Kerzen am Tatort in Villach
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Nach Urteil gegen Attentäter: Der Schatten über Villach

Gestern wurde der Islamist verurteilt, der im Februar 2025 in Villach einen 14-Jährigen tötete. Im Prozess wurde klar, wie gefährlich er immer noch ist. Aber auch, welche Folgen seine Tat für die Opfer, ihre Angehörigen, die Stadt immer noch haben.

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Psychisch gehe es ihnen langsam besser, sagten mehrere junge Zeuginnen am Mittwoch im Prozess gegen den Attentäter von Villach. Doch dass sie hier aussagen müssten, das reiße wieder Wunden auf.

Die Frauen waren am 15. Februar 2025 auf der Draubrücke in der Villacher Innenstadt mit jener Burschen-Gruppe unterwegs, die der nunmehr 24-jährige Attentäter Ahmad G. zuerst mit seinem Messer angegriffen hatte. Ein 14-Jähriger starb, die anderen wurden lebensgefährlich verletzt. Eine junge Frau schilderte, dass sie lange nicht aus dem Haus gehen wollte, dass sie Panikattacken hatte. Andere sprachen von Traumata und Belastungsstörungen.

Mehrere junge Männer, sie erlitten teils Stiche in Leber, Milz oder Lunge, erzählten, wie sie sich ins Leben zurückkämpften. Manche werden aber wohl lebenslang psychische und körperliche Folgen spüren. Ein Bursch darf noch keinen Kontaktsport machen, ein Gastronom kann seine Arbeitshand nicht mehr ausreichend bewegen. Einer spürt immer wieder Stiche in der Lunge.

Es ging bei dem Gerichtsprozess viel um den Täter, wie rasch er sich radikalisierte, wie gefährlich er immer noch ist. Dass er keine Reue zeigt und selbst im Gefängnis noch versuchen soll, Wachen zu verletzen. Doch was der Prozess auch zeigte: Das Attentat dauerte zwar nur eine Minute und 24 Sekunden – veränderte dennoch „das Leben so vieler Menschen für immer“, wie die Staatsanwältin festhielt. Der 14-Jährige sei auf einem Weg zu einem Date gewesen – nicht nur die Möglichkeit, das Treffen zu erleben, sei ihm vom Attentäter genommen worden.

Und Attentate treffen immer auch ganze Gesellschaften, wie die Anklägerin festhielt. Die Nachfrage nach Waffenbesitzkarten sei nach dem Anschlag gestiegen, die rege Teilnahme an den Trauerveranstaltungen habe die „schwerwiegende Einschüchterung der Bevölkerung“ gezeigt, sagte sie im Schlussplädoyer.

„Der Sicherheitsgedanke, der bleibt“

Das bestätigt sich auch an einem anderen Schauplatz, am Villacher Hauptplatz: Der Anschlag an sich sei zwar kaum mehr ein Thema in der Stadt, sagt ein Ehepaar, das am Nachmittag, unweit des damaligen Tatorts, im Kaffeehaus Limonade und Espresso genießt. Robert und Heliane erinnern sich aber dennoch gut an das mulmige Gefühl, das sie noch Wochen nach dem Attentat hatten, wenn sie durch die Stadt gingen. „Und der Sicherheitsgedanke, der bleibt“, sagt Robert. Er habe nun einen „360-Grad-Blick“, wenn er in Städten unterwegs sei. In der Nacht meide er Gruppierungen von jungen Menschen. „Wenn so etwas in einer Stadt wie Villach passieren kann, kann es überall passieren“, sagt er.

Es sei „zentral, sich bewusst zu machen, dass solche Ereignisse überall stattfinden können, nicht nur in großen Städten“, sagt die Extremismus- und Radikalisierungsforscherin Daniela Pisoiu. Extremistische Inhalte erreichen heute potenziell jede Person, während Radikalisierungsprozesse zunehmend im digitalen Raum und dadurch schneller verlaufen.

Wie schnell das gehen kann, zeigte der Prozess in Klagenfurt. Innerhalb von drei Monaten soll sich der Syrer vor allem auf TikTok radikalisiert haben.

