Markus Gstöttner (links), Nico Marchetti (rechts)
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Generalsekretäre: Die Blitzableiter der Parteichefs

Mit Nico Marchetti verabschiedete sich der neunte ÖVP-Generalsekretär in zehn Jahren. Ein Manager-Posten, der einem den Weg zum Parteichef ebnet oder aus der Spitzenpolitik rauskickt. Was braucht sein Nachfolger Markus Gstöttner?

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Sie kommentieren das politische Geschehen, geben Interviews und stehen an Wahlabenden oft als Erste vor der Kamera. Die Rede ist nicht vom Parteichef, sondern vom Generalsekretär. In der ÖVP hatte Nico Marchetti dieses Amt seit 2025 inne, vergangenen Mittwoch kündigte er seinen Rückzug an. Die Funktion ist eine Managerrolle in der Parteizentrale: Während Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker möglichst breit in die Wählerschaft wirken muss, lag Marchettis Aufgabe vor allem in der Arbeit nach innen in die Parteiorganisation und die Bünde hinein. 

Stocker kennt diese Funktion gut. Er war selbst ÖVP-Generalsekretär unter Karl Nehammer, der wiederum unter Sebastian Kurz diese Funktion ausübte. In der Volkspartei war der Posten oft ein Karrieresprungbrett: Gernot Blümel rückte 2013 als Generalsekretär in die Bundespolitik, später als Finanzminister auf, Peter McDonald folgte 2015, heute ist er Vorsitzender der Österreichischen Gesundheitskasse. Bevor Alexander Pröll ins Bundeskanzleramt wechselte, war er zwei Monate lang der Vorgänger von Marchetti. 

Nicht nur in der ÖVP kann die Funktion Karrieren beflügeln. Herbert Kickl, Harald Vilimsky und Marlene Svazek ebneten sich über die parteiinterne Managementfunktion den Weg in die FPÖ-Spitzenpolitik. Im roten Pendant, der SPÖ-Bundesgeschäftsführung, hatten Andreas Rudas, Doris Bures, Alfred Gusenbauer oder Max Lercher die Rolle inne. Allesamt Namen die bis heute in den Parteien mit- oder nachwirken.

Generalsekretärinnen und -sekretäre machen die unrühmliche Arbeit für ihre Chefs: „Der Parteivorsitzende oder der Bundeskanzler hat die verbindende Rolle. Er spricht möglichst viele Leute an, logischerweise polarisiert er nicht“, sagt Joe Kalina zu profil. Kalina war bis 2008 SPÖ-Bundesgeschäftsführer. Die Sozialdemokratie besetzte die Bundesgeschäftsführung in der Vergangenheit häufig doppelt: Eine Person übernahm die kaufmännische Leitung, die andere die politische Kommunikation, früher Zentralsekretär genannt. Diese zweite Rolle sei meist jene, „die die pointierteste, konfrontativste Rolle zu spielen hat“, sagt Kalina. Nach innen müsse sie verbinden, nach außen auch angriffig sein können, ohne den Parteichef oder Kanzler zu beschädigen. 

Das ist der undankbarste Job in der Politik

Maria Rauch-Kallat

ehemalige ÖVP-Generalsekretärin

Diesen Part erfüllte Marchetti bedingt: Er warf den Regierungspartnern beim Wiener Schulmodell „Sozialromantik“ vor, kritisierte die Neos wegen der Bestellung des früheren pinken Abgeordneten Gerald Loacker an den Europäischen Rechnungshof und scheute sich als Favoritner nicht, auf Migrationsprobleme in seinem Bezirk hinzuweisen. Der Koalition schadete das kaum. Mehr noch: Scharfe Kritik richtete Marchetti vor allem gegen die FPÖ, der er regelmäßig mangelnde Verantwortungsübernahme vorwarf. Doch so deutlich seine Aussendungen seine Kommunikation nach außen dokumentieren, so schwierig blieb die Arbeit nach innen. Eine ÖVP-Generalsekretärin oder -sekretär muss auch zwischen Wirtschaftsbund und Arbeitnehmerbund vermitteln, zwischen Bäuerinnen und Bauern, Tourismus und Industrie, zwischen Ländern und Bundespartei.

Neu seien diese Gegensätze nicht, sagt Maria Rauch-Kallat. Sie war bis 2003 ÖVP-Generalsekretärin und weiß aus Erfahrung, was die Funktion verlangt: Vernetzung in der Partei, Verhandlungsgeschick, Geduld und eine besonders hohe Leidensfähigkeit. Letztere brauche es in dieser Funktion besonders, weil man oft Verantwortung für Entscheidungen übernehmen müsse, die man nicht allein getroffen hat. „Das ist der undankbarste Job in der Politik“, sagt Rauch-Kallat. „Alles, was Ihnen als Generalsekretär/in gelingt, müssen Sie dem Parteiobmann zu Füßen legen. Alles, was misslingt, geht immer auf den/die Generalsekretär/in.“

Der Posten kann also Sprungbrett, aber auch Schleudersitz sein. Wer gewinnt, sammelt Sichtbarkeit, Netzwerke und Vertrauen der Partei. Wer verliert, haftet für misslungene Kampagnen, schlechte Umfragen und interne Konflikte. Gerade der Generalsekretär steht mit seinem Namen oft dort, wo es politisch am unangenehmsten ist.

Für Marchetti, der mit seinem Rücktritt ankündigte, ein zweites Standbein außerhalb der Politik aufzubauen, und Bezirkschef in seiner Heimat Wien-Favoriten zu bleiben, war der Posten wohl kein Karriere-Booster. Auf ihn folgt nun Markus Gstöttner, der zuletzt mit der Reformpartnerschaft betraut war. 

Für den neuen Generalsekretär aus Wien wird die zentrale Aufgabe jener Drahtseilakt, der seine Rolle seit jeher prägt: Länder, Bund und Bünde zusammenzuhalten und zugleich nach außen kampagnenfähig zu bleiben. Aus seiner Erfahrung gibt Kalina angehenden Führungskräften in Parteizentralen einen Rat: „Man muss wissen, was die Job-Description ist. Ich glaube, es wird nicht gut ausgehen, wenn jemand versucht, den Job an seine Bedürfnisse anzupassen.“

Kevin Yang

Kevin Yang

seit 2024 Redakteur und Faktenchecker bei profil Digital. Schwerpunkte: Arbeitsmarkt, Wirtschaftsrecht und Wohnbau. Davor bei „Wiener Zeitung“ und ORF.