„Operation Alice“: Österreichs Krypto-Jäger
Es ist schier unglaublich: Ein einzelner Mann – ein 36-jähriger Chinese – soll hinter einem Betrugsnetzwerk aus mehr als 370.000 einzelnen Seiten im Darknet stehen. Das Darknet ist so etwas wie das schummrige Hinterzimmer des Internets. Dort finden Deals statt, die man bei hellem Tageslicht eher nicht abwickelt: Handel mit Drogen, mit Darstellungen von Kindesmissbrauch und mit gestohlenen Daten zum Beispiel.
Der chinesische Staatsbürger Wang Shuaibo soll sich laut Verdachtslage jedoch ein besonders raffiniertes Geschäftsmodell überlegt haben: Demnach lockte er potenzielle Käufer illegaler Waren mit Tausenden elektronisch geklonter Darknet-Seiten an. Die Kunden zahlten – erhielten jedoch nichts. Kein großes Problem, hat sich Wang Shuaibo vermutlich gedacht: Keiner wird zur Polizei gehen, wenn er beim Kauf von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger über den Tisch gezogen wurde.
Womit der mutmaßliche Cyber-Kriminelle jedoch nicht gerechnet hat: dass sein Betrugsnetzwerk in den Fokus von Wissenschaftlern geraten könnte – insbesondere in jenen von Bernhard Haslhofer vom „Complexity Science Hub“ in Wien.
„Operation Alice“
„Am Anfang dieses Prozesses stand tatsächlich die Forschung“, sagt Haslhofer. Es gebe seit vier Jahren eine Kollaboration zwischen einer niederländischen Forschungseinrichtung, der – bei der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg eingerichteten – „Zentralstelle Cybercrime Bayern“, dem Complexity Science Hub und zwei Firmen. Diese Gruppe beschäftige sich ganz intensiv mit der Schnittstelle Darkweb und Krypto-Währungen, erklärt Haslhofer: „Weil man weiß, dass im Darkweb sehr viel illegales Material angeboten wird. Und weil man auch weiß, dass Kryptowährungen heute für Cyber-Kriminelle das Zahlungsmittel schlechthin sind.“
Der Krypto-Forscher Bernhard Haslhofer vom Complexity Science Hub
„Vor vier Jahren ist uns dann eine Darknet-Plattform aufgefallen, die den Namen ‚Alice with Violence CP’ trug“, erzählt der Forscher. Auf dieser Plattform seien Missbrauchsdarstellungen veröffentlicht und gegen Bitcoin zum Verkauf angeboten worden. Es sei jedoch eine Fake-Plattform gewesen: „Die Leute haben dort nicht wirklich etwas bekommen. Nichtsdestotrotz hat die Plattform illegale Inhalte gezeigt.“
Interessant sei gewesen, dass diese Plattform mehrere Tausend Bitcoin-Adressen im Laufe der Zeit im Darknet angegeben habe, damit die Kunden dorthin Zahlungen tätigen konnten, berichtet der Experte: „Wir haben uns dann diese Bitcoin-Adressen und auch die Zahlungsströme genauer angesehen.“ Dabei habe man bemerkt, dass dieselben Bitcoin-Adressen auch teilweise von anderen Darknet-Plattformen verwendet worden seien. „So ist das weitergegangen. Wir sind dann von einer Plattform auf die nächste gekommen – und auf einmal haben wir ein Netzwerk aus Plattformen gesehen.“ In diesem „Universum“ des Darknets mit Tausenden Webseiten hätte sich quasi „Galaxien“ gezeigt, beschreibt Haslhofer bildhaft. Diese Zusammenhänge zu erkennen sei „definitiv das Ergebnis der Forschung“.
Den Coins folgen
Haslhofer hat Methoden entwickelt, mit denen man hochkomplexe Krypto-Transaktionsnetzwerke sichtbar machen kann – profil berichtete im Vorjahr in anderem Zusammenhang darüber. Nachverfolgen kann man die Krypto-Zahlungen, weil sie technisch auf Basis einer sogenannten Blockchain funktionieren: eine Art Code, in dem hintereinander jede Transaktion eingetragen und damit auch gespeichert wird.
