Mann in Anzug öffnet Hemd und zeigt ein T-Shirt mit grünem Recycling-Symbol
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Standortprogramm Klimaschutz, Business-Case Nachhaltigkeit

Österreichs Wirtschaftsmotor stottert. Der Weg aus der Krise? Grüne Transformation, sagt der Grazer Klimaökonom Karl Steininger. Ein Gespräch über die ökonomischen Chancen von Klimaschutz und wie wir sie nutzen können.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Herr Professor Steininger, 2024 haben Sie am Wegener Center der Universität Graz in einer Meta-Studie die volkswirtschaftlichen Vorteile von Klimaschutz analysiert. Was sind die eindrücklichsten Ergebnisse? 

Karl Steininger

Unsere Meta-Studie zeigt, dass Klimaschutz kein „moralisches Projekt“ ist, sondern ein wesentlicher Motor für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität. Klimaschutz und Wirtschaftswachstum bedingen einander sogar. Ein Beispiel: Geht der Ausbau der Erneuerbaren im Ausmaß des aktuellen Ziels bis 2030 weiter, schaffen wir durch jährliche Investitionen von 4,5 Milliarden Euro bis zu 100.000 Arbeitsplätze, das BIP erhöht sich um 9,8 Milliarden Euro. Und das Beste: Der Ausbau der Erneuerbaren steigert nicht nur die Wirtschaftsleistung und Beschäftigung. Während das BIP wächst, sinken die CO₂-Emissionen.

Sie sprechen hier von einer „Doppelten Dividende“, die mit der Etablierung eines klimaneutralen Wirtschaftssystems einhergeht … 

Karl Steininger

Dieser Effekt wird vor allem durch höhere Investitionen in Energieerzeugung, Gebäudeeffizienz, Verkehr und Industrie erreicht. Und durch geringere fossile Importe. Was man aber auch nicht vergessen sollte, ist die Vermeidung der hohen Kosten des Nichthandelns. Schon heute liegen allein die direkten Folgekosten des Klimawandels – etwa für Hochwasserschäden oder Ernteausfälle durch Dürren – bei zumindest zwei Milliarden Euro pro Jahr. Bis 2050 könnten sie auf bis zu 15 Milliarden Euro ansteigen. Hinzu kommen indirekte Kosten, etwa durch Fehlinvestitionen oder für nötige Klimawandelanpassungen. Und je länger man beim Klimaschutz zögert, desto größer werden die stranded assets und somit Wertverluste … 

Mann mit grauen Haaren trägt hellblaues Hemd und dunkles Sakko und gestikuliert mit der rechten Hand
Bild anzeigen

Zur Person

Karl Steininger (60) ist Professor für Klimaökonomik und Nachhaltige Transition an der Universität Graz und Leiter des Wegener Center für Klima und Globalen Wandel. Er forscht zu den ökonomischen Folgewirkungen des Klimawandels und berät Forschungsinstitutionen, internationale Einrichtungen und Politiker:innen.

Die Klimafolgekosten sind ja nicht der einzige Preis, den wir zahlen, wenn wir bei den öffentlichen Ausgaben im Umwelt- und Klimabereich kürzen und die Nachhaltigkeitstransformation verzögern. Das zeigt eine erst Anfang Mai von Ihnen veröffentlichte Studie.

Karl Steininger

Werden Ausgaben im Umwelt- und Klimabereich reduziert, ohne dass andere (ordnungs-)politische Instrumente zur Einhaltung der Klimaziele beschlossen werden, ist das mehrfach kontraproduktiv. Es führt zum einen zu erheblichen Mehrausgaben – für die Behebung von klimawandelbedingten Schäden, für Klimawandelanpassungen und für drohende Zielerreichungszahlungen bei Nicht-Erreichen der Klimaziele. Zum anderen stehen den Mehrausgaben geringere Einnahmen gegenüber, wenn Österreich eine klimaschonende Transformation nicht oder zu spät vollzieht, seinen Wettbewerbsvorteil verspielt, Innovationen ausbleiben und die Folgen des Klimawandels die Wirtschaftsleistung mindern. In Summe schränkt das die fiskalische Handlungsfähigkeit des Staates weiter ein. Eine konsequente Umsetzung öffentlicher Klimaanpassungsmaßnahmen könnte in Österreich hingegen bis zu 80 Prozent der klimabedingten Verluste in der Wirtschaftsleistung vermeiden. Dadurch liegen die Steuereinnahmen bis 2050 um jährlich rund 2,5 Milliarden Euro höher als in einem Szenario ohne zusätzliche Investitionen. Treffsichere und zukunftsfähige Klimawandelanpassung finanziert sich also langfristig selbst und sichert budgetäre Spielräume. Gerade in Zeiten hoher Unsicherheit – etwa durch geopolitische Krisen oder volatile Energiepreise – sind stabile öffentliche Finanzen entscheidend.

