Roland Weißmann, ORF-Generaldirektor außer Dienst
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Roland Weißmann, ORF-Generaldirektor außer Dienst
Rundfunkstörungen: Ist der ORF noch zu retten?
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Es hätte ein gemütlich-vergnügliches Wochenende für Heinz Lederer werden sollen. Auf dem Programm stand Chillen im Wochenendhäuschen. Doch statt auf dem Sofa zu fläzen oder den Frühjahrsputz anzugehen, drehte Lederer an diesem Samstag, dem 7. März, mit dem Handy am Ohr Runden um das Haus oder verschickte Kurznachrichten. Heinz Lederer, Vorsitzender des Stiftungsrats des ORF, befand sich im Krisenmodus.
Roland Weißmann wurde am Samstag am Wiener Naschmarkt gesehen. Wie Beobachter berichten, wirkte der habituell aufgekratzte ORF-Generaldirektor bekümmert. Im Nachhinein betrachtet kein Wunder: Für Weißmann war es der Anfang vom Ende seiner 30-jährigen Karriere im ORF; ein Ende, das unrühmlicher nicht sein könnte. Eine Mitarbeiterin wirft dem Generaldirektor vor, von ihm sexuell belästigt worden zu sein.
Wird ein solcher Vorwurf öffentlich, ist jeder CEO rücktrittsreif, umso mehr der Generaldirektor eines öffentlich-rechtlichen Unternehmens. Weißmanns Fall ist – anders als in Teilen der ORF-Führung erhofft – mehr als eine höchst unangenehme, aber letztlich erledigte Personalie. In dieser Krise liegt keine Chance. Im Gegenteil: Die Affäre könnte sich zu Existenzfragen für den ohnehin angeschlagenen Rundfunk auswachsen: Wie steht es um die Unternehmens- und Führungskultur im größten Medienkonzern des Landes mit 4000 Mitarbeitern und 1,1-Milliarden-Euro Umsatz? Gibt es tatsächliche Gleichberechtigung? Greifen die bisherigen Maßnahmen, um ein toxisches Arbeitsumfeld zu verhindern? Und wie nutzt die FPÖ die Gelegenheit, ihr Zerstörungswerk am ORF vorantreiben zu können?
Stiftungsratsvorsitzende Schütze und Lederer: wildes Krisenmanagement
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Stiftungsratsvorsitzende Schütze und Lederer: wildes Krisenmanagement
Bei der Frau, die Weißmann sexuelle Belästigung vorwirft, handelt es sich um eine Mitarbeiterin im Zuständigkeitsbereich des Generaldirektors. Weißmann soll ihr vor und nach seinem Antritt als ORF-Chef im Jahr 2022 aufdringliche Audio-Nachrichten und anzügliche Bilder geschickt haben. Der mediale Aufruhr war vom Opfer nicht intendiert, wie ihr Anwalt gegenüber profil festhält: „Meine Mandantin wollte bewusst keine rechtlichen Schritte setzen und auch nicht, dass der Vorwurf der sexuellen Belästigung öffentlich wird.“ Wann sich die Frau erstmals an ihn gewandt habe, wollte der Anwalt nicht sagen. Er verneint jede Beziehung zwischen der ORF-Mitarbeiterin und dem Generaldirektor. „Sie waren zu keinem Zeitpunkt zusammen.“ Ob seine Mandantin mit einem anderen noch aktiven Vorgesetzten im ORF eine Beziehung gehabt habe, ließ der Anwalt auf profil-Nachfrage unbeantwortet.
