Faktencheck

Corona: Kickl lobt Schweden mit irreführenden Zahlen

FPÖ-Chef Herbert Kickl vergleicht Schwedens Corona-Inzidenz mit jener Österreichs – und lobt den „schwedischen Weg“. Seine Zahlen erzählen aber nicht die ganze Geschichte.

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„Freiheit & Eigenverantwortung vs. Zwang der Zeugen Coronas…“ – mit dieser tendenziösen Einleitung stellt FPÖ-Chef Herbert Kickl die Pandemie-Strategien von Schweden und Österreich einander gegenüber. In einem Facebook-Posting vom 28. März 2022 macht er bei seinen fast 250.000 Abonnenten für den „schwedischen Weg“ Stimmung und vergleicht dafür die aktuellen Corona-Zahlen Schwedens mit jenen Österreichs. Warum sein Posting allerdings irreführend ist – und wie sinnvoll Schwedens Vorgehen in der Corona-Pandemie tatsächlich war.

Eine 7-Tage-Inzidenz von 79 in Schweden im Vergleich zu 2980 in Österreich Ende März – das würde belegen, dass der „schwedische Weg“ nicht gescheitert sei, wie es „Mainstream-Medien und Systemparteien“, so das Kickl-Posting, immer behaupten. Das Problem dabei: Die Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte. Denn Schweden (mit einer etwas höheren Durchimpfungsrate als Österreich) erlebte die massivste Infektionswelle seit Beginn der Pandemie bereits Ende Jänner dieses Jahres. Die 7-Tage-Inzidenz lag damals laut Daten der Johns Hopkins Universität (JHU) bei rund 2836. In Österreich war diese zum gleichen Zeitpunkt mit rund 2562 (laut AGES) etwas darunter angesiedelt. Über 40.000 neue Corona-Fälle gab es damals laut JHU täglich in Schweden (Wochenmittelwert) – ein Höhepunkt, den Österreich erst Mitte März erreichte.

Am 12. Jänner 2022 wurden in Schweden erweiterte Einschränkungen des täglichen Lebens bekannt gegeben: Unter anderem eine Sperrstunde für Restaurants, eine Personenbeschränkung für Veranstaltungen ohne Kontrolle von Impfzertifikaten, sowie Empfehlungen, soziale Kontakte einzuschränken und von zu Hause zu arbeiten. Dass es in Schweden gar keine Einschränkungen gab, ist also ein Mythos – auch wenn der Fokus des Zehn-Millionen-Einwohner-Landes stets klar auf Eigenverantwortung und Freiwilligkeit lag. Seit Anfang Februar 2022 sanken die Zahlen in Schweden dann massiv und sind nun fast auf dem Level des Vorjahres angelangt. Weitgehend alle Corona-Maßnahmen sind wieder aufgehoben.

Diese Zahlen vergleicht Kickl nun mit jenen in Österreich, das sich gerade noch auf einem relativ hohen Infektionsniveau befindet. Das ergebe wenig Sinn, findet Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS): „Der Ansatz ist absurd, da die Wellen nicht in jedem Land gleichzeitig ablaufen. Gerade Schweden hatte eine riesige Omikronwelle.“ Ein Vergleich hinke auch aus einem anderen Grund, wie Herwig Ostermann, Geschäftsführer der staatlichen Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), gegenüber profil erklärt: „Schweden verfolgt eher eine Niedrigteststrategie – vor allem im Vergleich zu Österreich. Deswegen ist die Inzidenz nicht immer ein guter Indikator und 1:1 vergleichbar.“ In Schweden wird inzwischen nicht mehr weitreichend getestet – laut schwedischer Gesundheitsbehörde nicht einmal mehr Menschen mit Symptomen: Ende März etwa testete Österreich pro 1000 Einwohner hundertmal so viel wie Schweden – und konnte daher auch mehr positive Fälle identifizieren.

