Mehrere Windräder stehen auf einer grünen Landschaft unter einem bewölkten Himmel mit einem hellen Lichtschein am Horizont
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Der Ausbau der Windkraft könnte Arbeitsplätze schaffen, die Winterstromlücke schließen und unsere Abhängigkeit von Gasimporten reduzieren. Doch Österreich hinkt seinen selbst gesetzten Zielen massiv hinterher.

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Kärnten ist stolz auf seine Windkraft. Für das offizielle Wörthersee-Tourismusportal zählen die „beständigen Winde“ und „konstanten Windvoraussetzungen“ sogar zu den besonders erwähnenswerten Attraktionen. Beliebt ist der Wind aber nur, wenn er in die Segel von Surfern und Booten bläst. Als Stromerzeuger erteilten ihm die Kärntner:innen im Jänner 2025 in einer Volksbefragung eine Abfuhr. Das Ergebnis der Volksbefragung hat der Verfassungsgerichtshof zwar inzwischen wegen tendenziöser Fragestellung aufgehoben. Der Landtag erfüllte aber trotzdem die Forderungen: Künftig dürfen auf allerhöchstens 0,08 Prozent der Landesfläche maximal 50 Windräder errichtet werden. „Das ist für die Stimmung im Land und für die zukünftige Entwicklung als Standort von großer Bedeutung“, findet ÖVP-Landesparteiobmann und Raumordnungsreferent Martin Gruber.

300 Kilometer weiter nordöstlich schätzt sein Parteikollege, LH-Stellvertreter Stefan Pernkopf, die Auswirkung von Windparks auf Stimmung und Standortentwicklung etwas anders ein. „Der Ausbau der Erneuerbaren hilft nicht nur der Umwelt, er stärkt auch die regionale Wirtschaft und schafft viele Arbeitsplätze. Daher sind wir gerne die Ökostromlokomotive Österreichs“, beteuerte er anlässlich eines PR-Termins beim Windstromproduzenten Simonsfeld. Tatsächlich stehen mehr als die Hälfte der landesweit 1.447 Windräder in Niederösterreich, laut EAG-Monitoringbericht bezieht man hier rund 59 Prozent der Stromerzeugung aus Windkraft.

Weil alle anderen Bundesländer schwächeln, hinkt Österreich trotzdem massiv dem geplanten Ausbau hinterher. Um jetzt noch das Ausbauziel zu erfüllen – heißt: eine Verdopplung der Windkraft bis 2030, damit Österreichs Strom bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gedeckt wird –, müssten pro Jahr 150 neue Windräder errichtet werden. Das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) hätte dafür eigentlich im Einklang mit der Erneuerbaren-Richtlinie der EU den nötigen Schwung generieren sollen. Weil es aber von der Bundesregierung nicht rechtzeitig umgesetzt wurde und weil die Länder aus eigenem Antrieb zu wenige Beschleunigungsgebiete ausgewiesen haben, droht uns nun sogar ein Vertragsverletzungsverfahren samt saftiger Strafzahlungen.

Energieschub fürs Land

Die Flaute im Windkraftausbau ist nicht nur bedauerlich, weil das Geld für Strafzahlungen anderswo besser angelegt wäre. Der zögerliche Ausbau der Windenergie in Österreich kostet uns auch Wirtschaftsleistung: „Investitionen in die Windkraft kommen dem ökonomischen Idealziel sehr nahe. Sie verbinden innovative Technologie mit einer hohen inländischen Wertschöpfung, die noch dazu größtenteils außerhalb der Ballungsräume entsteht – also genau dort, wo es ansonsten meist schwierig ist, die Einkommens- und Beschäftigungsperspektiven der Bevölkerung zu verbessern“, sagt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung und Geschäftsführer des Instituts Economica. 

