Viel mitnehmen, mehr dalassen
Hoch über dem Imlil-Tal klammert sich die Kasbah du Toubkal an den Hang und Mike McHugo an eine Hoffnung. „Ich wünsche mir, dass das, was wir hier oben im marokkanischen Atlasgebirge geschaffen haben, zum Vorbild für die Tourismusbranche wird“, sagt der Brite. 1989 hatte er die verfallene Festung erworben, restauriert und in ein Boutique-Hotel verwandelt. Die Architektur spiegelt die traditionelle Bauweise der Berber wider. Die Küche zelebriert ihr kulinarisches Erbe. Die Angestellten teilen ihre Bräuche im Hammam. Vor allem aber ist die Kasbah ein Ort, der nicht nur Gäste aus aller Welt auf-, sondern auch Verantwortung für die lokale Gemeinschaft übernimmt.
Verbindung statt Kulisse
Fünf Prozent der Übernachtungskosten fließen seit der Eröffnung des Hotels in die umliegenden Bergdörfer. Wo immer noch Maultierpfade Straßen ersetzen, gibt es dank der Touristenabgaben heute eine Müllabfuhr, einen Ambulanzdienst, sauberes Trinkwasser und vor allem Chancen, insbesondere für die Mädchen des Tals. Während die Analphabetenrate unter Frauen in anderen ländlichen Regionen Marokkos bis zu 70 Prozent beträgt, besuchen hier die meisten jungen Berberinnen eine höhere Schule, viele sogar die Universität, weil ihnen die von Mike McHugo mitbegründete NGO „Education For All“ (EFA) sichere Wohnheime in der Nähe bietet. Und damit auch eine Alternative zu einer frühen Verheiratung. Mit dem Anstieg des Bildungsniveaus sank die Zahl der Kinderbräute deutlich.
Längst ist EFA zum Symbol des Wandels geworden, maßgeblich unterstützt durch die Kasbah-Gäste. Deren Verbindung zu Land und Leuten geht so tief, dass einige nach dem schweren Erdbeben im September 2023 sogar anreisten, um die schwer beschädigte Kasbah gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung wieder aufzubauen. Heute stehen die Festungszinnen erhabener da als je zuvor und die Chancen gut, dass die Kasbah tatsächlich zu einem Leuchtturm wird für einen Tourismus, von dem eine gesamte Region profitiert und nicht nur diejenigen, die direkt oder indirekt beschäftigt sind.
In der Branche gilt der heute über 70-jährige McHugo jedenfalls als Pionier eines Konzepts, das bei der Eröffnung des Kasbah-Hotels vor fast vier Jahrzehnten noch keinen Namen hatte, sich heute aber unter dem Begriff „Regenerativer Tourismus“ anschickt, die Branche umzukrempeln. Die Kernidee klingt fast zu gut, um Tourismus zu sein: „Die Gäste lassen mehr da, als sie mitnehmen“, so Cornelia Dlabaja, Stiftungsprofessorin für nachhaltige Stadt- und Tourismusentwicklung an der FHWien der WKW. „Die Touristenziele stehen nach einem Besuch besser da als zuvor – ökologisch, sozial, wirtschaftlich.“
Nichts Neues?
Einige Experten sehen im regenerativen Tourismus lediglich ein Rebranding, sprechen von „Altem Wein in neuen Schläuchen“. Nachhaltiger Tourismus habe bereits seit Jahrzehnten ökologische und ökonomische Ziele integriert und berücksichtige auch soziale Fragen wie etwa Arbeitsbedingungen. Das Label „Regenerativ“ sei daher unnötig, ja sogar kontraproduktiv, warnt Christian Baumgartner, Professor für nachhaltigen Tourismus an der FH Graubünden: „Was auf den ersten Blick als logische Weiterentwicklung erscheinen mag, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als problematische Verwässerung eines international anerkannten und operationalisierten Ansatzes mit klaren Zertifizierungssystemen und gut messbaren Standards und Kennzahlen.“
Auch ökonomisch sei nicht alles geklärt. Viele Regionen seien auf hohe Besucherzahlen angewiesen. Ein radikaler Wechsel zu weniger, aber zahlungskräftigeren Gästen könnte Gewinner und Verlierer schaffen. Statt einem neuen Trend hinterherzulaufen, der anfällig für Missbrauch – sogenanntes „Regenwashing“ – sei, sollte sich die Branche besser auf die konsequente Umsetzung bewährter Nachhaltigkeitsprinzipien konzentrieren, so Baumgartner.