Am Freitag wandte sich nun Weißmann per Aussendung seines Anwalts Oliver Scherbaum an die Öffentlichkeit. Darin schildert er die Dinge ganz anders. Weißmann betont, dass er seit Ende 2019 „eine private Beziehung“ mit der Frau hatte. Die Beziehung hätte als „emotionale Affäre“ begonnen. Während dieser Zeit soll es „in beidseitigem Interesse und Initiative zu gemeinsamen Essen, Laufausflügen, Besuchen zu Hause und immer wieder zu regem Austausch per Telefon und Chats“ gekommen sein. „Dabei wurden wechselseitig und einvernehmlich auch intime und höchstpersönliche Nachrichten ausgetauscht“, heißt es weiter. Das angebliche Verhältnis der beiden soll offenbar bis 2021 bestanden haben, doch noch im selben Jahr „kühlte die Beziehung deutlich ab.“
Im Oktober 2022 soll die Frau Weißmann kontaktiert und ihm Werbefotos von sich geschickt haben, mit der Aufforderung, „das schönste auszusuchen“. Daraufhin soll sie ihn zu einem „romantischen Essen“ eingeladen und ihm dort mitgeteilt haben, „dass ihre Ehe nunmehr am Ende sei“. Weißmann schildert in der Aussendung, die Frau habe zu diesem Zeitpunkt „Interesse an einer Beziehung“ signalisiert. „Es kam dabei auch zu einvernehmlichem physischen Kontakt. Kurz danach zog sie sich wieder zurück und teilte dies in mehreren Nachrichten und Telefonaten Mag. Weißmann mit“, heißt es. Diese sollen laut Weißmann offenbar ohne seine Zustimmung aufgezeichnet worden sein. Der Schilderung zufolge soll der Kontakt noch eine Zeitlang bestanden haben: „Am 31.12.2022 kam es zu einem freundschaftlichen Laufausflug. Im Sommer 2023 lud die Mitarbeiterin Mag. Weißmann in ihr neu gebautes Haus ein, es gab einen gemeinsamen Laufausflug und sie teilte ihm danach mit, dass sie nunmehr zwar geschieden sei, aber einen neuen Lebensgefährten habe. Mag. Weißmann zog sich daraufhin zurück. Es gab nur noch oberflächlichen Kontakt, aber auch keine Spannungen. Noch im Jahr 2025 gratulierte die Frau Mag. Weißmann per WhatsApp zum Geburtstag.“
Toxisches Material
Zum Ablauf: Anfang vergangener Woche kontaktierte der Anwalt der Frau die Stiftungsratsspitze und bat um einen Termin. Mittwochabend fanden sich Lederer (SPÖ-naher Kommunikationsberater), dessen Stellvertreter Gregor Schütze (ÖVP-naher Kommunikationsberater) und die Vorsitzende des ORF-Publikumsrats, Gabriele Zgubic-Engleder, in der Kanzlei des Anwalts am Stubenring in der Wiener Innenstadt ein. Dort legte der Anwalt den perplexen ORF-Vertretern Bild-, Text- und Tonmaterial vor, das „eine sexuelle Belästigung darstellen ließ“, wie es Lederer später öffentlich formulierte. Um die Angelegenheit außergerichtlich zu klären, stellte der Anwalt vier Forderungen seiner Mandantin: Weißmann müsse als Generaldirektor zurücktreten, ihre Anwaltskosten übernehmen und 25.000 Euro an ein Caritas-Frauenhaus spenden. Dazu solle eine wechselseitige Verschwiegenheitserklärung mit Pönale in Höhe von 50.000 Euro unterzeichnet werden. Falls es in den kommenden Tagen keine Einigung gäbe, würde er, so der Anwalt, die Compliance-Abteilung des ORF, aber auch die Medien über die Vorwürfe gegen Weißmann informieren.
Noch am selben Abend konfrontierten Lederer, Schütze und Zgubic-Engleder Weißmann persönlich mit den Vorwürfen und den Forderungen der Mitarbeiterin. Weißmann soll eingestanden haben, dass es wohl entsprechende Bilder und Tonaufnahmen gebe. Allerdings pochte er nachdrücklich darauf, dass es sich um keine sexuelle Belästigung, sondern um eine private Angelegenheit zwischen Erwachsenen in gegenseitigem Einvernehmen gehandelt haben soll. Auch die Mitarbeiterin habe ihm einschlägige Bilder geschickt. Er sei nie ihr direkter Vorgesetzter gewesen und habe ihr auch keine beruflichen Vorteile in Aussicht gestellt. Doch die drei ORF-Vertreter sollen ihm unter dem Eindruck des Gesehenen bedeutet haben, dass ein Rücktritt alternativlos sei – was Weißmann als Zwang empfand. Wie Heinz Lederer später öffentlich erklärte, forderte er Weißmann auf, die Angelegenheit mit dem Anwalt der Frau zu klären.