Besonders viele schwedische Corona-Tote zu Beginn der Pandemie

Vergleiche zwischen Ländern, was die Verbreitung des Coronavirus betrifft, sind grundsätzlich schwierig, denn es gibt enorm viele Faktoren, die hier hineinspielen – seien es geografische, gesellschaftliche oder politische. Dennoch: Eine Studie, die kürzlich im angesehenen Wissenschaftsjournal „Nature“ erschien, stellt dem schwedischen Weg ein schlechtes Zeugnis aus: „2020 waren die Todesraten durch Covid-19 zehnmal so hoch wie im Nachbarland Norwegen“. Vor allem in der ersten Welle starben in Schweden viel mehr Menschen an Covid als auch in Österreich etwa. „Der Schwedische Weg hat insbesondere am Anfang der Pandemie zu einer erheblich höheren Zahl an ,Corona-Toten’ geführt als in anderen Ländern mit einem vergleichbar gut entwickelten Gesundheitssystem“, bestätigt die Virologin Dorothee von Laer. Unter den im Frühjahr 2020 verstorbenen Menschen in Schweden waren besonders viele Ältere – bedingt vor allem durch den mangelhaften Schutz von Alten- und Pflegeheimen, wie vielfach kritisiert wurde.

Langsam nähern sich die absoluten Zahlen aber an: Pro 100.000 Einwohner gibt es in Österreich mittlerweile sogar mehr Todesfälle als in Schweden, wie auch die FPÖ auf profil-Nachfrage betont. Man hätte mit dem Facebook-Posting lediglich zeigen wollen, dass der schwedische Weg nicht so schlecht war, wie er oftmals dargestellt werde. Herwig Ostermann von der GÖG analysiert: „Schweden liegt bei den Covid-Toten im Mittelfeld, Kopf an Kopf mit Österreich. Schwedens Nachbarländer liegen aber alle deutlich besser, zum Beispiel Norwegen.“ Rund 50 Todesfälle pro 100.000 Einwohner verzeichneten die Norweger zuletzt laut JHU, Schweden rund 180 und Österreich rund 183.

Hoffnung auf Herdenimmunität hat sich nicht erfüllt

„Unter Experten gilt der schwedische Weg als gescheitert“, erklärt der Gesundheitsökonom Czypionka: „Er setzte auf rasches Erzielen der Bevölkerungsimmunität – wir sehen aber, dass neue Varianten und abnehmende Immunität immer wieder zu Infektionen führen.“ Außerdem habe Schweden in den ersten Wellen viele „vermeidbare Todesfälle“ hingenommen: „Hätten Sie bis zur Impfung durchgehalten, wären viele Todesfälle nicht eingetreten.“

Neben der Anzahl der Corona-Todesfälle bietet auch die Übersterblichkeit einen Anhaltspunkt für Vergleiche. Auch hier gab es in Schweden vor allem am Beginn der Pandemie Probleme. Mittlerweile schneidet das Land aber besser ab als viele andere Staaten, wie Ökonomin Maria Hofmarcher-Holzhacker betont: „Anfang 2020 gab es eine sichtbare Übersterblichkeit, die sich dann Ende des Jahres auch nochmal gezeigt hat. Seit 2021 spielt Schweden aber im Vergleich zu anderen zentral- bzw. südeuropäischen Ländern in einer anderen Liga. Es scheint Ruhe eingekehrt zu sein.“

Kritik der Schwedinnen und Schweden

Auch in der schwedischen Bevölkerung wurde die heimische Corona-Politik, die maßgeblich vom Staatsepidemiologen Anders Tegnell bestimmt wurde, immer wieder kontrovers diskutiert. Zur Einordnung: Es gab keinen verordneten Lockdown, keine landesweiten Ausgangssperren und auch die Schulen blieben weitgehend geöffnet. Die 25-jährige Studentin Märta B. aus Uppsala etwa erfüllte die Strategie ihres skandinavischen Heimatlandes besonders zu Beginn mit „großer Angst“, wie sie gegenüber profil erklärt: „Die Verantwortung, die wir selbst tragen mussten, war viel zu groß. Woher sollte ich wissen, was gefährlich war und was nicht?“ Auch habe die Regierung viel zu wenig Aufklärungsarbeit geleistet – etwa über die Schutzfunktion von Masken. Manch anderen gingen die sanften Empfehlungen der Regierung hingegen sogar noch zu weit – auch in Schweden kam es zu Demonstrationen.

