Flüchtlingskind Ukraine-Moldawien

Ein Flüchtlingskind an der Grenze zwischen der Ukraine und Moldawien

© APA/AFP/Christophe Archambault

profil-Morgenpost
04/29/2022

Zwei Monate Krieg in der Ukraine: Schauen wir noch hin?

Kriegsüberforderung, Willi Resetarits, Rammstein: Persönliche Anmerkungen zum Wochenausklang.

von Philip Dulle

Auf allen Kanälen ist Krieg. Truppenverschiebungen, neue und alte Brandherde, Gaslieferstopps, “Die Schlacht um Mariupol”, jetzt auch noch Anschläge in Transnistrien. Russlands Außenminister Sergej Lawrow raunt gar von einem möglichen dritten Weltkrieg (“Die Gefahr ist ernst, sie ist real, sie darf nicht unterschätzt werden”) – und es scheint mir, selbst Putin hat keine Freude mehr an seinem bestialischen Angriffskrieg. Über zwei Monaten herrscht nun schon Krieg in der Ukraine, und er verkommt in meiner eigenen Lebenstimeline immer mehr zur undurchdringbaren und unüberschaubaren Überforderung. Dazu die bange Frage: Darf ich angesichts des Leids der Menschen in Ukraine überhaupt glücklich sein? Und was bedeutet Glück im Jahr 2022 überhaupt noch? Ich bin dazu hinübergegangen, mir Antworten im Kleinen zu suchen. Wenn ich, zum Beispiel, mit dem ukrainischen Flüchtlingsbuben, der jetzt mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester einen Häuserblock weiter eine Unterkunft gefunden hat, im Fußball-Käfig mal wieder den Ball ordentlich ins Tor getreten habe, ist es schon ein guter Tag. Wie gehen Sie mit dem Krieg in Europa um? Schreiben Sie mir gerne an [email protected].

Vor ein paar Jahren durfte ich den Musiker, Aktivisten und Menschenfreund Willi Resetarits für unsere Gesprächs-Serie “Was ich vom Leben gelernt habe” interviewen. Treffen wollte sich Resetarits, wie könnte es anders sein, in seinem Integrationshaus in der Wiener Leopoldstadt. Verstorben ist er, der durch die Kultfigur Dr. Kurt Ostbahn und sein soziales Engagement zu einem Säulenheiligen Österreichs wurde, überraschend und tragisch, am vergangenen Sonntag, nachdem er am Vorabend noch den Wiener Flüchtlingsball eröffnet hatte (einen Nachruf des Autors Christian Seiler lesen Sie hier). Was dieser Tage viele Menschen tröstet: seine Musik und seine weisen Worte – die werden bleiben. Mir erzählte er 2017 über sein aufregendes Leben: “Ich bereue nichts. In dieser Hinsicht halte ich mich streng an Édith Piaf. Egal ob es um das Wiederauferstehen von Kurt Ostbahn oder andere Belange geht. Jede Entscheidung ist ein Lernprozess, der nie endet.” 

Jetzt noch zu Rammstein. Nein, nicht der US-Militärstützpunkt Ramstein im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz, der seit dem Krieg in Europa wieder ins Zentrum der Weltöffentlichkeit gerückt ist. Heute, an diesem 29. April 2022, erscheint „Zeit”, das achte Album der ostdeutschen Welterfolgsband, und es könnte sich, in popkulturellen Dimensionen gedacht, um einen historischen Tag handeln. So widmen sich die sechs Musiker auf ihrem Album der eigenen Endlichkeit und spiegeln den ewigen Menschheitswunsch, die Zeit doch für einen Moment festhalten zu können. Immerhin deuten mehrere Zeichen darauf hin, dass es sich um das letzte Werk der notorischen Skandalband um Sänger Till Lindemann handeln könnte (die Band gastiert Ende Mai zwei Mal im ausverkauften Wörthersee Stadion in Klagenfurt). Gemeinsam mit meinem Kollegen und Rammstein-Auskenner Stephan Graschitz haben wir die elf neuen Songs analysiert und kritisiert. Unmissverständlicher Titel: “Letzte Lieder”. Die ganze Geschichte lesen Sie jetzt auf profil.at oder ab Samstag im neuen profil.

Rammstein mit neuem Album "Zeit"

P.S. Freundinnen und Freunden empfehle ich aktuell gerne folgende Geschichte, die meine Kollegin Christa Zöchling im November des Vorjahres aufgeschrieben hat – und für die sie diese Woche den Concordia-Preis für Menschenrechte verliehen bekommen hat. Titel: “Der Hölle in Afghanistan entrissen”. Es geht um eine Richterin und ihre Familie, die den Taliban entkommen ist. Spoiler: Zöchling persönlich hatte erheblichen Anteil am Erfolg der humanitären Rettungsaktion. Eine Geschichte, die Hoffnung spendet.

Einen guten Start ins Wochenende wünscht

Philip Dulle