Von Donnerstag bis Sonntag standen Weißmann, Schütze und Lederer sporadisch in Kontakt. Dazu verhandelten Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum und sein Kollege über die Erfüllung der Forderungen. Über 40 Telefonate soll es gegeben haben, zur Unterschrift einer Vereinbarung kam es nicht. Denn am Sonntag um 11.45 Uhr schickte Weißmann ein Mail an Lederer und Schütze, in dem er seinen Rücktritt erklärte, die erhobenen Vorwürfe aber erneut kategorisch bestritt. Zu diesem Zeitpunkt ging Weißmann davon aus, dass Lederer und Schütze versuchen würden, die Angelegenheit diskret zu lösen, da er die Forderungen der betroffenen Mitarbeiterin erfüllt habe.
Heinz Lederer und Gregor Schütze hatten in den Tagen zuvor Spezialisten für Streitbeilegung, Medien-, Wirtschafts- und Arbeitsrecht engagiert. Als am Sonntag das Mail mit Weißmanns Rücktrittserklärung eingegangen war, erreichte das Krisenmanagement den Höhepunkt. Bis halb drei Uhr Montagfrüh saßen die zwei Stiftungsratschefs, ausgewählte Mitarbeiter und Juristen im ORF-Hauptquartier am Küniglberg zusammen, um das weitere Vorgehen festzulegen. Weißmann wurde fallweise per Telefon zugeschaltet. Laut profil-Informationen waren auch weitere Stiftungsräte und die vier Direktoren des ORF bei der Sitzung anwesend: Eva Schindlauer (Finanzen), Stefanie Groiss-Horowitz (Programm), Ingrid Thurnher (Radio) und Harald Kräuter (Technik). Die wichtigste Maßnahme bestand darin, den Stiftungsrat und die Öffentlichkeit am Vormittag über den Rücktritt zu informieren.
Zwang oder nicht Zwang?
Weißmann ging ursprünglich davon aus, dass Lederer und Schütze „persönliche Gründe“ für seinen Rückzug nennen würden, da sie selbst einen Imageschaden für den ORF befürchteten. Doch diese eröffneten ihm, dass sie den wahren Grund nennen würden – alles andere hätten die Medien wohl auch nicht geschluckt.
Um 8.56 Uhr am Montag ging ein Mail an die Stiftungsräte, kurze Zeit später folgte die Presseaussendung des Stiftungsrats. In beiden war zu lesen, eine ORF-Mitarbeiterin habe gegenüber dem Generaldirektor „Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben“. Laut profil-Informationen dürften die Anwälte Lederer und Schütze geraten haben, den Grund des Rücktritts so deutlich zu formulieren.
Die Kommunikation nach außen übernahm Heinz Lederer, der sich auch den ORF-eigenen Formaten wie dem Ö1-„Mittagsjournal“ und der „ZIB 2“ darbot. Geschont wurde er nicht. So hinterfragte „ZIB 2“-Moderator Armin Wolf den Ablauf der Ereignisse: Warum Lederer nicht sofort die Compliance-Abteilung eingeschaltet, sondern Weißmann aufgefordert habe, die Angelegenheit über Anwälte zu klären? Lederers Erklärung: Er habe Weißmann in Zeiten von „künstlicher Intelligenz und Deepfakes“ die Möglichkeit einräumen wollen, die Authentizität des belastenden Materials zu prüfen.
Während Lederer sich in Krisen-PR übte, entspann sich parallel dazu ein öffentlich ausgetragener Konflikt zwischen ihm und Weißmanns Anwalt Scherbaum. Dieser widersprach der Darstellung, Weißmann sei von sich aus zurückgetreten. Im Gegenteil: Sein Mandant sei von der Stiftungsratsspitze zum Rücktritt gezwungen worden und habe sich „schweren Herzens und ausschließlich in reiner Verbundenheit zum ORF“ zum Rücktritt entschlossen – „trotz seiner Überzeugung, dass er kein Fehlverhalten gesetzt hat“. In Stiftungsratskreisen wird auch das Krisenmanagement von Lederer und Schütze kritisiert, die nicht verhinderten, dass die Affäre so rasch öffentlich wurde. Ob dies zu verhindern gewesen wäre, ist allerdings fraglich.