Ländervergleich fast unmöglich

Inwiefern Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern überhaupt möglich und hilfreich sind, daran zweifeln viele Fachleute – zu unterschiedlich seien die Voraussetzungen, meint etwa Virologin Dorothee von Laer: „Ich denke, man kann Skandinavien nicht mit Österreich oder Deutschland vergleichen. In Skandinavien gibt es weder eine signifikante Zahl von Impfskeptikern noch von Coronaleugnern.“ Außerdem sei die Digitalisierung in Schweden viel weiter fortgeschritten, was die Umsetzung von Homeoffice und Homeschooling deutlich leichter mache. Und: „Das Vertrauen in die Wissenschaft ist hoch und das soziale Verantwortungsbewusstsein ebenso. Trotz alledem hat es in Schweden im Vergleich zu den anderen skandinavischen Ländern deutlich mehr Corona-Tote gegeben. Das spricht nicht gerade dafür, nur auf Eigenverantwortung in der Kontrolle einer Pandemie zu setzen. In Deutschland und Österreich mit einer gewissen, sogar in politischen Parteien vertretenen Wissenschaftsfeindlichkeit hätten Appelle an die Eigenverantwortung wohl erst recht nicht ausgereicht.“

Auch die Epidemiologin und Gecko-Expertin Eva Schernhammer betont die Vielzahl an Faktoren, die zu unterschiedlichen Pandemieverläufen beitragen können. Sie nennt unter anderem die geografische Lage des jeweiligen Landes, die Dichte der Besiedlung, die Reisetätigkeit und den Stellenwert von Tourismus im jeweiligen Staat. Auch demografische Aspekte wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung, der Gesundheitsstatus, Impfbereitschaft und Durchimpfungsraten sowie Impfpflicht bestimmter Bevölkerungsgruppen seien von Bedeutung – so wie auch die Einigkeit der politischen Parteien, was das Pandemiemanagement angeht. Weitere Faktoren, so Schernhammer: „Wie umfassend die Dokumentation von Covid-19-Fällen inklusive Sterbefällen im jeweiligen Land ist; Unterschiede im Gesundheitssystem; Art und Enge von sozialen Kontakten sowie unterschiedliche SARS-CoV-2 Varianten, die gleichzeitig kursieren und Länder in unterschiedlichem Ausmaß betreffen können.“

Letztlich käme es auch darauf an, was man als Ziel einer Strategie ansieht, meint die Virologin Dorothee von Laer: „Zusätzlich müssen wohl volkswirtschaftliche Aspekte, Aspekte der Bildung und die seelische Gesundheit berücksichtigt werden. Die Gesamtbeurteilung unterliegt letztlich politischen Gewichtungen, die sich auf die Frage herunterdestillieren lassen: Was ist der Gesellschaft ein Menschenleben wert?“

Fazit

FPÖ-Chef Kickl vergleicht die Infektionszahlen zweier Länder zu einem Zeitpunkt, der seine Argumentation stützt. Schweden erlebte jedoch bereits Ende Jänner 2022 eine große Omikron-Welle. Erfolg oder Misserfolg der Corona-Strategien verschiedener Staaten lassen sich auf diese Weise jedenfalls nicht eruieren. Kickls Facebook-Posting ist somit insgesamt als irreführend einzustufen.

Katharina Zwins

Katharina Zwins

ist Redakteurin bei profil und Mitbegründerin des Faktenchecks faktiv.