Also: Das Loch nennt sich korrekterweise „Kaverne“ – und ist das Herzstück des Umbaus und der Renovierung des Festspielbezirks, die auch die Sanierung der drei großen Spielstätten (Großes Festspielhaus, Haus für Mozart, Felsenreitschule) vorsehen. Zumindest, wenn man beide Bauphasen durchzieht. Und da wäre man schon beim Kern des Problems: Nur Phase eins (Bau der Kaverne und Sanierung des Großen Festspielhauses) ist gesichert – Phase zwei hat noch keine Finanzierungszusicherung.
Alles nur eine Phase
Der Rechnungshof findet aber, man könne das nicht wirklich in zwei Phasen teilen – die Bauarbeiten seien aneinander gekoppelt. Außerdem wird eine massive Kostensteigerung befürchtet, weil keine Schwankungsbreite bei den Kosten eingerechnet wurde. Sollte das kalkulierte Minimum überschritten werden, gibt es auch dafür keine finanzielle Deckung. Das Projekt, das 2018 mit budgetierten 263 Millionen Euro begonnen und mittlerweile 395 Millionen Euro von der Politik zugesagt bekommen hat, könnte schließlich bis zu 635 Millionen Euro kosten. Die Erwähnung dieser Summe bringt Crepaz übrigens deutlich weniger aus der Fassung als mein Laienvokabular.
Er ist erstaunlich entspannt, sagt, er glaube anders als der Rechnungshof nicht an eine Kostenüberschreitung. Aufträge in der Höhe von 100 Millionen Euro wurden schon vergeben – die Fräsung der Kaverne vor Kurzem: Das Bergbauunternehmen Östu-Stettin wird sich mit der Firma Jäger Bau darum kümmern. Geplanter Start: 1. September. Crepaz ist zuversichtlich, dass das völlig reibungsfrei über die Bühne gehen wird. Man habe von 35 Empfehlungen des Rechnungshofes mittlerweile auch schon 22 umgesetzt, berichtet er. Unter anderem habe man ausführliche Probebohrungen vorgenommen und sei nun total im Bilde über den Berg und seinen Zustand. Schwankungsbreite? Das werde gar nicht schlagend! Man muss Crepaz lassen: Er ist äußerst beflissen, alle möglichen Angriffspunkte wegzuräumen – oder wegzureden. Dazu: Architektonisch ist das Projekt tatsächlich pipifein – nachhaltig und sowieso in Europa einzigartig.
Österreichisches Großbauprojekt
Nun wären in normalen Zeiten auch Kostenüberschreitungen bei einem solchen Projekt weder eine Überraschung noch ein unlösbares Problem, immerhin geht es um eine Investition in Österreichs weltberühmte Kulturinstitution. Und im Ernst: Welches österreichische Großbauprojekt ist jemals nicht aus dem Ruder gelaufen und hat am Ende länger gedauert und mehr gekostet? Es wird tatsächlich fast immer zu knapp kalkuliert, um Ausschreibungen überhaupt zu gewinnen.
Das Problem ist nur: Die Zeiten sind eben nicht normal. Die Kosten für das Projekt teilen sich Bund, Land und Stadt im Verhältnis 40:30:30 – und alle drei haben momentan riesige Budgetprobleme, müssen harte Sparpakete schnüren, die nun wirklich bei jedem Bürger angekommen sind. Dass das Verständnis für Prestigebauten in der Bevölkerung wohl gerade nicht besonders groß ist, wird seitens der Politik schon richtig eingeschätzt. Wie soll man erklären, dass man bei Pflege oder Gesundheit spart – aber das Millionenprojekt durchzieht? Da kann Crepaz noch so oft mit seinen durchaus beeindruckenden Umwegrentabilitätsrechnungen kommen: Demnach bringen die Salzburger Festspiele allein in sieben Wochen 250 Millionen Euro an Wertschöpfung. Das Projekt habe sich deswegen in sechs Jahren amortisiert, sagt er. Mag schon sein, dazwischen muss zuerst ÖVP-Landeshauptfrau Karoline Edtstadler Wahlen schlagen, und auch SPÖ-Vizekanzler Andreas Babler muss voraussichtlich wieder in den Ring. Die nächste geplante Nationalratswahl ist für den Herbst 2029 avisiert.