Drei Tage lang war der ORF ohne Generaldirektor. Am Donnerstag betraute der Stiftungsrat Radiodirektorin Ingrid Thurnher mit der Führung des Unternehmens. Als Alleingeschäftsführerin liegt es nun an der früheren „ZIB 2“-Moderatorin und ORF-III-Chefredakteurin, mit Weißmann über das weitere Vorgehen zu verhandeln. Der Knackpunkt: Weißmann trat vergangenen Sonntag zwar von seinem befristeten Vertrag als Generaldirektor zurück, aber nicht von seinem unbefristeten Vertrag als ORF-Mitarbeiter. Somit hat er Anspruch auf eine Rückkehr in seine frühere Funktion als Chefproducer – dieser stellt die Finanzierung des gesamten ORF-Programms sicher – oder in eine vergleichbare Stelle. Derzeit ist Weißmann offiziell beurlaubt, sein Weiterverbleib im ORF aber unvorstellbar.
Ingrid Thurnher: neue ORF-Chefin
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Ingrid Thurnher: neue ORF-Chefin
Thurnher könnte Weißmann – falls rechtlich noch möglich – entlassen, kündigen oder mit ihm eine einvernehmliche Trennung verhandeln, die eine Frage des Geldes und von Weißmanns Forderungen sein wird. Dieser wird am 16. März 58 Jahre alt, hätte als leitender Angestellter noch sieben Jahre mit hohem Gehalt im ORF gearbeitet und Anspruch auf eine Abfertigung. Dazu würde er sich den Verzicht auf eine eventuelle arbeitsrechtliche Klage und den Verlust der Generalsgage wohl abgelten lassen. Rechnet man die Posten zusammen, wäre man bei fast zwei Millionen Euro brutto Abschiedsgeld.
Gezieltes Timing
Doch was steckt hinter dem veritablen Skandal? Handelt es sich um sexuelle Belästigung und Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses? Oder um eine gezielte Intrige? Oder um eine Mischung aus beidem? Auszuschließen ist, dass das Timing des Opfers Zufall war. Im August wird der neue ORF-Generaldirektor gewählt. Die Ausschreibung erfolgt im Frühjahr. Und Weißmann stand kurz davor, seine neuerliche Kandidatur bekannt zu geben. Zwei Varianten zum Hintergrund der Affäre werden kolportiert. Die erste basiert auf einer möglichen Intrige. Demnach sei die Mitarbeiterin von jemandem, der die Vorwürfe gegen Weißmann kannte, davon überzeugt worden, diese jetzt publik zu machen. Genannt wird der langjährige ORF-Manager Pius Strobl. Immerhin ist der Opfer-Vertreter auch Strobls Vertrauensanwalt. Strobl gilt als enger Mitarbeiter von Weißmanns Vorgänger Alexander Wrabetz, der den ORF 15 Jahre lang führte, Strobl mit einem üppigen Salär und einem lukrativen Pensionsvertrag ausstattete.
Roland Weißmann bezweifelte als frisch bestellter Generaldirektor die Rechtmäßigkeit der Regelung und kündigte an, die Extrapension nicht auszuzahlen. Eine Klärung des Streits ist offen – und wird wohl durch ein Gericht erfolgen müssen. Ende 2026 geht Strobl in Pension. Die umstrittene Pensionsregelung ist nicht der einzige Streitpunkt. So soll es Strobl Weißmann verübeln, ihn bei der Organisation des im Mai stattfindenden Song Contests nicht eingebunden und ihm den Dienstwagen gestrichen zu haben. Gegenüber profil gibt Strobl an, das Opfer zu kennen, verneint aber, die Frau dazu animiert zu haben, sich an den Stiftungsrat zu wenden. Diese sei selbstbewusst genug, zu wissen, was sie tue.
