Nicolas Sarkozy und Carla Bruni am Tag seines Haftantritts
Nicolas Sarkozy und Carla Bruni am Tag seines Haftantritts
Wenn ein Ex-Staatspräsident ins Gefängnis muss – und uns dabei zusehen lässt
In 21 Tagen Haft erlebte Nicolas Sarkozy nicht allzu viel. „Ich war überwältigt von der Abwesenheit jeglicher Farbe. Das Grau beherrschte alles, verschlang alles, bedeckte alle Flächen.“ So beschreibt der ehemalige französische Staatspräsident (2008-2012) das Ambiente der Pariser Haftanstalt La Santé, und zumindest in diesem Punkt gleicht der prominente Insasse Nr. 320 535 seinen Mithäftlingen.
Aber Grau ist nicht gleich Grau, denn Sarkozy musste sich trotz dramatischer Überbelegung von La Santé seine Zelle mit niemandem teilen. Vielmehr benötigte er zwei Zellen, denn neben ihm wurden zwei seiner Personenschützer einquartiert. Jeder Ex-Staatspräsident genießt diesen Schutz, Sarkozy ist allerdings der erste seit Beginn der aktuellen Fünften Republik, der seinen Bodyguards zu einem Knasturlaub verhilft.
Mittlerweile 70 Jahre alt, zu fünf Jahren Haft verurteilt in erster Instanz wegen „krimineller Vereinigung“ in einer Affäre um Wahlkampffinanzierung, musste Sarkozy wegen der Schwere des Delikts ins Gefängnis, obwohl im kommenden Jahr das Berufungsverfahren geführt wird. Seit seiner Freilassung, die ein Bericht auf Antrag der Verteidigung verfügte, muss Sarkozy Auflagen befolgen und darf sich nicht gänzlich frei bewegen. All das und noch einiges mehr findet er ungerecht. Die Tageszeitung „Le Monde“ hat in seinem „Tagebuch“ 80 Passagen gefunden, in denen Sarkozy ein „Unrecht“ beklagt. Das Urteil, ein angeblich falscher Beweis, der vorzeitige Haftantritt…
Niedere Instinkte
Dazu kommen Unannehmlichkeiten: vom Essen wird ihm schlecht, die Matratze ist zu hart, der Spiegel hängt so tief, dass er sich verrenken muss.
Befriedigen solche Details die niederen Instinkte des Publikums, das sich daran ergötzt, dass es dem tief Gefallenen so richtig mies geht? Bei einem Teil der Leserschaft bestimmt, doch Sarkozy setzt sich nicht ohne Absicht den schadenfrohen Blicken aus.
Sein „Tagebuch“ ist ein PR-Werkzeug. Der in erster Instanz Verurteilte (in anderen Verfahren wurde er bereits rechtskräftig schuldig gesprochen) kämpft um seine „vollständige Rehabilitierung“, und seine Anhängerschaft soll für ihn öffentlichen Druck machen. Sarkozy, der Mann, unschuldig hinter Gittern saß – das könnte ein Claim für ein politisches Comeback sein. Nach eigener Interpretation besteht Sarkozys einzige Schuld darin, „kein Linker zu sein“.
Kein bisschen Unrechtsbewusstsein und jede Menge Lamento taugen ganz offensichtlich als Zutaten für einen Bestseller, aber ob Sarkozy sich damit bei der Mehrheit der Wahlberechtigten nachhaltig sympathisch macht, ist eher fraglich. Und so gibt es mindestens zwei moralisch vertretbare Gründe, Sarkozys 21 Tage im Elend zu beglotzen: Erstens, weil er dazu auffordert und sich davon Mitleid und Rückenwind verspricht, und zweitens, weil es augenöffnend und politisch relevant ist, diese Intention hinter dem Text zu spüren.
Ganz gleich wie alle anderen wird ein Ex-Präsident in Haft nie sein. Sarkozy wurde auch im Gefängnis mit „Präsident“ angesprochen“, seine Familie durfte alle zwei Tage zu ihm, der Justizminister stattete ihm einen Besuch ab, und auch der Anstaltsdirektor schätzte die Konversation mit dem prominenten, belesenen Häftling. Der schrieb jeden Tag an seinem Manuskript, übergab die Seiten seinen Anwälten, diese reichten sie weiter an die Sekretärin zur Reinschrift.
Sarkozy wusste, dass die Öffentlichkeit seine Sicht auf Verfahren, Urteil und Haft verschlingen würde. Das spornte ihn an. Und wir, die Öffentlichkeit, reagieren, wie er das erwartete, und brauchen uns deshalb auch für ein bisschen Voyeurismus nicht zu schämen. „Das Tagebuch eines Häftlings“ (bisher nur auf Französisch erschienen: Le Journal d'un prisonnier, Verlag Fayard) kostet übrigens 20,90 Euro. Macht pro Tag in Haft einen Euro.