„Schon im Vorfeld bzw. zeitgleich zur Rechnungshof-Prüfung ergingen weitere Aufträge, die geplanten Kosten bzw. Redimensionierungen zu prüfen und eine Priorisierung vorzunehmen, um notwendige Sanierungsarbeiten an allen Häusern mit den bereits zugesagten Mitteln von Phase I durchführen zu können“, heißt es aus Edtstadlers Büro auf profil-Anfrage. Heißt: Man erwartet sich, dass beide Phasen mit den zugesagten Mitteln gebaut werden – das geht wohl nur, wenn man Phase eins reduziert, also vielleicht ein „kleineres Loch bohrt“ (sorry, Herr Crepaz!).
Was sagt der Bund dazu? Der ist auch nicht bereit, weitere Geldmittel freizumachen. „Die Finanzierungszusagen der Gebietskörperschaften sind an einen fixen Kostendeckel gebunden. Auch sind Maßnahmen zur Gegensteuerung wie Redimensionierung des Projekts vorgesehen, sollten Kostenüberschreitungen erwartet werden“, heißt es aus Bablers Büro. Und: „Mit Blick auf die Komplexität des Projekts und der wiederholt aufgeworfenen Kostenfrage hat Herr Vizekanzler und Bundesminister für Kunst und Kultur Andreas Babler die allgemein bekannte budgetäre Lage sowie Ausführungen des Rohberichts zum Anlass genommen, dem Land Salzburg und der Stadt Salzburg vorzuschlagen, nochmals technisch-fachlich prüfen zu lassen, inwieweit eine alternative Umsetzung des Projekts Festspielbezirk 2030 möglich ist und eine solche bei einer Gesamtbetrachtung zu einer wesentlichen finanziellen Entlastung führen würde“. Eine Beauftragung soll bald erfolgen. Außerdem habe Babler die Finanzprokuratur mit der rechtlichen Prüfung der vom Bund zur Umsetzung des Projekts „Festspielbezirks“ unterfertigten Vereinbarungen beauftragt. Die Finanzprokuratur soll auch die Ergebnisse der Alternativen für die Umsetzung einschätzen.
Pest und Cholera
Also, es gibt am Ende nur zwei Optionen: Entweder die Politik treibt das Geld auf – oder man gibt einen Auftrag zur Redimensionierung des Projekts. Dafür braucht es eine Mehrheit im Kuratorium des Salzburger Festspielfonds. Wenn sich Land und Bund einig werden, könnten sie diese theoretisch erreichen. Nur: Schiebt man das Projekt, plant neu – auch das kostet. Das weiß auch Lukas Crepaz, der mir nicht so wirkt, als wäre er bereit, auch nur eine billigere Steckdose in Erwägung zu ziehen. Man habe schon jedes Detail wirklich ganz genau auf Kosteneffizienz geprüft, dazwischen das Projekt schon einmal um 55 Millionen reduziert – weniger sei jetzt nicht wirklich machbar und wäre sinnlos, sagt er. Schauen wir mal, ob die Politik die Festspiele overrulen wird.
Zumindest Karoline Edtstadler ist nicht dafür bekannt, Konflikte zu scheuen – offenbar auch nicht mit den Festspielen, mit denen sie sich auch abseits der Baustelle anlegt. Sie hat gerade die Rede von Präsidentin Kristina Hammer bei der feierlichen Eröffnung am 26. Juli gestrichen, die deswegen ordentlich angefressen ist. Das Publikum wird’s Edtstadler vielleicht danken – der Festakt war bisher doch eher unerträglich lang, man möchte vielleicht statt Reden doch lieber Klaus Maria Brandauer hören, der lesen wird. Dazu gibt es eine Rede der Präsidentin auch erst seit der Ära Helga Rabl-Stadler. Das ist übrigens die Nächste auf der Liste, die auf Edtstadler dezent verstimmt reagiert. Immerhin war der Umbau des Festspielbezirks in dieser Form ein Herzensanliegen von ihr und Ex-ÖVP-Landeshauptmann Wilfried Haslauer.
Ein gewisser Ex-ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz, bei dem die Kulturagenden damals angesiedelt waren, kam seinem Mentor nur zu gerne entgegen, das Projekt wurde in Windeseile beschlossen. Ausbaden müssen das jetzt andere.