Dies deckt sich mit der zweiten kolportierten Variante. Als sich die Hinweise einer neuerlichen Kandidatur von Weißmann verdichteten, beschloss die betroffene Mitarbeiterin von sich aus, die Vorwürfe an den Stiftungsrat heranzutragen. Die Vorstellung, als Beschäftigte im Bereich der Generaldirektion weiterhin im Einflussbereich von Weißmann arbeiten zu müssen, wäre wohl unerträglich. Dass sie jahrelang geschwiegen habe, könnte an der Angst um ihren Job liegen.
Roland Weißmann, Pius Strobl: Streit um Pension
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Roland Weißmann, Pius Strobl: Streit um Pension
Welche Variante – oder eine Kombination aus beiden – zutrifft, ändert nichts an den Tatsachen, die zur Beurteilung des Falles relevant sind. Roland Weißmann schickte als Generaldirektor anzügliche Fotos und fragwürdige Audio-Nachrichten an eine untergebene Mitarbeiterin.
Dass die betroffene Frau Hilfe bei einem Anwalt von außen suchte und sich nicht an die dafür eigens eingerichteten Stellen im ORF wandte, beunruhigt im Nachhinein auch die ORF-Spitzen. „Wie kann das sein?“, fragte sich Stiftungsratsvorsitzender Lederer öffentlich. Eine eigens eingerichtete Taskforce unter Leitung der früheren Direktorin des ORF-Landesstudios Wien Brigitte Wolf und der Verfassungsrichterin Sieglinde Gahleitner soll eine Antwort finden.
In seiner Selbstdarstellung gibt sich der ORF gern modern. „Sagen, was ist. Auch am Arbeitsplatz“, lautet der Leitfaden im aktuellen Gleichstellungsplan des Senders. Unterschrieben hat ihn Generaldirektor Roland Weißmann. Der Satz soll deutlich machen: Kritik und Missstände sollen auch im eigenen Haus offen angesprochen werden können. Schon die zentrale Frage im Dokument ist klar formuliert: „Was ist zu tun, wenn es zu sexueller Belästigung kommt?“ Die Antwort folgt in bürokratischer Präzision. Wer sexuelle Belästigung erfährt, kann sich in jedem Fall an die Gleichstellungsbeauftragten sowie an jedes Mitglied der Gleichstellungskommission wenden.
Auf Grundlage des Gleichbehandlungsgesetzes wurde bereits 2003 eine Betriebsvereinbarung zwischen dem ORF und dem Zentralbetriebsrat geschlossen, durch die eine interne Gleichbehandlungskommission eingerichtet wurde. 2012 trat schließlich ein erster umfassender Gleichstellungsplan in Kraft, der seither alle zwei Jahre aktualisiert wird. Die Maßnahmen darin sollen bestehende Benachteiligungen von Frauen beseitigen und ihre Unterrepräsentanz abbauen. Auch innerhalb des ORF formierten sich Initiativen, die auf mehr Gleichstellung drängten. 2007 gründete eine Gruppe von ORF-Mitarbeiterinnen die Taskforce „Frauen im ORF“.
Beschwerdestellen
Dazu kommen weitere Instrumente, wie sie große Organisationen inzwischen haben: eine Whistleblower-Hotline, mehrere Betriebsratsstrukturen, interne Beschwerdewege. Theoretisch ist also alles vorhanden, was ein modernes Unternehmen braucht, um Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung zu verhindern oder zumindest aufzuarbeiten. Theoretisch und zumindest auf dem Papier. „Niedergeschrieben ist alles, man muss es nur leben“, sagt ORF-Stiftungsrätin und Zentralbetriebsrätin Christiana Jankovics. Grundsätzlich gebe es laut Jankovics genügend Anlaufstellen für Betroffene. Doch diese sind nicht dafür ausgelegt, sich über den Generaldirektor zu beschweren – wie der Fall zeigt. Die Kommission stellt für jeden ihr zugetragenen Fall eine Empfehlung aus, was in weiterer Folge zu tun wäre, und leitet sie an den Geschäftsführer weiter. Geht es aber um den Generaldirektor selbst, stößt das System schnell an seine Grenzen. Informierte Kreise im Unternehmen sagen ungeschönt: Vorwürfe gegen ranghohe Kollegen führen nur selten zu Konsequenzen.