Klimaschutz und -anpassung stärkt also direkt die öffentlichen Finanzen. Und die Unternehmen? Welche wirtschaftlichen Vorteile hat die Transformation für sie?

Karl Steininger

Die Welt ist im Umbruch. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir – gerade auch in Österreich – unsere Wertschöpfung jahrzehntelang auf (scheinbar) billige fossile Energie draufgesetzt, die wir importiert und „veredelt“ haben. Heute sind die Erneuerbaren wirtschaftlich klar die billigere Energieform. Mittel- und langfristig werden wir am Weltmarkt auch nur noch klimafreundliche und -neutrale Produkte und Technologien verkaufen können. Wer heute investiert, dem bieten Investitionen in Transformation und grüne Innovationen erhebliche wirtschaftliche Chancen, ökonomische Resilienz und Zugang zu den Wachstumsfeldern von morgen. In einem dynamischen Umfeld, in dem sich neue, nachhaltige Märkte auftun, sind First-Mover-Vorteile besonders ausgeprägt. Ob Wasserkraftturbinen oder Next-Generation-Recycling, Kreislaufwirtschaft oder Fassadentechnologien im Bereich Raumwärme: Viele der Umwelttechnologien, um die es hier geht, haben eine höhere Fortschrittsrate. Unternehmen, die dort zeitgerecht hineingehen und ihre Expertise ausbauen, können die Wertschöpfung im Inland halten und sich international eine gute Wettbewerbsposition erarbeiten beziehungsweise diese weiter ausbauen. 

Weiter ausbauen heißt: Österreich steht im Bereich Umwelttechnologien bereits ganz gut da?

Karl Steininger

Tatsächlich haben wir im Bereich Umwelttechnologien eine echte Stärke. Die Forschungsquote in diesem Sektor ist mit sieben Prozent doppelt so hoch wie der österreichische Schnitt in der Gesamtwirtschaft und dreimal höher als der europäische. Auch die hohe Patentdichte – etwa im Kunststoffrecycling oder im Bahnbereich – zeigt, dass wir in einigen Feldern extrem innovativ unterwegs sind. Gut so, in doppelter Hinsicht. Denn zum einen ist Umwelttechnologie ein krisenresistenter Sektor, der selbst in der Covid-Zeit nicht eingebrochen ist und dessen Wachstum sich auch jetzt in der Rezession nur etwas verlangsamt hat. Zum anderen haben wir in Österreich in den letzten beiden Jahrzehnten eine Verneunfachung des Exports von Umwelttechnologien gesehen. Und als kleine, offene Volkswirtschaft, die einen wesentlichen Einkommensanteil aus Export erwirtschaftet, sind wir davon abhängig, dass wir solch exportstarke Branchen haben und unsere Exportstärke langfristig erhalten.

Klimaschutz ist also kein bloßer Kostenfaktor oder gar Wachstumshemmnis – wie oft behauptet und befürchtet –, sondern ein Business Case und Konjunkturprogramm. Sie sagen sogar, dass die mit der Nachhaltigkeitstransformation verbundenen Investitionen und Innovationen gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten zum strategischen Erfolgsfaktor werden. Können Sie das näher erklären?

Karl Steininger

In Zeiten, die von wirtschaftlichen Krisen geprägt sind, erzeugt jede Investition in grüne Infrastruktur, Klimaschutztechnologien oder neue, nachhaltige Anlagen einen Multiplikatoreffekt in der unterausgelasteten Volkswirtschaft. Gleichzeitig bauen wir dadurch einen Kapitalstock auf, können in der Zukunft mehr produzieren und kurbeln damit das Wirtschaftswachstum an. Dadurch, dass wir den Import fossiler Energien durch heimische Erneuerbare ersetzen, holen wir auch die Wertschöpfung – wieder – ins Inland. 

„Wenn wer ein erfolgreiches Experimentierfeld sein kann für klimaneutrales Wirtschaften und Leben, dann Österreich.“ 
 

Karl Steininger

Was braucht es – neben Investitionen in Klimaschutz –, damit die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft Fahrt aufnehmen kann?

