Pflegeheim
Dem Pflegeheim in Wien wird Vernachlässigung der Bewohnerinnen und Bewohnern vorgeworfen.
Menschenrechtsexpertin: „Hilfe für Behinderte ist in Österreich oft Charity“
Vergangenen Dienstag saß ich in der Küche einer Behinderteneinrichtung, mir gegenüber eine Frau, 59 Jahre alt, sie kredenzte Milchkaffee und Marmorkuchen. Ihr gesamtes Leben verbrachte sie in Heimen. Sie erzählte von ihrer Geburt, dem Leben im Nonnenheim, ihrem Leben im Verein Silbersberg in Gloggnitz. Meine Kollegin Daniela Breščaković und ich hatten vergangene Woche über diesen berichtet.
Gegen Bert Wieser, den Gründer des Vereins, der einst als Pionier der Behindertenarbeit galt, laufen seit zwei Jahren Ermittlungen. Die Vorwürfe: veruntreute Gelder, Gewalt und sexualbezogene Darstellungen einer minderjährigen Bewohnerin. Wieser bestreitet die Vorwürfe vehement.
Die ehemalige Bewohnerin seiner Einrichtung erzählt mir von der körperlichen Gewalt und den sexuellen Übergriffen, die sie in der Familie und in Wiener Einrichtungen schon als Kind erlebt hatte. Ihre Frauenbiographie können Sie im aktuellen profil lesen, das heute Mittag als E-Paper erscheint.
So außergewöhnlich ihr Lebensweg auch ist, er zeigt exemplarisch, welchen Repressalien Betroffene vielfach in derlei geschlossenen Systemen ausgesetzt sind. Nicht nur in Behindertenheimen, sondern auch in Altenpflegeheimen, psychiatrischen Einrichtungen, Haftanstalten.
„Die Gesellschaft will oft auch nicht hinsehen“
„Sie sind nicht nur durch ihre Bauweise vom Blick der Gesellschaft abgeschirmt, die Gesellschaft will oft auch nicht hinsehen, was dort wirklich passiert“, sagt Marianne Schulze. Die renommierte Menschenrechtsexpertin Schulze ist unter anderem Vorstandsmitglied der Internationalen NGO „Human Rights in Mental Health - Global Initiative on Psychiatry“ und war zuletzt Co-Autorin eines Berichts der EU-Grundrechteagentur zum Thema Gewalt in Institutionen.
Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze von „Human Rights in Mental Health - Global Initiative on Psychiatry“.
Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze von „Human Rights in Mental Health - Global Initiative on Psychiatry“.
„Viele Einrichtungen sind oft an der Kapazitätsgrenze und es gibt kaum Alternativen“. Betroffene und Angehörige sind einem mangelhaften System bis zur Erpressbarkeit ausgeliefert.
Auf der anderen Seite ortet Schulze auch eine Heroisierung all jener, die sich um diese Menschen kümmern, gerade, wenn es Männer sind. „In ganz Europa sehen wir eine Überhöhung solcher männlicher Figuren. So ist auch das Standing von Hermann Gmeiner, dem Gründer von SOS Kinderdorf, zu erklären. Diese Rollen als männliche Kümmerer von derart vulnerablen Menschen, mit denen Gesellschaften überfordert sind, macht sie nahezu unantastbar.“
„Mit dem Thema Behindertenarbeit gewinnt man keine Wahlen“
Politisches Engagement für diese Bereiche sei oftmals sozialpolitische Folklore, „mit dem Thema Behindertenarbeit gewinnt man keine Wahlen“, sagt Schulze. Strukturelle Gewalt sei in diesen tabuisierten Bereichen gang und gäbe. Also ein Zusammenwirken mehrerer Dinge: nicht nur von fehlendem Angebot und fehlenden Ressourcen und Personal. Es würden Hierarchien wenig kritisch infrage gestellt, sagt Schulze. „Das Zusammenspiel all dieser Rädchen macht die strukturelle Gewalt aus – es sind nur in Teilen einzelne Personen wirklich verantwortlich.“
Es bräuchte einen Paradigmenwechsel, von Abfertigung hin zu Selbstbestimmung von Menschen in diesen geschlossenen Systemen. „So weit sind wir aber noch lange nicht“, sagt Schulze. „Hilfe für Behinderte ist in Österreich oft Charity, mit Alltag hat es für die meisten wenig zu tun.“