Medienminister Babler: Personalwunsch
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Medienminister Babler: Personalwunsch
Das zeigen Zahlen und öffentlich gewordene Fälle. Immer wieder haben ORF-Mitarbeiterinnen über Machtmissbrauch oder sexuelle Übergriffe berichtet. Der Fortschritt Richtung Gleichberechtigung verläuft – freundlich formuliert – schleppend. In manchen Bereichen scheint er schlicht zu stagnieren. Die Rechercheplattform „Dossier“ veröffentlichte 2023 eine umfassende Analyse zum ORF mit Ergebnissen einer internen Mitarbeiterinnenbefragung, die der Zentralbetriebsrat seit 1999 im Zehnjahresabstand durchführen lässt. Auffällig ist vor allem eines: Die Werte haben sich praktisch nicht gebessert. 2019 gaben 32 Prozent der befragten Frauen an, sexuelle Belästigung – mündlich oder schriftlich – erlebt zu haben. 29 Prozent berichteten von herablassenden oder entwürdigenden Bemerkungen durch Vorgesetzte oder Kollegen. 14 Prozent sagten, sie hätten körperliche Belästigung am Arbeitsplatz erfahren. Die damalige „ZIB Chronik“-Chefin Brigitte Handlos erklärte bereits damals gegenüber „Dossier“, in zehn Jahren habe sich „so gut wie nichts verändert“.
Diese Diagnose wirkt heute erstaunlich aktuell. „Die Plattform „Frauen im ORF“ hat dem Stiftungsrat jahrelang erzählt, was los ist, aber niemand hat die Ohrwascheln gerührt“, sagt Handlos heute. „Jetzt spielt man sich auf, weil ein Generaldirektor abmontiert wird. Wo war der Stiftungsrat in den letzten 25 Jahren?“
Auch ein Blick auf die Personalstruktur zeigt, wie langsam Veränderungen tatsächlich verlaufen. Zum Stichtag 31. Oktober 2023 standen im ORF 1484 Frauen 1789 Männern gegenüber – ein Frauenanteil von 45,3 Prozent. Formal ist damit das gesetzliche Ziel von 45 Prozent erreicht.
Im Todesarchiv
Doch die entscheidende Frage ist eine andere: Wo sitzen diese Frauen? Je höher die Hierarchieebene, desto dünner wird ihr Anteil. In den Spitzenetagen bleiben Frauen weiter die Ausnahme und weit unter 40 Prozent. Vergangenes Jahr verließen Verena Scheitz und Birgit Fenderl („Studio 2“), Christa Kummer (Wetter) und Claudia Reiterer („Im Zentrum“) das Unternehmen – sie warfen dem ORF Altersdiskriminierung vor.
Noch nicht abgeschlossen ist das Verfahren von Sonja Sagmeister. Die ehemalige Wirtschaftsredakteurin kämpfte gegen ihre Kündigung und ging bis vor das Oberlandesgericht Wien, das ihr in zweiter Instanz Recht gab. Sagmeister hatte den damaligen Wirtschaftsminister Martin Kocher (ÖVP) interviewt und dabei Fragen gestellt, die über den ursprünglich vereinbarten Themenbereich hinausgingen. Daraufhin wurde sie in ein „Todesarchiv“ abgeschoben, um Nachrufe vorzubereiten. Der ORF kündigte sie offiziell wegen nicht genehmigter Nebenbeschäftigungen.
Eine Ex-Managerin einigte sich im Jänner nach rund drei Jahren auf einen außergerichtlichen Vergleich. Sie hatte sich über sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch durch ihren Vorgesetzten beschwert – ein Mann, der heute im Stiftungsrat sitzt. Im Prozess wurde auch Generaldirektor Roland Weißmann als Zeuge befragt. Dieser soll ihr gesagt haben, sie „solle nicht mit der Frauenkeule kommen“, nachdem sie bei einer Bewerbung übergangen worden war. Gleichzeitig verwies er auf die „Null-Toleranz-Politik“ des ORF gegen sexuelle Belästigung – ein Versprechen, das auf Seite 13 des Gleichstellungsplans groß verkündet wird.