Die analytische Herausforderung ist es, den Datenberg so zu strukturieren, dass man der Spur der Coins tatsächlich folgen kann. Diese läuft nämlich meist über viele Einzelstationen – schließlich wollen auch Online-Täter ihre Beute weißwaschen und es Ermittlern möglichst schwer machen, einen kriminellen Hintergrund von Zahlungen zu beweisen. Entscheidend bei der Krypto-Analyse ist es, herauszufiltern, an welchem Punkt Zahlungen über Konten – sogenannte „Wallets“ – fließen, die nicht privat eingerichtet sind, sondern bei offiziellen Krypto-Börsen. An den Börsen können die Coins zu echtem Geld gemacht werden. Und ähnlich wie bei Banken haben Behörden hier die Möglichkeit, mit Sicherstellungsanordnungen zuzuschlagen – und vielleicht sogar die Inhaber der Wallets dingfest zu machen.
Es gebe heutzutage kaum irgendeine Form von Cybercrime, die ohne Krypto-Währungen auskommt, meint Haslhofer. Die Spur dieser Zahlungen zu verfolgen sei daher im Cybercrime-Bereich einer der wichtigsten Ermittlungsansätze.
Der Weg zum Krypto-Jäger
„Ich bin jetzt seit mehr als zehn Jahren mit der Krypto-Thematik beschäftigt“, erzählt Haslhofer. Begonnen habe das 2011/2012: „Bereits damals sind die Strafverfolgungsbehörden auf uns Forscher zugekommen.“ Den Ermittlern war nämlich aufgefallen, dass Drogenhändler nunmehr auch Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptierten. Die Behörden wollten herausfinden, wie sie damit umgehen können. Das sei damals „vollkommen unklar“ gewesen. „Heutzutage sind der Hauptteil der Krypto-Zahlungen Investments und Spekulation“, sagt Haslhofer. Begonnen habe jedoch alles „relativ klar im dunklen Bereich“.
Ist Cybercrime jemals Herr zu werden? „Ganz Herr wird man der Kriminalität nie werden“, meint Haslhofer. Aber nichtsdestotrotz sei es wichtig, auch die Strafverfolgung entsprechend „in den virtuellen Raum zu verlegen“. Die Täter seien „technisch hochversiert“, global vernetzt und würden hochautomatisiert vorgehen. Auch bei der Strafverfolgung müsse man mehr auf Automatisierung setzen, sagt der Experte: „Ich kann mir nicht 370.000 Seiten manuell anschauen.“ Man müsse die Zusammenhänge verstehen. Und man müsse mit Daten arbeiten können. Das Hauptproblem sei, dass Europa keine diesbezüglichen Daten habe und „komplett abhängig von anderen Anbietern“ sei.
„Verstehe gesellschaftlichen Nutzen nicht“
Besteht die Krypto-Welt aber tatsächlich nur aus Kriminalität auf der einen und aus Spekulation auf der anderen Seite? Die Grundfunktion von Geld – das Zahlen – sei bei Krypto-Währungen „definitiv nicht gegeben“, meint Haslhofer. Deshalb spreche man in der Fachwelt eigentlich nicht mehr von Krypto-„Währungen“, sondern von Krypto-„Vermögenswerten“. Die Zahlungsfunktion sei de facto nicht relevant – außer im kriminellen Bereich: „Dort braucht man etwas Globales. Man braucht etwas, das nicht unmittelbar nachvollziehbar ist. Und man braucht etwas, das schnell geht“, erläutert der Experte.
Würde der Welt etwas fehlen, wenn es keine Krypto-Währungen gäbe? „Ich bin seit Langem in diesem Gebiet tätig“, sagt Haslhofer: „Ich glaube, ich habe auch verstanden, wie diese Systeme technisch funktionieren, und ich habe auch gewisse ökonomische Aspekte verstanden. Das Einzige, was ich in all diesen Jahren nicht verstanden habe, ist, worin der gesellschaftliche Mehrwert oder Nutzen liegt.“ Augenzwinkernder Nachsatz: „Das liegt wahrscheinlich an mir.“