Win-win
Kopenhagen belohnt Tourist:innen für verantwortungsvolles und umweltbewusstes Verhalten. Wer etwa bei seiner Kajaktour durch den Hafen Müll einsammelt, während er die Skyline genießt, zahlt nichts für das Paddelboot.
Mehr nutzen statt weniger schaden
Befürworter halten dagegen und kritisieren ihrerseits nachhaltige Initiativen: „Viele neigen dazu, dem Tourismus zu dienen und nicht den Destinationen“, sagt etwa die australische Expertin Loretta Bellato. Sie ist überzeugt, dass regenerative Konzepte nicht nur einen guten Schritt weiter gehen als Sustainable Tourism, sondern auch in eine bessere Richtung. Während nämlich Nachhaltigkeit in erster Linie „nur“ darauf abziele, die negativen Effekte des Fremdenverkehrs zu minimieren, Bestehendes zu bewahren und dabei den Fokus meist auf CO₂-Neutralität lege, „will regenerativer Tourismus einen positiven Nettonutzen für einen Ort und die Gemeinschaft schaffen.“
Statt um die Reduktion von Emissionen geht es um die Renaturierung, Resilienz und Revitalisierung ganzer Regionen. „Natürlich sind Nachhaltigkeitsmaßnahmen auch Schlüsselbestandteil der Regeneration – jedoch als maßgeschneiderte Lösungen, die auf dem einzigartigen Potenzial jedes einzelnen Ortes basieren und dabei sowohl aus westlichen als auch aus indigenen Wissenssystemen schöpfen“, so Bellato. „Diese neue Form des Fremdenverkehrs regeneriert also mehr als nur sich selbst und dient dem Leben allgemein.“
Milliardenmarkt mit Sinn
Dass diese idealistische Vision auch wirtschaftlich Früchte trägt, zeigt ein Blick auf die Zahlen. „Anbieter von regenerativen Reiseerlebnissen berichten von einer höheren Gästebindung, größeren Preissetzungsspielräumen und deutlichen Einsparungen bei den Betriebskosten“, weiß Amanda Ho, CEO von „Regenerative Travel“, einer Plattform, die sich für einen positiven Wandel in der Tourismusbranche einsetzt.
Zurück zur Natur
In Peru setzt sich die Hotelgruppe Inkaterra seit mehr als 50 Jahren für den Schutz der einzigartigen Ökosysteme des Landes ein. Ein Projekt: die Renaturierung ehemaliger landwirtschaftlicher Flächen in Machu Picchu Pueblo mit einheimischem Nebelwald.
Insgesamt könnte der globale nachhaltige Tourismussektor laut Prognosen bis 2033 ein Volumen von 11,5 Billionen US-Dollar erreichen. Laut Welttourismusorganisation (UNWTO) bevorzugen bereits 73 Prozent der Urlauber nachhaltige Reiseangebote, allein die gezielte Nachfrage nach regenerativen Tourismuskonzepten hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Gerade in Zeiten von Overtourism, wachsenden Bevölkerungsprotesten und Klimakrise wirkt das Regenerationskonzept wie ein Versprechen für (noch) besseres Reisen: weniger Konflikte, mehr Resilienz, weniger Masse, mehr Wert – für alle. „Die erfolgreichsten Anbieter haben die Beziehung zwischen Tourismus und Gastgemeinden neu gedacht und Modelle geschaffen, bei denen 60 bis 80 Prozent des Umsatzes in der lokalen Wirtschaft bleiben“, weiß Amanda Ho.
