Die Künstlerin Florentina Holzinger mit ausgebreiteten Armen, in der Hocke, auf einer steilen Treppe im Kunsthaus Bregenz, fotografiert von Wolfgang Paterno
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Schwester Courage: Florentina Holzinger über Kunst, Moral und Hochrisiko-Stunts

Morgen wird Biennale-Star Florentina Holzinger eine tonnenschwere Glocke per Helikopter in den Bodensee abwerfen lassen. Österreichs umstrittenste Performance-Künstlerin im Interview über soziale Gewalt, brutale Märchen und die alte Kernfrage: Ist das Kunst?

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„I live in your piss“, steht auf dem T-Shirt, das Florentina Holzinger zur Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag im Panoramaraum des Bregenzer vorarlberg museums trägt: „Ich lebe in eurer Pisse“, das ist das inoffizielle Motto des Biennale-Beitrags, den Holzinger mit ihrer Crew vor gut zwei Monaten eröffnet hat – und es ist wörtlich zu nehmen, denn die dort bis November lebenden und arbeitenden Performerinnen tauchen abwechselnd täglich stundenlang in einen Glascontainer ab, der mit den (von einer Kläranlage gereinigten) flüssigen Ausscheidungen des Kunstpublikums gefüllt ist.

Wassertank mit tauchendem Paar zwischen zwei Mobilklos, im Hintergrund Bäume
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So lebt Holzinger eben in dem Schmutz, den wir alle hinterlassen, als eine Art weiblicher Messias, dessen Arbeit uns die Augen öffnet, ob wir das wollen oder nicht, und der vom Heraufdämmern der Katastrophen kündigt, die uns blühen werden: Eine muss die Drecksarbeit ja machen.

Wenn Florentina Holzinger ein neues öffentliches Ritual ankündigt, ahnen zartbesaitete Gemüter Schlimmes. Tatsächlich ist mit dem Begriff „turbulent“ das, was sich am frühen Abend des 11. Juli am sonst so friedlichen Bodensee, wenn das Wetter hält, ereignen wird, nur unzureichend beschrieben. 

Denn Holzingers Aktionen sind markerschütternde Ereignisse, in denen Kompositionen aus kreischendem Lärm, maschinellen Eingriffen und physischer Überanstrengung realisiert werden – im Zentrum eine Truppe nackter Performerinnen, die ohne mit der Wimper zu zucken wilde Stunts absolvieren, sich gegebenenfalls auch Metallhaken unter die Haut jagen oder sich mit Stahlspießen die Gesichter piercen.

Vier Schlagzeugerinnen und zehn Performerinnen werden, auf Einladung des Kunsthauses Bregenz (KUB), unter dem Titel „Bodensee Étude“ an diesem Samstag ab 18 Uhr am Bregenzer Molo eine „Satellitenveranstaltung“ zur Biennale bieten: Eine tonnenschwere Kirchenglocke soll per Helikopter in den See abgeworfen und dann per Kran geborgen werden. Um Sünde und Erlösung werde es metaphorisch gehen, lässt die Künstlerin wissen. 

Die motivische Ähnlichkeit mit jener „Étude“, die kurz vor der Eröffnung des Biennale-Pavillons, dieser „Express-Simulation einer dystopischen Natur“, vor ein paar Auserwählten in Venedigs Lagune stattgefunden hat, ist erwünscht. Für die Öffentlichkeit ist der Zutritt diesmal frei, Tickets sind nicht erforderlich, man ist lediglich dazu angehalten, sich wegen des zu erwartenden Publikumsandrangs früh an den „Sunset Steps“ am Molo Bregenz einzufinden.

Am Mittwoch, am Tag vor der Pressekonferenz zu ihrer Bodensee-Aktion, tritt Florentina Holzinger, 40, verhältnismäßig entspannt ins Direktionsbüro des KUB. Sie trägt ein zum Kleid umfunktioniertes Nine-Inch-Nails-Shirt und eine graue Basecap. Ihr nasses Haar rühre „ausnahmsweise nicht“ von einem Tauchgang, sagt sie lakonisch. Dann setzt sie sich und harrt mit unverwandt-sachlichem Blick der ersten Frage.

Porträt der Künstlerin Florentina Holzinger, die mit ernstem Gesicht und Baseball-Kappe auf dem Kopf in die Kamera schaut
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Die „New York Times“ titelte 2022: „Florentina Holzinger Makes Everyone Uncomfortable“. Müssen wir uns Sorgen um dieses Gespräch machen?

Florentina Holzinger

Nein, gar nicht. Wenn es nach mir geht, würde sich niemand je unbehaglich fühlen bei den Sachen, die wir machen. Oder meinen Sie, ob es blutig wird? Nein, diesmal nicht. Enttäuschenderweise vielleicht.

Aber Sie wollen doch mit Ihrer Arbeit bisweilen auch unangenehm berühren, oder?

Holzinger

Ja, es geht nicht darum, es den Leuten ständig nur angenehm zu machen. Aber was bedeutet es denn, unangenehm berührt zu sein?

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.