„Wir müssen endlich erwachsen werden“
Über 80 Prozent der digitalen Schlüsseltechnologien, die Europa täglich nutzt, kommen aus den USA oder China. Anfang Juni wurde das EU-Gesetzespaket „Tech Sovereignty Package“ präsentiert, das die digitale Souveränität Europas vorsieht, indem eigene Technologien entwickelt werden. Cristina Caffarra, Kartellrechtsökonomin, Ehrenprofessorin an der UCL London sowie Koordinatorin des Competitiveness Research Network, eines Zentrums für Forschung und Politikanalysen zur Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität, erklärt, was sie am meisten stört.
Cristina Caffarra
Brüssel bezeichnet sein „Tech Sovereignty Package“ als „einen grundlegenden Wandel in Europas Technologiepolitik“. Sie nennen es „eine klassische, ambitionierte EU-Initiative“. Woher kommt diese Diskrepanz?
Cristina Caffarra: Na ja, seien wir mal ehrlich – eine Regulierungs- oder Gesetzgebungsbehörde wird immer ihre eigenen neuen Regeln und Vorschriften über den grünen Klee loben. Es sind Hunderte von Seiten voller ambitionierter Absichten, aber hat das die Kraft, viel zu verändern? Nein. Regulierungs- und Gesetzgebungsbehörden können keine Märkte schaffen. Die Europäer legen zu viel Wert darauf, dass die Kommission die Mutterrolle übernimmt und Dinge in Gang bringt. Das kann sie nicht, das wird sie nicht. Das kann nur der Privatsektor.
Wichtige Vorschläge zur „Buy European“-Beschaffung und Cloud-Souveränität wurden zurückgenommen. Wer hat darauf gedrängt?
Das ist doch offensichtlich, oder? Hyperscaler (Anbieter von Services für Cloud Computing und Datenmanagement für Unternehmen, Anm.), die mit Drohungen wie Handelsvergeltungsmaßnahmen arbeiten, und Mitgliedstaaten, die von Hyperscalern oder Transatlantikern vereinnahmt wurden, die die US-Regierung nicht verärgern wollten und sich festgefahren haben. Die Kommission musste sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Ein weiterer Grund, warum dieses Paket nichts ändern wird.
Wie könnte denn ein stärker marktorientierter Weg zur europäischen technologischen Souveränität aussehen?
Die Europäer sollten sich weniger auf die Überzeugung verlassen, dass „die Kommission“ oder „die Regierung“ „etwas tun“ muss. Europa hat technologische Talente, ist sehr reich und verfügt über enorme Kapitalmengen – wir sparen doppelt so viel wie die USA, nämlich 1,3 Billionen pro Jahr. Es ist ein Mythos, dass wir kein Geld haben. Aber wir schicken es in die USA, um in Risikokapital und US-Innovation zu investieren. Private Unternehmen müssen hier aufbauen, und Geldgeber müssen hier investieren. Wo sind die Vorreiter? Europäische Unternehmen sind vollständig von Hyperscalern vereinnahmt, anstatt eine ernsthafte Industriestrategie zu unterstützen. Wir müssen endlich anfangen, erwachsen zu werden.
Sie haben einen Stimmungswandel in ganz Europa beschrieben. Investoren, Gründer und politische Entscheidungsträger nehmen die europäische Tech-Branche auf eine Weise ernst, die vor einem Jahr noch undenkbar war. Was hat sich geändert?
Ganz klar: die Geopolitik und die Erkenntnis, dass das europäische Wirtschaftsmodell, eine offene, exportorientierte Wirtschaft, nicht mehr tragfähig ist. Wir müssen den in Europa geschaffenen Wert für uns sichern und dürfen ihn nicht in Form von Umsätzen und Gewinnen an Hyperscaler ins Ausland abfließen lassen.
Was hält uns davon ab?
Risikoaversion, Trägheit und vor allem bequemes Denken.
Digital Humanism Conference 2026– Orientation in turbulent times
Vom 24.bis 26. Juni findet in Wien bereits die zweite große Konferenz zum Thema „Digitaler Humanismus“ statt. Sie bringt führende Denker aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen und untersucht, wie Demokratie durch Technologie neu gestaltet werden kann: nicht als rein technische Herausforderung, sondern als gesellschaftliches Projekt, das auf Menschenrechten, Inklusion, Gleichheit, Vielfalt und ökologischer Verantwortung basiert. Cristina Caffara wird am 26. Juni zum Thema „Digitale Souveränität in der Praxis“ sprechen.
Mehr Informationen hier: dighum.wien