Ein Investitionsaufkommen von sieben Milliarden – das entspricht einer installierten Windkraftleistung von rund 4.000 MW – hätte bis 2030 ein zusätzliches Steueraufkommen von 760  Millionen Euro, eine Bruttowertschöpfung von 1,8 Milliarden Euro und 25.000 zusätzliche Jobs zur Folge. „Aus ökonomischer Sicht“, so Helmenstein, „grenzt es an Realsatire, wie schwer es einer superioren Technologie wie der Windkraft gemacht wird, sich durchzusetzen und ihren vollen Beitrag zur Energietransformation zu leisten.“
 

Erfolgsfaktor Unabhängigkeit

Tatsächlich ist das Potenzial der Windkraft als Wirtschaftsmotor noch lange nicht ausgeschöpft. „Ein zügiger österreichweiter Ausbau der Windkraft ist die Voraussetzung dafür, dass diese Erzeugungsform ihren Beitrag auch künftig leisten kann, denn der Strombedarf wächst kontinuierlich“, sagt Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie. „Um alle Potenziale in Österreich bestmöglich zu nutzen – und die Netze ausgewogen zu belasten –, müssen wir in allen Teilen unseres Landes Projekte realisieren. Vor allem in den bergigeren Regionen sehen wir hier derzeit noch nicht genug Bewegung.“ 

Windkraft ist der optimale Ausgleich zur sommerlastigen Photovoltaik und steuerte zur Jahreswende von 2025 auf 2026 fast die Hälfte zur Gesamtstromerzeugung bei. „Zwei Drittel des jährlichen Windstroms werden im Winterhalbjahr erzeugt, also dann, wenn Wasser und Sonne nur eingeschränkt liefern und Gas für die ausreichende Energieversorgung teuer von autoritären Regimen importiert werden muss“, rechnet die IG Windkraft, die Interessenvertretung der Windkraftindustrie, vor. „Der Ausbau ist kein Nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit für Österreichs unabhängige Energiezukunft.“ 

Wie viel Potenzial in der Branche steckt, zeigt auch eine Studie von WindEurope in Zusammenarbeit mit dem Elektrifizierungs-Energieunternehmen Hitachi Energy: Ihr zufolge könne die zügige Transformation in Richtung eines auf erneuerbare Energien basierenden Stromsystems der EU bis zu 1,6 Billionen Euro ersparen. Davon könnte auch die heimische Windstrombranche profitieren, die derzeit rund 1,2 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet und entlang der Wertschöpfungskette rund 8.000 Arbeitsplätze erhält. 180 österreichische Firmen – vom steirischen Generatoren-Produzenten Elin Motors über die oberösterreichischen Rotoren-Hersteller Hexcel Composites bis zu den Vorarlberger Elektroniksteuerungsexperten Bachmann electronics – sind dafür schon gut aufgestellt und an Herstellung, Transport, Errichtung und Wartung von Windrädern rund um die Welt beteiligt. 

Im Vergleich zum Weltmarktführer ist die heimische Gesamtleistung von 4.221 MW (Stand bei Redaktionsschluss laut IG Windkraft) allerdings nur ein laues Lüftchen. Mit 521.746 MW produziert China mehr als doppelt so viel Windstrom wie Platz zwei (USA) und drei (Deutschland) zusammen (Quelle: Energy Institute, 2025 Statistical Review of World Energy). Parallel dazu zieht China technologisch davon: Vier der fünf größten Turbinenhersteller sind chinesische Unternehmen, auch die Lieferketten der meisten Komponenten sind fest in chinesischer Hand. 

Rückenwind für die Windenergie-Industrie wäre deshalb für Österreich nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht strategisch sinnvoll. Sondern auch aus geopolitischer. „Ein imperialistischer Diktator im Osten, der Krieg führt, ein NATO-Partner im Westen, der Angriffspläne hegt: Gerade durch sicheren, günstigen und regionalen Strom können Erneuerbare in volatilen Zeiten ‚Industrie-Joker‘ und Schutzschirm gegen den geopolitischen Sturm für Europa und Österreich werden“, formuliert es IG-Windkraft-Geschäftsführer Florian Maringer. Denn mehr autark erzeugter grüner Strom bedeutet auch weniger Abhängigkeit von Gasimporten aus Russland und den USA. 

Text: Alexander Lisetz