Wirtschaftsforscher bei der Konjunkturprognose
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Konjunktur: Warum steigen die Investitionen, wenn die Wirtschaft lahmt?

Die Wirtschaft wächst wieder ein bisschen und die Inflation sollte sich laut Wifo und IHS wieder einbremsen. Aber wieso sind ausgerechnet die Investitionen in so trüben Zeiten wie diesen gestiegen?

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Es ist eigentlich eine ganz einfache Faustregel: Wenn die Konjunktur einbricht, die Aufträge einbrechen und sich die Bürgerinnen und Bürger mit Ausgaben zurückhalten, dann sinken auch die Investitionen. Wieso Geld für Neues in die Hand nehmen, wenn es doch gar nicht sicher ist, ob ich damit Geld verdienen kann? Die sogenannten Bruttoanlageinvestitionen sind heuer laut Wifo und IHS um ein Prozent gestiegen. Und das ausgerechnet in jenem Jahr, in dem kein Monat ohne Kündigungen und Personaleinsparungen in den heimischen Industriebetrieben verging.
Um ein Haar wäre KTM in den endgültigen Konkurs geschlittert. Vom Stahlkonzern Voestalpine bis zum Papierhersteller Lenzing gab es vor allem in der energieintensiven Industrie und bei den Autozulieferern einen massiven Jobabbau. Alle Kollektivvertragsverhandlungen verliefen unter dem Damoklesschwert knapper Budgets und sinkender Erträge. Und die Warenexporte liegen deutlich unter dem Niveau von 2019. trotzdem steigen die Investitionen, zumindest ein bisschen.

„Wir können uns diese Zahlen auch nicht ganz erklären“, sagt Wifo-Chef Gabriel Felbermayr dazu. Zumal alle Unternehmensumfragen der vergangenen Monate von schlechter Stimmung und Zurückhaltung bei den Investitionen geprägt waren.

Klar, die Wirtschaft wächst wieder leicht. Für heuer prognostizierten die beiden Forschungsinstitute, deren Prognosen den Budgetpfad vorgeben und nach Brüssel gemeldet werden, ein BIP-Wachstum von 0,5 Prozent. Mitte des Jahres ging man noch von 0,3 Prozent aus. Und im nächsten Jahr könnten es ein Prozent (IHS) beziehungsweise 1,2 Prozent (Wifo) werden.  War die Investitionslaune doch besser als die wirtschaftliche Realität?

Nicht unbedingt. Denn es gibt Investitionen und Investitionen. „Die Investitionstätigkeit ist im Vergleich zu vor der Krise noch immer schwach“, sagt IHS-Chef Holger Bonin dazu. „Und bei den Gestaltungsmöglichkeiten der Politik sehe ich hier noch Luft nach oben.“

Lichter im Tunnel

Die Winter-Konjunkturprognose stand unter dem Motto: Licht am Ende des Tunnels. Nicht nur das BIP sollte wieder über die Ein-Prozent-Marke klettern und die Inflation der Zwei-Prozent-Grenze näherkommen. Auch das Budgetdefizit soll 2026 wieder leicht auf 4,2 Prozent sinken und 2027 auf 4 Prozent. Heuer soll ja die Neuverschuldung gemessen am BIP laut Finanzministerium 4,5 Prozent betragen, laut Wifo könnten es auch 4,6 Prozent werden, laut IHS und Fiskalrat wiederum nur 4,4. Bis zum kommenden März, wenn alle Länder und Gemeinden ihre finalen Budgetzahlen der Statistik Austria vorlegen müssen, kann das niemand so genau sagen. Und vor diesem Hintergrund könnte man auch die leicht gestiegenen Investitionsausgaben betrachten.

Tatsächlich tätigt man manche Investitionen aber gerade dann, wenn man in der Krise ist. Sieht man sich die Zahlen nämlich im Detail an, dann handelt es sich nicht zwingend um Investitionen in neue Werke oder Kapazitätserweiterungen, die neue Arbeitsplätze schaffen. Es wurde in neue Maschinen, die Energie sparen und Arbeitskräfte ersetzen, investiert. In steuerbegünstigte Fuhrwerke oder schlicht in neue Maschinen, weil die alten zu alt und lange genug nicht getauscht wurden, erklärt IHS-Ökonom Klaus Weyerstrass.

Und dann stellt sich noch die Frage, wer überhaupt investiert? Wifo-Chef Felbermayr vermutet hier eine Dominanz der Energiewirtschaft, die derzeit viel Geld in den Netzausbau, in neue Speicherkraftwerke oder Windparks steckt. Hier fließen viele hundert Millionen bis Milliarden Euro und das könnte durchaus die Statistik verzerren.

Den Finanzminister freut es aber, dass die Konjunktur nicht ganz so trüb ist wie im Vorjahr: "Die günstigere Konjunktur unterstützt die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und die Budgetsanierung. Ich bin aber erst zufrieden, wenn Budgetdefizit, Arbeitslosigkeit, Inflation und Treibhausgasemissionen merklich zurückgehen", wird Markus Marterbauer (SPÖ) in einer Stellungnahme zitiert. Zu früh freuen darf er sich nicht, denn Konsolidierungsbedarf ist massiv.
„Die Regierung sollte sich nicht in Sicherheit wiegen und jetzt bei besserer Konjunktur Sicherheitsmargen aufbauen. Die Unsicherheit ist noch immer sehr groß und wir sollten Spielräume (für neue Krisen, Anm.) schaffen“, meint Bonin.

Am Ende der Konjunkturpräsentation hält Wifo-Chef Felbermayr eine Grafik in die Höhe, die zeigen soll, wie groß diese Unsicherheit tatsächlich ist. Trump könnte die Zollkeule wieder auspacken. Die Ukraine könnte den Krieg verlieren. Aus China könnten noch mehr hoch subventionierte und damit billige Importe kommen, mit denen unsere Industrien nicht mithalten können. Es könnte zu Bereinigungen und Verwerfungen auf den Aktienmärkten kommen. Aber es könnte sich auch alles in Wohlgefallen auflösen. All das hätte Auswirkungen auf unser BIP-Wachstum von einem Prozentpunkt auf oder ab – im nächsten Jahr. Das „unsicherheits- und fehlerbasierte Intervall“, wie es im Volkswirtschafts-Sprech heißt, ist gerade sehr breit.
Haben Sie trotzdem einen sicheren Tag. Und ruhige und besinnliche Feiertage!

 

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.