Liebesg‘schichten und ORF-Sachen
Im Intranet des ORF gibt es laut Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher ein spannendes Formular: ORF-Mitarbeiter können dort Beziehungen melden. Das ist gut so. Denn an sich spricht nichts dagegen, sich am Arbeitsplatz zu verlieben – vielen Menschen passiert das. Aber auf ein paar Dinge muss man arbeitsrechtlich dann doch achten: Entstehen dadurch Unvereinbarkeiten? Gibt es Probleme bei den Hierarchieverhältnissen – wie kann man diese lösen?
Ich wäre dieser Tage gerne undercover am Küniglberg. Denn durch die Causa Weißmann wurde eine Lawine losgetreten. Ihm wird sexuelle Belästigung vorgeworfen – eine Frau, mit der Weißmann laut eigenen Aussagen einmal zusammen war (bevor er Generaldirektor wurde), beschwert sich, dass er ihr obszöne Nachrichten geschickt habe.
Vier Jahre später fällt ihr ein, dass sie sich dadurch belästigt fühle. Angezündet wurde das angeblich alles von Weißmanns Erzfeind Pius Strobl. profil widmete der Causa eine große Coverstory.
Strobl war Alexander Wrabetz’ rechte Hand, sein Mann fürs Grobe. Er musste den ORF 2010 verlassen, weil er Stiftungsräte abgehört haben soll. Aber eigentlich war er aus dem ORF nie weg: Er hatte mit seinen Unternehmen immer wieder Aufträge, tauchte zuerst als Berater auf und kehrte dann unter Wrabetz wieder als Angestellter in den ORF zurück. Wrabetz stellte Strobl bis Ende 2026 an – und vereinbarte mit ihm einen fetten Firmenpensionsvertrag in Millionenhöhe, der nun zum Zankapfel wurde.
Strobl besteht auf den Vertrag, den ihm Weißmann nicht ausbezahlen wollte. Thurnher geht mit dieser Ansicht konform. Seine Rechtmäßigkeit (und damit Wrabetz’ Vorgehen) werden angezweifelt – auch strafrechtliches Vorgehen steht im Raum. Wir berichten dazu auch im aktuellen Podcast.
Licht ins Dunkel
Die vermeintliche Ex-Partnerin von Weißmann arbeitet heute jedenfalls in Strobls Abteilung – sie verstehen sich in allerbestem Einvernehmen übrigens sehr gut. Der Manager verschaffte der Hobby-Musikerin auch Auftritte in Sendungen, die er verantwortet. Jetzt kommt Licht ins Dunkel. Strobl wehrt sich in einem Interview mit dem „Standard“ gegen den Vorwurf einer Intrige, er bestätigte nur, dass die Frau und er denselben Anwalt haben und er, Strobl, im Bedarfsfall „jedem und jeder mit Rat und Tat zur Seite“ stehe. Ein Gentleman also?
Nicht ganz, ehrlich gesagt: Da gibt es Grauwerte. Ich bin vor ein, zwei Jahren einmal bei einer ORF-Feier neben ihm gestanden. Es war ihm nicht besonders unangenehm, dass sich junge Redakteurinnen um ihn geschart haben, um seinen Geschichten zu lauschen. Und offensichtlich auch nicht, als man enger zusammenrückte.
Zurück zur Love-Compliance: Im ORF ist etwas aufgebrochen, und das ist gut so. Nicht nur bisher heimliche Pärchen werden die verlangte Transparenz herstellen müssen, damit man ihnen nichts vorwerfen kann. Ich habe das Wochenende mit vielen ORF-Mitarbeiter(innen) telefoniert, die mir von etlichen Affären und Verhältnissen erzählt haben – die sie jetzt aber wirklich offiziell machen wollen, weil so ginge das gar nicht. Vielleicht auch via Intranet. Die interimistische Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat in ihrer Rede an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch Mut dazu gemacht, Miss- oder nur -verhältnisse publik zu machen.
Love-Statistik
Ich würde die Auswertungen dieser Formulare gerne sehen. Wer ist mit wem zusammen? Wie viele Paare gibt es? Welche Vorteile entstanden offiziellen und inoffiziellen Partnern? Wie hat die Compliance-Abteilung darauf reagiert, was wurde verändert? Bemüht man sich wirklich, hier eine gute Firmenkultur aufzuziehen, die bisher im ORF doch zu wünschen übrig ließ? Haben auch aktuelle oder ehemalige Generaldirektoren Beziehungen gemeldet? Überhaupt: Ab wann gilt eine Beziehung als Beziehung? Fällt darunter auch eine Schmuserei einer hohen Führungskraft mit einer Praktikantin auf der Weihnachtsfeier? Oder musste man das ohnehin nicht mehr melden, weil es am „Public Display of Affection“ jeder gesehen hat?
Noch eine Frage drängt sich auf: Hat Alexander Wrabetz seine Beziehung mit Leona König gemeldet? Vor oder nachdem er ihr eine Sendung im ORF samt fettem Vertrag kurz vor seinem Abgang organisiert hat? „Stars und Talente by Leona König“ ist eine Sendung für musikalische Nachwuchstalente im ORF2, die es seit Dezember 2020 gibt. Wrabetz wurde 2021 als Generaldirektor abgewählt. Die Sendung sollte nun abgeschafft werden, nachdem Königs Vertrag ausgelaufen ist.
Mea culpa. Mea maxima culpa.
Am Wochenende habe ich vom ORF eine handfeste Rüge bekommen. Ich habe via „X“ darauf aufmerksam gemacht, dass sowohl die Ex von Weißmann als auch die Ex des Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer (SPÖ) in der Gleichbehandlungsstelle sitzen. Und – daraus den naheliegenden Schluss gezogen, dass man sich da nicht reinen Herzens melden wird können, aber dass wir hier bei profil ein offenes Ohr haben – für mich gilt die astreine Unschuldsvermutung. Das haben dann am Wochenende wirklich viele gemacht – und mir erzählt, dass man genau aus diesem Grund diese Institution gar nicht oder nur sehr zögerlich konsultiert. Man könne sich einfach nicht sicher sein, ob dort nicht Whistleblowerinnen sitzen.
Im Justizgeschehen würde man von „Anscheinsbefangenheit“ sprechen. Es reicht der bloße Anschein – es muss nicht zwingend den Tatsachen entsprechen. Dass diese Argumentation für den ORF befremdlich wirkt, zeigt nur wieder das mangelnde Fingerspitzengefühl der von Steuerzahlern finanzierten Anstalt.
Da hat Ingrid Thurnher viel Entwicklungsarbeit zu leisten. Ich betrachte sie übrigens als die Idealbesetzung für diesen Job: Sie stand kurz vor der Pension, hat nichts zu verlieren, genießt einen tadellosen, parteifreien Ruf. Sie kann schonungslos aufklären und aufräumen. Ingrid, I feel you. Wir Frauen müssen eben ran, wenn die mächtigen Kerle es verbockt haben.
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