Würde Europa einen Krieg gegen Russland gewinnen?
Die Tomahawk-Rakete aus den USA ist so etwas wie die Wunderwaffe unter den Marschflugkörpern. Sie kann von Flugzeugen, Schiffen und U-Booten aus gestartet werden und Ziele in großer Distanz treffen. Und die Hyperschallrakete Dark Eagle, eine der modernsten US-Waffen, kommt sogar auf eine Reichweite von mindestens 2700 Kilometer.
Europa hat lange Zeit kein Interesse daran gezeigt, seine eigenen Mittelstrecken-Raketen zu entwickeln und sich voll auf die USA verlassen. Das rächt sich jetzt.
Noch im Jahr 2024 sicherte der damalige US-Präsident Joe Biden Deutschland die Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern und Dark-Eagle-Raketen zu. Auf diese Weise würde Europa Zeit gewinnen, um eigene Modelle zu entwickeln, so der Plan. Doch nun hat Trump die Zusage kurzerhand zurückgezogen. Damit fehlen Europa im Ernstfall eines russischen Angriffs die entscheidenden Waffensysteme, die es zur Verteidigung bräuchte. Denn mit Tomahawk und Dark Eagle könnten empfindliche Ziele wie Einrichtungen der Rüstungsindustrie und Waffenlager im russischen Hinterland getroffen werden. Mit der Entscheidung Trumps wackelt der wichtigste Pfeiler der europäischen Sicherheitspolitik: die Abschreckung.
Putins Ziel: das Ende der NATO
In den vergangenen Jahren haben Experten unterschiedliche Szenarien dazu ausgearbeitet, wie ein Angriff Russlands auf einen EU- und NATO-Staat tatsächlich aussehen könnte. In seinem Buch „Die Rückkehr des Krieges“ beschreibt der österreichische Militärexperte Franz-Stefan Gady etwa einen Einmarsch russischer Truppen ins Baltikum. Und sein deutscher Kollege Carlo Masala skizziert in seinem Buch „Wenn Russland gewinnt“ einen russischen Angriff auf Estland.
Wie auch immer ein Angriff auf die EU aussehen würde – die entscheidende Frage ist, wie Europa und die NATO darauf reagieren. Würde etwa Deutschland das Leben seiner Soldaten riskieren, um ein relativ kleines Gebiet im Baltikum zu verteidigen?
Für Moskau dürfte es weniger darum gehen, große Gebiete einzunehmen, sondern vielmehr darum, die Bündnisbereitschaft der NATO zu testen. Sollten die Mitglieder des Verteidigungsbündnisses einem angegriffenen Parner nicht oder nicht ausreichend zu Hilfe eilen, wäre die NATO obsolet – und Russlands Präsident Wladimir Putin hätte sein Ziel erreicht.
„Wir sind stärker“
Davor hat Riho Terras keine Angst. Ich habe den ehemaligen Befehlshaber der estnischen Streitkräfte vergangene Woche im Europäischen Parlament in Straßburg für ein Interview getroffen. Terras ist seit 2020 EU-Abgeordneter der konservativen estnischen Partei „Isamaa“ (EVP). Auf meine Frage, welches Szenario eines russischen Angriffs er für wahrscheinlich hält, wollte er nicht antworten. „Es hilft nicht, jeden Tag darüber zu sprechen, wie schwach die NATO ist und dass Russland uns angreifen kann“, sagt Terras. Stattdessen müsste Europa für den Ernstfall üben – und seine Kriegsbestände füllen.
Doch das dauert.
Terras ist dennoch überzeugt, dass Russland jeden Krieg gegen Europa verlieren würde: „Wir sind stärker, wir haben mehr Schiffe, mehr Panzer, wir haben von allem mehr.“
Im Interview erklärt er auch, wieso er seinen Glauben an die NATO nicht verloren hat und Österreichs Neutralität für ein Feigenblatt hält, das längst weggehört.
Das ganze Interview mit Riho Terras hören Sie in der neuen Folge des profil-Podcasts „Die Schlacht um Europa“.