Es sei die grundsätzliche Strategie des IS, Sympathisierende zur Begehung terroristischer Anschläge zu inspirieren: „Dafür ist es nicht erforderlich, dass diese in organisatorische Strukturen eingebunden sind oder dass die Organisation selbst solche Anschläge plant oder koordiniert“, erklärt Expertin Pisoiu. 

Umso wichtiger sei es aber, „dass solche Ereignisse gesellschaftlich nicht zu Polarisierung und Hass führen, sondern zu einem klaren Bekenntnis zu Prävention auf allen Ebenen und zu gesellschaftlichem Zusammenhalt“, so die Expertin.

Die Gefahr war durchaus da, sagt der Bürgermeister von Villach, Günther Albel (SPÖ), zu profil vor dem Urteil: Es habe zahlreiche emotionale Postings und gerade in der Zeit unmittelbar nach dem Attentat auch eine aufgeheizte Stimmung gegeben, sagt er. Er bezeichnet den Tag des Attentats als den „schlimmsten Tag meiner Amtszeit.“

Doch er betont: „Ob jemand anständig ist oder nicht, hängt nicht von seiner Herkunft ab“, das habe auch der Essenslieferant, ebenfalls aus Syrien, gezeigt, der den Attentäter mit seinem Auto schließlich aufgehalten habe.

Ein dunkler Schatten über der Stadt

Es gab Trauerveranstaltungen, ein Kerzenmeer. Einen Gedenkstein wollten die Angehörigen der Opfer bislang noch nicht. Die Sicherheit wird hochgefahren: Es sollen Kameras installiert werden, man will die Polizeistation am Bahnhof wieder öffnen. Zuletzt wurde auf Wunsch der Polizei bei Großveranstaltungen ein generelles Einfahrverbot für Autos erlassen. 

Das Attentat sei „natürlich lange ein dunkler Schatten über der Stadt“ gewesen. Geschäftsleute hätten einen Umsatzknick beklagt. Aber: „Diese Stimmung war nicht von langer Dauer, 2025 gab es mit 1,1 Millionen Nächtigungen sogar einen Rekord“, so der Bürgermeister.

„Für die Angehörigen wird es natürlich sehr belastend werden“, sagte der Bürgermeister vor dem Prozess. Doch das Urteil „wird es uns ermöglichen, wieder zuversichtlich nach vorne zu schauen, ohne zu vergessen“. Die Geschworenen in Klagenfurt waren sich am Abend einig: Der Attentäter wurde – nicht rechtskräftig – zu lebenslanger Haft verurteilt.

Auf dem Steinbänkchen, wo sich der damals 23-jährige islamistische Attentäter damals grinsend von der Polizei festnehmen ließ, nehmen beim profil-Lokalaugenschein in Villach unterdessen schon wieder unbedarft Radtouristen aus Slowenien Platz. Was hier passierte, wissen sie gar nicht.

Maßnahmen gegen Extremismus gefordert

Eine Verkäuferin am Hauptplatz sagte: Im Alltag sei das Attentat für die meisten Villacher kaum mehr ein Thema, es kommen wieder zahlreiche Touristen in die Stadt. Der Prozess habe sie aber wieder an das mulmige Gefühl erinnert, das sie in der Zeit nach dem Attentat hatte.

Selbst im Gerichtssaal sagte die Staatsanwältin: Ein Spaziergang über die Draubrücke werde nie mehr möglich sein, ohne an das Attentat zu denken. Michael Griesser, der damalige Schulsprecher der HTL, in die die betroffenen Schüler gingen, beobachtete den Prozess ebenfalls: „Wir hoffen, dass wir mit dem Prozess abschließen können, dass der Täter nun nie wieder eine Bühne bekommt. Die Opfer sollten vergessen dürfen, alle anderen nicht“, findet er und wünscht sich von der Politik mehr Maßnahmen gegen Extremismus.

Konstantin Auer

Konstantin Auer

seit 2025 als Projektleiter des „Frühstück“-Newsletters im Digitalteam des profil, davor bei PULS24 und Kurier. In seinen Recherchen geht es meist um soziale Ungerechtigkeiten, menschliche Abgründe und juristische Herausforderungen im Graubereich zwischen Chronik und Politik.