Florentina Holzinger als menschlicher Glockenklöppel, nach Venedig nun auch im Bodensee
Haut und Hubschrauber: Wie Florentina Holzinger den Bodensee rockte
Die Wettergötter waren Florentina Holzinger und ihrer Punk-Crew gnädig: An die 3000 Schaulustige fanden sich am vergangenen Samstagabend bei Prachtwetter am Bodensee ein, um die jüngste „Étude“ zu erleben, die Holzinger (auf Einladung des Kunsthauses Bregenz) als „Satellitenveranstaltung“ ihrer Biennale-Arbeit in Venedig veranstaltete – eine Art Spin-Off ihrer Lagunen-Aktion und jener aufwändigen Menschenglocken-Performance, die seit Anfang Mai viel Aufsehen erregt hat (und in den venezianischen Giardini noch bis November zu erleben ist).
Der Abwurf einer tonnenschweren Glocke vom Seil eines Helikopters in den Bodensee und deren anschließende Bergung wurden von einer Live-Komposition begleitet, an der sich vier Schlagzeugerinnen beteiligten.
Die sich daraus entwickelnde spektakuläre Inszenierung umfasste eine Gruppe kopfüber von einem Metallring hängender Performerinnen, die von einem Kran aus dem Wasser gezogen wurden, ebenso wie anschließend auch Holzinger selbst, die – in der Glocke festgeschnallt – ein Reenactment des ikonischen Venedig-Szenarios vor dem Austro-Pavillon vollzog.
2026 ist eindeutig Holzingers Jahr: Als im Februar bekannt wurde, dass der international Strippen ziehende Stargalerist Thaddaeus Ropac die Künstlerin Florentina Holzinger ab sofort vertreten werde, leuchtete dies schnell ein – auch wenn man sich zunächst fragte, was den (in Salzburg und seinen Dependancen in Paris, London, Seoul und Mailand) mit Kunstobjekten handelnden Unternehmer an einem Kunstsubjekt wie der Wiener Choreografin und Performance–Artistin interessieren mag.
Denn Holzingers Arbeiten sind flüchtig, zeitlich begrenzt und kaum transportabel, den Orten, an denen sie stattfinden, präzise angepasst und angemessen. Sie stellt (wenigstens bislang) keine Malerei her, keine Zeichnungen, keine Plastiken und keine museal nutzbaren Installationen. Aber Ropac und Holzinger sind - aus der Not des Nichtobjekthaften heraus – erfinderisch: Für Herbst 2027 hat der Galerist schon die erste Einzelausstellung der Künstlerin angekündigt. Vielleicht ist dies bereits die nächste Raketenstufe, die Holzinger, die einst in den Nischen des Gegenwartstanzes begonnen hat, ehe sie sich zu monumentalen Stunt–Ritualen und blutigen Revuen hocharbeitete, zünden wird. Diese Karriere scheint keine Limits zu kennen.
„No Nonsense“
Tatsächlich ist Florentina Holzingers Reputation in den vergangenen paar Jahren sprunghaft angewachsen, der Respekt der globalen Kunstszene galt ihr schon vor dem Welterfolg, den ihre aufsehenerregende Biennale-Arbeit im österreichischen Pavillon darstellt: Das deutsche Kunstmagazin „Monopol“ kürte sie im November 2024 zur einflussreichsten Künstlerin des Jahres, setzte sie in seinem Ranking an die Spitze der bedeutendsten 100 Persönlichkeiten im Kunstbetrieb.
Wer Florentina Holzinger persönlich begegnet, ist jedenfalls mit einer Person konfrontiert, für die man den Begriff „No Nonsense“ erfunden haben könnte: Auf weitschweifige Höflichkeitsfloskeln oder Umwege ins Humoreske kann sie ganz gut verzichten, sie nützt lieber - sympathisch pragmatisch - die Zeit, die man miteinander hat, kommt ohne Umschweife auf den jeweiligen Punkt und blickt einen dabei unverwandt an, ohne Vorurteile, aber auch ohne unnötige Konzessionen; die „Wir“-Form benutzt sie nicht als Pluralis Majestatis, sondern stellvertretend für ihr langjähriges Team, dessen entscheidendes Zutun auf allen künstlerischen Ebenen sie in jedem Gespräch mehrfach betont.
In dem ausführlichen profil–Interview, das wir am vergangenen Mittwoch mit ihr in Bregenz führen konnten (und das Sie hier nachlesen können), setzte sie sich auch mit dem Unverständnis auseinander, mit dem Teile ihres Publikums auf die Selbstverletzungen und die Waghalsigkeit ihrer zirzensischen Visionen reagieren: Daran sei „nichts Schlechtes“, sagt Holzinger, „trotzdem halte ich persönlich unsere Inszenierungen für sehr eindeutig, und Menschen, die sie vorschnell verurteilen, schauen entweder nicht genau genug hin oder sind ignorant der Realität gegenüber, in der wir alle leben: Denn Gewalt ist ein Bestandteil unserer Gesellschaft, und Dinge wie Nacktheit, Sexualität und Frausein sind hochkomplexe Themen, die keineswegs ausdiskutiert sind; deswegen tun mir all jene, die eine so eingeschränkte Sichtweise haben, eher leid.“
Es sei doch „absurd“ zu meinen, der Feminismus sei ein Kampf, der schon vor 50 Jahren ausgefochten worden sei und heute keine Relevanz mehr hätte. „Gerade Leute, die so argumentieren, fühlen sich dann von uns besonders provoziert.“
Und die „Etüden“, die sie seit Jahren neben ihren Opern und Theaterstücken im öffentlichen Raum (soeben auch am Bodensee) veranstaltet, begreift sie im eigentlichen musikalischen Sinn als Übungsstücke: „Wir üben Resilienz. Letztlich ist auch das, was im Pavillon passiert, für mich Resilienz–Training: Widerstandskraft für die Welt, in der wir leben, und die Zukunft, die sie womöglich bringt. Wenn Leute mich fragen, was das alles darstelle, sage ich immer, das sei nicht so sehr Kunst, als das Training eines bestimmten Lebensstils.“