Karl Steininger

Im Industriebereich braucht es vor allem Klarheit und Sicherheit. Klarheit vor allem darüber, wie all unsere Strategien – Kreislaufstrategie, Carbon-Management-Strategie, Industriestrategie, Wasserstoffstrategie, Bioökonomie-Strategie – zusammengehen und wie die Rahmenbedingungen für die klimaneutrale Wirtschaft in Zukunft aussehen werden. Im Moment haben wir einen Baukasten mit vielen Klötzchen, was fehlt, ist aber ein Bauplan, wohin wir gehen wollen. Diese Klärung steht leider noch aus. Deshalb investieren viele Unternehmen – heimische wie internationale – derzeit nicht oder nur sehr zögerlich in Österreich.

Ihre Meta-Studie gibt ja auch Handlungsempfehlungen, wie Österreich durch gezielte Maßnahmen eine Vorreiterrolle im Klimaschutz übernehmen und gleichzeitig wirtschaftlich profitieren kann – unter anderem durch spezifische Investitionsanreize für grüne Leitmärkte. Was wäre das Dringlichste, Wichtigste?

Karl Steininger

Ein Planungs-/Visionsgremium von Sozialpartnern, NGOs, Ministerien, Ländern, Bürgerklimarat, das wirklich ein kraftvolles, transparentes „Wo wollen wir hin“-Bild entwirft und Schritte erarbeitet, wie wir dort hinkommen und unsere Stärken absichern. Und als Ökonom denke ich, dass Preise sehr wohl helfen, Ziele zu erreichen. CO₂-Bepreisung schafft Planungssicherheit und lenkt Investitionen dorthin, wo sie volkswirtschaftlich erwünscht sind. Der CO₂-Preis, den wir haben, könnte aus meiner Sicht noch deutlich(er) ansteigen. Möglicherweise auch über ETS2 hinaus. Wichtig ist allerdings, die Einnahmen zu verwenden, um – so wie es beim Klimabonus war – das Geld an die Geringeinkommenshaushalte zurückzuverteilen, damit wir hier keine Benachteiligung haben. Und das Dritte wäre ein Infrastrukturplan. Hier gilt es Strategien zusammenzuführen und die Anreize im Energiemarktsystem so zu setzen, dass die Produktion und Nutzung der Energie netz- und erneuerbarenfreundlich wird. Da gibt es noch viel Potenzial.

Apropos Potenzial: Das Climate Lab betont gerade in einer Aussendung, dass die Bedeutung von Nachhaltigkeit für Politik und Unternehmen in den letzten Jahren abgenommen habe und in der Folge Transformationsprojekte langsamer verlaufen als möglich. Wie hoffnungsfroh sind Sie, dass Österreich die ökonomischen Chancen des Klimaschutzes erkennt und ausschöpft?

Karl Steininger

Klimapolitisch besteht natürlich noch extremer Nachholbedarf. Falsche Anreize und Maßnahmen wie eine Spritpreisbremse verzögern die Umstellung massiv, gehen sogar in die falsche Richtung. Aber es gibt auch schon einiges, was gut gelungen ist. Im Elektrizitätswirtschaftsgesetz sind schon einige Pflöcke korrekt eingeschlagen. Auch der Transformationsfonds ist schon da. Meine Erfahrung ist, dass auch immer mehr Unternehmen verstanden haben, dass Klimaneutralität ein Geschäftsmodell ist – nicht eine Verpflichtung. Liefert die Politik die passenden Rahmenbedingungen, haben wir als reiches Land mit gutem Bildungs- und Sozialsystem extrem gute Voraussetzungen. Wenn wer ein erfolgreiches Experimentierfeld sein kann für klimaneutrales Wirtschaften und Leben, dann wir.

Wer, wenn nicht wir … Ein schönes Schlusswort. Möchten Sie ihm noch etwas hinzufügen? 

Karl Steininger

Verteilungsfragen sind lösbar. Sie sollen uns nicht aus Angst die Vorteile verlieren lassen, die mit zeitgerechtem und konsequentem Klimaschutz möglich sind. Volkswirtschaftlich rechnet sich Klimaschutz – für die nationale Wohlfahrt und für die Erhaltung unserer Exportstärke als kleine offene Volkswirtschaft. Jeder Euro, der in klimaneutrale Technologien fließt, erzeugt netto mehr Wertschöpfung, als er kostet. Die grüne Transformation ist eine Investition in die Zukunft. Sie schafft Wachstum, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und erhöht die Lebensqualität. 

Interview: Daniela Schuster