Die Afghanische Richterin Palwasha M.

Palwasha M. (Kopftuch türkis, schwarze Kleidung im Vordergrund) ist 42 Jahre alt und war Richterin am Supreme Court in Kabul, Afghanistan. Mit ihrer Familie in Luxemburg im Oktober 2021. 

© Christa Zöchling

Titelgeschichte
11/06/2021

Kabul: Der Hölle in Afghanistan entrissen

Nach neuneinhalb Wochen, versteckt in einem Keller in Kabul, sind eine Richterin und ihre Familie den Taliban entkommen. Christa Zöchling über eine Flucht, bei der viele mitgeholfen haben. Die österreichische Regierung war nicht dabei. [E-Paper]

von Christa Zöchling

Plötzlich verliert die Berichterstattung an Bedeutung und die eingeübte journalistische Distanz macht keinen Sinn mehr. Meine profil-Story vom 22. August dieses Jahres über eine Richterin, die sich in Kabul aus Angst vor den Taliban in einem Keller versteckt hält, trägt den Titel „Ist da jemand?“ Die als Hilferuf gemeinte Frage ist eigentlich an die österreichische Regierung gerichtet, doch die meldet sich nicht. Kann ich es dabei bewenden lassen? Nein.

Von der Tragödie erfuhr ich durch einen Zufall. Als die radikal-islamistischen Taliban am 15. August die afghanische Hauptstadt Kabul einnehmen und damit die Macht über das ganze Land an sich reißen, ist Mirwais Wakil, ein österreichischer Politikwissenschaftler mit afghanischen Wurzeln, zu Gast in meinem Podcast „profil History“. Er erzählt auch von einer Richterin und deren Familie, die er in der Vergangenheit mehrmals in Kabul besucht hat. Er ist in großer Sorge um sie.

Politikwissenschaftler Wakil kennt Omar, einen Bruder der Richterin, der in Salzburg lebt. Am Tag darauf sitze ich neben Omar auf der Couch seiner kleinen Gemeindewohnung. Bis 2013 hat er für amerikanische Militärs in Afghanistan gedolmetscht, hat Kampfeinsätze mitgemacht. Dann kam  er nach Österreich. Hätte er länger durchgehalten, wäre er noch dort und könnte etwas tun für seine Familie. So aber ist er hilflos und fühlt sich schuldig.

Als sie vor ein paar Tagen miteinander telefonierten, hatte sie Gift in der Hand und meinte, wenn die Taliban sie finden, sei es sowieso aus. Omar stellt Kontakt per WhatsApp-Videotelefonie her. Auf dem Display meines Handys erscheint ihr fleckiges Gesicht mit tiefen Schatten unter den Augen, dahinter eine schulterhohe Kachelwand mit Holzregalen. Schwacher Lichtschein fällt ein. In Kabul ist es früher Nachmittag.

Im Hintergrund des WhatsApp-Videobildes ist eine junge Frau zu erkennen, die Decken der vergangenen Nacht faltet und verstaut. Es ist Palwashas Schwester Zarghona, 34 Jahre alt, Ärztin in einem Kabuler Krankenhaus. Die zweite Schwester, Spozhmai, 35, war bis vor wenigen Tagen Lehrerin an einer High-School für Mädchen, die dritte, Durkhanai, 40, unterrichtete Dari und Literatur. Sie liebt die Romane von Victor Hugo, die Erzählungen von Alexander Puschkin und die Gedichte von Rumi. Einmal huscht die jüngste Schwester durch das Bild, Deewa, 27, Absolventin an der Fakultät für islamische Studien an der Universität in Kabul, Praktikantin bei der Staatsanwaltschaft. Sie wollte Anwältin werden. Dann ist da noch die gebrechliche Mutter, 68, die an Asthma leidet.

Schließlich der einzige Mann in diesem Versteck: Palwashas Bruder Maiwand, 31, auf einem Auge blind. Es geschah während der ersten Taliban-Herrschaft in den 1990er Jahren. Maiwand war ein Kind, spielte auf der Straße ein Wettspiel und wurde dafür von einem Talib gezüchtigt. Seither hat er ein Glasauge.

„Wenn eine von uns rausgeht, sind alle anderen dran“, sagt Palwasha mit tränenerstickter Stimme. Das Reden fällt ihr schwer. Sie schildert, wie sie alle gemeinsam ihr Haus verlassen haben, um sich in diesem Keller eines verlassenen Gebäudes zu verstecken.

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