joe Biden es war. Immer öfter steht Selenskyj mit dem Rücken zur Wand. Russland überzieht die Ukraine mit Luftangriffen, Korruptionsskandale in Selenskyjs Regierungskabinett schwächen den Staatschef politisch, und Trump drängt zusehends harscher auf einen Gebietsverzicht. Zuletzt übernimmt das Weiße Haus eine Forderung des Kremls und verlangt Präsidentschaftswahlen in der Ukraine. Selenskyj ist seit 2019 Staatschef, eigentlich ist seine Amtszeit im Mai 2024 abgelaufen. Da in der Ukraine das Kriegsrecht gilt, können Wahlen ausgesetzt werden, doch Trump scheint Selenskyj bewusst in Schwierigkeiten bringen zu wollen.

Dieser reagiert einmal mehr mit der Cleverness eines Mannes, den nichts mehr aus der Ruhe bringen kann, weil er gleich zu Beginn des Krieges mehrmals dem Tod entronnen ist. Er stimmt der Forderung nach Wahlen zu, allerdings unter einer Bedingung: Selenskyj verlangt von den USA und Europa Sicherheitsgarantien für die Durchführung der Wahlen. Dies jedoch würde bedeuten, dass Russland zu einer Feuerpause genötigt werden müsste.

Trump hat recht, Selenskyj hat keine guten Karten. Aber er spielt mit den schlechten verdammt gut.

Robert Treichler

Robert Treichler

Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur.