Wandel im Handel
Österreichs Konsument:innen sind leidenschaftliche Nachhaltigkeitsfans. Die Mehrheit möchte für ihr gutes Gewissen allerdings nichts aufzahlen und keine Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen – so die etwas überspitzte Interpretation der meisten einschlägigen Umfragen.
Keine leichte Aufgabenstellung für den Handel. Doch die Quadratur des Kreises lohnt sich. Wer glaubwürdig in die Top-Nachhaltigkeitsthemen investiert – laut aktuellstem Sustainable Commerce Report von Handelsverband und EY sind das die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, der sparsame Umgang mit Ressourcen, Mülltrennung sowie Tierwohl –, profitiert mehrfach. Die Sympathiewerte steigen, die oberste Einkommensschicht ist bereit, für Bio- oder regionale Produkte bis zu zehn Prozent tiefer in Börserl zu greifen. Und die Eigenkosten sinken, etwa in Form eingesparter Ressourcen.
Nachhaltigkeit ist deshalb für 37 Prozent der heimischen Handelsunternehmen ein integraler, für 40 Prozent ein immerhin mitgedachter Bestandteil der Strategie. Im vergangenen Jahr ist auch die transparente Lieferkette als zentraler Erfolgsfaktor in den Fokus gelangt, wies der Deloitte Sustainability Check 2025 nach. Eine Rolle spielt dabei nicht nur die Einhaltung von Menschenrechten und die Garantie von Umweltschutz. „Eine optimierte Lieferkette kann auch Kosten senken, Effizienz steigern, Risiken minimieren und damit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen“, so Deloitte-Experte Christoph Obermair.
Doch wie setzt Österreichs Handel nachhaltige Strategien um? Hier sind sieben Best-Practice-Beispiele:
Optimierte Pfandsysteme
Seit Jänner 2025 ist in Österreich das Einwegpfand auf PET-Flaschen und Dosen verpflichtend. Zusätzlich unterstützt der Handel den Recycling-Kreislauf mit eigenen Maßnahmen. So stellt zum Beispiel Adeg gratis Pfandsammeltaschen zur Verfügung. Spar rief ein Pfandbonspendenprogramm ins Leben. Und mehrere Billa- und Penny-Märkte übernehmen freiwillig die Pfandrückgabe für benachbarte Kleinunternehmen wie Würstelstände oder Trafiken, die mit der Logistik überfordert sind.
- Unterstützt das Ziel, bis 2027 90 Prozent aller PET-Flaschen und Dosen im Kreislauf zu führen
Lokale Zusammenarbeit
Heimische Händler:innen, kurze Wege und CO₂-neutrale Zustellung durch die Österreichische Post: Der Online-Marktplatz shöpping.at ist die rot-weiß-rote Alternative für alle, die zwar online einkaufen, aber einen weiten Bogen um Amazon, Shein, Temu und Co. machen wollen. Seit zwei Jahren gibt es auch eine eigene Refurbished-Kategorie für gereinigte, qualitätsgesichert instandgesetzte und besonders günstige Gebrauchtprodukte.
- Verkürzt bei Online-Bestellungen die Transportwege und liefert mit E-Fahrzeugen
Supermarkt aus Holz
Der im Vorjahr eröffnete Penny-Markt in Weiden am See (Burgenland) könnte Österreichs nachhaltigste Supermarktfiliale sein: Statt Beton wurden als Baustoff 135 m3 Holz verbaut, ein LED-Lichtbandsystem reduziert den Energieverbrauch und geheizt wird mit der Abwärme einer mit Grünstrom betriebenen Kälteanlage.
- Spart gegenüber herkömmlichen Beton-Supermärkten etwa 200.000 bis 350.000 Tonnen CO2-Emissionen
Reparatur statt Deponie
Österreich entsorgt pro Jahr 82.000 Tonnen Elektrokleingeräte, kritisiert die NGO Südwind. MediaMarkt steuert mit den SmartBars dagegen: Hier können defekte Smartphones gleich vor Ort geprüft und repariert werden. Aufwendigere Reparaturen für Handys und andere kaputte Elektro(nik)geräte erledigt die eigene Fachwerkstatt – bei Garantiefällen kostenlos, sonst zu moderaten Preisen.
- Spart pro Jahr 8.700 Tonnen Elektroschrott
E-Trucks und KI-Logistik
Immer mehr Handelsketten nützen E-LKW-Flotten zum Warentransport. So will z. B. Lidl bis 2030 sämtliche Filialen emissionsfrei beliefern. In den großen Logistikzentren hilft KI, die Prozesse zu optimieren, Fahrten zu reduzieren und Ressourcen zu schonen. Die fortschrittlichste Warendrehscheibe möchte Rewe bis 2030 auf 15.000 m2 in Wiener Neudorf errichten. Robotiktechnologie soll das eigene Wertstoffsortierzentrum managen, eine Photovoltaikanlage ein Fünftel des Energieeigenbedarfs abdecken. Geplante Investition: 600 Millionen Euro.
Verringert den Ressourcenverbrauch in der Lieferkette
Nachhaltige Mode
Secondhand-Mode boomt laut Handelsverband zweistellig, nachhaltige Eco-Fashion-Labels – wie etwa jenes der heimischen Influencerin Daria Alizadeh – finden besonders bei jungen Konsument:innen Anklang. Doch auch die großen Handelsketten nutzen das gestiegene Bewusstsein, um sich zu profilieren: So stemmt sich z . B. Kastner & Öhler, das größte Mode- und Sportunternehmen in österreichischem Besitz, mit dem Upcyclingprogramm Second First gegen den Trend zur Wegwerfmode. B-Ware wird nicht entsorgt, sondern repariert und aufbereitet zu reduzierten Preisen im Second Hand Concept Store im Grazer Stammhaus verkauft.
Reduziert den Textilmüll
Digitaler Kassenbon
Große Unternehmen mit digitalen Kunden- und Bonussystemen – z. B. jö-Digitalbon oder eBon von dm – durften schon bisher digitale Belege anbieten, ab Oktober ist generell Schluss mit der Zettelwirtschaft: Jedes Unternehmen, das möchte, darf dann den Papierbeleg durch einen digitalen Kassenbon ersetzen. Dieser wird dann per E-Mail, Kunden-App oder QR-Code abrufbar sein. Praktisches Extra: Digitale Bons gehen nicht verloren und können mit Haushaltsbuch- oder Steuer-Apps synchronisiert werden.
Vermeidet 400.000 Tonnen Papier pro Jahr und nicht recycelbaren Thermopapier-Abfall
Text: Alexander Lisetz