Geschichte immer wieder neu schreiben
Wenn wir von Byzanz sprechen, was wird darunter verstanden?
Claudia Rapp: Wir nennen es „das andere Mittelalter“. Es handelt sich um eine christliche Gesellschaft, die im östlichen Mittelmeerraum angesiedelt war und Griechisch sprach. Sie ist die Wiege des orthodoxen Christentums, wie wir es heute kennen. Die Byzantiner haben sich selbst nie so bezeichnet, sondern als Nachfolger des Römischen Reiches verstanden. Das Wort Byzanz wurde von deutschen Humanisten erfunden, die einen Begriff für dieses mittelalterliche Reich als Vorgänger der Osmanen suchten.
Worauf beruht das Wissen über das byzantinische Reich?
Unsere Kenntnis beziehen wir aus zeitgenössischen Quellen, die in Form von Manuskripten überliefert sind. Das können historische Berichte, Lebensbeschreibungen von Heiligen, erbauliche Schriften oder liturgische Texte sein. Diese Handschriften sind in allen großen Bibliotheken der Welt verteilt – über 1000 griechische Manuskripte finden sich allein in der Österreichischen Nationalbibliothek. Das erklärt, warum Wien sich im letzten halben Jahrhundert zu einem starken Zentrum der Byzantinistik entwickelt hat.
Prof. Claudia Rapp, Universität Wien
Was umfasst Ihre Forschung?
Ich beschäftige mich mit zwei Fragen. Einerseits interessiert mich Byzanz als Vermittler in Richtung östliche Kulturen – also in den Nahen Osten und bis hin nach China. Dieses Thema bearbeiten wir in einem großen FWF Exzellenzcluster „EurAsian Transformations“ mit Kolleg*innen anderer Fachausrichtungen. Was mich persönlich interessiert, ist die Handschriftenkultur als Indiz für Sozialgeschichte. Dafür analysiere ich Gebetsbücher, die von Priestern für die eucharistische Liturgie verwendet wurden. Sie enthalten aber auch Rituale für Hochzeit, Taufe, Begräbnis sowie kleine Gebete für den Alltag – diese wurden etwa gesprochen, wenn eine Frau eine komplizierte Geburt hatte, wenn man von einer Schlange gebissen wurde oder wenn man Schädlinge von den Feldern weghalten wollte. Es gibt da ein riesiges Spektrum, und die Gebete erlauben uns einen Blick in das authentische Alltagsleben.
Und diese Texte wurden bisher noch nicht vollständig erforscht?
Bisher haben sich die Wissenschafter*innen eine Handschrift nach der anderen vorgenommen, beginnend mit der ältesten, weil diese am nächsten an den Ursprüngen ist. Mein Team und ich wollen den ganzen Bestand systematisch erfassen. So kann man verfolgen, ob die Gebete in den Manuskripten verschiedener Jahrhunderte wiederholt oder adaptiert wurden oder ob von späteren Benutzer*innen Kommentare hinzugefügt wurden. Man kann an einem Manuskript auch ablesen, wie häufig eine bestimmte Seite aufgeschlagen war, weil sich dann unten in den Ecken dunkle Spuren finden oder Wachstropfen von Kerzen. Daran lässt sich vieles ableiten.
Tauchen auch neue Manuskripte auf?
Es gibt Tausende von Handschriften, verteilt über die ganze Welt. Es gibt Privatsammlungen, Klostersammlungen, aber auch kleine Sammlungen, die noch unzureichend katalogisiert sind. Somit muss man zunächst einzelne Texte in den Handschriften identifizieren. Das ist viel Arbeit, wird heute aber zunehmend mit automatisierten Methoden gemacht. Dabei können durchaus unbekannte Texte auftauchen – Überraschungen gibt es also immer wieder. Was für uns Forscher*innen besonders interessant ist, sind Palimpseste. Dabei handelt es sich um Handschriften, bei denen die untere Schrift ausradiert und überschrieben wurde. Heute können wir mithilfe von Multispektralfotografie und computergestützter Bildanalyse diese unteren Schichten wieder lesbar machen. Da kommen zum Teil Texte zum Vorschein, von denen man vorher noch nie gewusst hat. Danach kann man nicht systematisch suchen, es sind Zufallsfunde. Aber es zeigt, dass es in der Byzantinistik noch viel zu tun gibt.
SPURENSUCHE BYZANZ
In der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek ist aktuell die Ausstellung „Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters“ zu sehen, die in Zusammenarbeit mit der Universität Wien gestaltet wurde.
onb.ac.at