Transformation? Loading
Was mehr verspricht als Sustainability, verlangt zugleich aber natürlich auch mehr. Und zwar nicht nur von den Destinationen und Gastgebern, die die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung, den Schutz von Natur- und Kulturschätzen und die Wertschöpfung für die lokale Ökonomie zum zentralen Bestandteil ihrer Tourismusstrategie machen müssen. Auch die Reisenden müssen umdenken und bereit sein, am Urlaubsort von Konsument:innen zu Mitgestalter:innen zu werden. „Sie sollen eine Stadt, eine Region, ein Land und die gemachten Angebote nicht nur konsumieren, sondern aktiv zur Lebens-, Aufenthalts- und Erlebnisqualität und einer gesunden Infrastruktur beitragen“, erklärt Cornelia Dlabaja. Noch, sagt die Wiener Professorin, gebe es bei den meisten Tourist:innen jedoch einen großen Gap zwischen dem Bewusstsein und der tatsächlichen Umsetzung regenerativen Reiseverhaltens. „Gerade deshalb sind entsprechende Angebote wichtig.“
Kulinarik als Impulsgeber
Die Menüs der „Mostviertler Feldversuche“ stehen für Biodiversität und ein faires Miteinander entlang der Wertschöpfungskette. Sie laden die Gäste ein, über die Zukunft der Ernährung, des Klimas und der Landschaften nachzudenken.
Von Kopenhagen bis Peru
Noch ist die Angebotspalette nicht riesig, dafür aber breit gefächert. In Kopenhagen werden Touristen etwa im Rahmen der „CopenPay“-Initiative mit kostenlosen Museumseintritten belohnt, wenn sie auf einer Sightseeing-Paddeltour durch den Hafen nicht nur Eindrücke, sondern auch Müll einsammeln. Nachhaltigkeit wird hier nicht als Verzicht, sondern als Erlebnis inszeniert. In Italien beleben sogenannte „Alberghi Diffusi“ verlassene Dörfer. Statt neue Hotels zu bauen, werden leerstehende Gebäude genutzt. Die Gäste wohnen mitten im Ort, lokale Betriebe profitieren direkt, der Tourismus wird zum Instrument regionaler Entwicklung. Und in Peru renaturiert die Hotelgruppe Inkaterra Regenwaldflächen, betreibt Forschung und bindet Gäste aktiv in Schutzprogramme ein, die sie durch ihre Übernachtungen finanzieren.
Auch Österreich positioniert sich zunehmend. Die nationale Tourismusstrategie setzt auf regenerativen Tourismus, auf „Qualität statt Quantität“. Heißt: längere Aufenthalte und höhere Wertschöpfung vor Ort durch die stärkere Einbindung lokaler Akteure, plus Förderung regionaler Produkte und Kreisläufe, Investitionen in nachhaltige Infrastruktur und sanfte Mobilität. Die Gäste werden in Natur- und Kulturprojekte eingebunden. Im Nationalpark Hohe Tauern können Besucher:innen etwa an Rangerprogrammen zum Schutz sensibler Ökosystem teilnehmen und „sich nützlich fühlen“, wie es eine ehemalige Teilnehmer:in beschreibt.
Gute Nachbarn
Vielleicht liegt genau darin der Reiz des regenerativen Tourismus: im Versprechen, dass er mehr sein kann als eine Auszeit von der Welt – ein kleiner Beitrag zu ihrer Verbesserung nämlich. Ursprünglich hatte Pionier Mike McHugo übrigens gar nie vor, ein weltverbesserndes Hotel zu bauen. Doch jetzt hofft er, dass das Projekt zur Blaupause wird. Die Latte für Nachahmer:innen, findet er, liegt gar nicht so hoch. „Wir haben einfach gehandelt, wie gute Nachbarn es tun würden.“
Text: Daniela Schuster