Die FPÖ war bisher nicht dafür bekannt, den Kampf gegen sexuelle Belästigung und die Gleichberechtigung von Frauen ganz oben auf ihrer Agenda zu haben. Die Affäre um Weißmann lieferte ihr aber eine neue Gelegenheit, ihr Zerstörungswerk am ORF voranzutreiben. Nun sei eine „Totalreform“ des ORF notwendig, forderte der freiheitliche Mediensprecher Christian Hafenecker. Der ORF habe nun die Chance „seine selbstgewählte Rolle als zwangssteuerfinanzierter Regierungslautsprecher aufzugeben und sich wieder seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag zu widmen“. Wegen Äußerungen wie diesen hatte Weißmann Hafenecker im Februar mit juristischen Schritten gedroht.
Claudia Reiterer: Altersdiskriminierung
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Claudia Reiterer: Altersdiskriminierung
Imageschaden und Desaster
FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler bleibt von solchen verschont, obwohl er den ORF als personifizierte Abrissbirne regelmäßig in Interviews und Auftritten bei „oe24.TV“ attackiert. Dazu lähmt er die Arbeit des Stiftungsrats mit langen Monologen und Anträgen. Um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, beschloss der Stiftungsrat am Donnerstag eine strengere Geschäftsordnung. Diese Lex Westenthaler erlaubt es dem Vorsitzenden, das Rederecht zu entziehen, Sitzungen zu unterbrechen und Ordnungsrufe zu erteilen. Westenthaler sieht im neuen Regelwerk eine „Diktatur“.
Nicht nur die FPÖ, auch Medienminister Andreas Babler richtete dem ORF – in verbindlicherer Form – vergangene Woche aus, was er sich nun wünsche. Der nächste ORF-Chef solle eine Frau sein. Mit Ingrid Thurnher ging sein Wunsch zumindest vorläufig in Erfüllung. Sie wird den ORF bis Ende des Jahres führen, muss dazu aber noch einmal eigens zur Alleingeschäftsführerin ernannt werden. Im Mai wird dann der Job des Generaldirektors oder der Generaldirektorin für die Funktionsperiode von Anfang 2027 bis Ende 2031 ausgeschrieben. Bisher galt Weißmann als klarer Favorit. Daneben wurden auch Alexander Hofer, derzeit Landesdirektor des ORF-Niederösterreich, und Philipp König, Geschäftsführer von Kronehit-Radio als Kandidaten genannt.
Nun hat sich die Ausgangslage geändert. Der Druck auf den Stiftungsrat, eine Frau an die Spitze zu heben, wird größer werden. Eine mögliche Kandidatin wäre Magazinchefin Lisa Totzauer, die sich bereits 2021 um die ORF-Chefstelle bewarb, was ihr von der ÖVP, die sich auf Weißmann festgelegt hatte, massiv angekreidet wurde. Dass die ÖVP weiterhin den ORF-Generaldirektor bestimmen darf, galt – zumindest bisher – als ausgemacht. Im Gegenzug erhielt die SPÖ den Vorsitz im Stiftungsrat und die Zusicherung, Direktorenposten in der nächsten Geschäftsführung besetzen zu dürfen. Dass die Politik in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen wie dem ORF mitbestimmt, liegt in der Natur der Sache; dass dies vor allem in Form von Parteipolitik erfolgt, schon weniger. Die Einhaltung parteipolitischer Abmachungen wird durch das gesetzlich festgelegte Prozedere sichergestellt, indem der Generaldirektor zwar in einer Wahlzelle, aber mit namentlich markierten Stimmzetteln gewählt wird. Abweichungen von Abmachungen sind so nicht möglich.
Ingrid Thurnher ist nun gefordert, ihr Haus zu beruhigen. Leicht wird das nicht. Der Redaktionsrat befürchtet in einer Aussendung einen Imageschaden. Die Affäre sei für den ORF „ein Desaster“.
Gernot Bauer
ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.
Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.