Corona-Impfung: Impfung von Kindern

Corona-Impfung: Impfung von Kindern

© APA/ROLAND SCHLAGER

Faktencheck
12/18/2021

Corona-Verharmloser: Mit falschen Zahlen gegen die Kinderimpfung

Eine Gruppe namens „Mutig für unsere Kinder“ kritisiert im ORF die Impfung der jüngeren Bevölkerung. Für Kinder sei eine Corona-Erkrankung ohnehin keine große Gefahr. Die Ausführungen sind jedoch irreführend.

von Katharina Zwins

Das Risiko, dass ein Kind unter 18 ins Krankenhaus kommt, ist bei ungefähr eins zu 10.000 wenn man der deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie glauben darf. Und es ist bei ungefähr vier Kindern in 14 Millionen, wenn es um Mortalität geht.“

Manuel Schabus, Psychologe, Bürgerbewegung „Mutig für unsere Kinder“, 11. Dezember 2021, Interview ORF Salzburg

Soll ich mein Kind gegen das Coronavirus impfen lassen oder nicht? Eine Frage, mit der sich derzeit viele Eltern herumschlagen – denn seit wenigen Wochen ist das Vakzin in der EU offiziell für Kinder ab fünf Jahren zugelassen. Wer diese Entscheidung treffen muss, sollte sich gut informieren und mit der Hausärztin oder dem Hausarzt absprechen. Weniger Gehör sollten verunsicherte Eltern der Salzburger Bürgerbewegung „Mutig für unsere Kinder“ schenken. Denn die Gruppe wettert gegen die Kinderimpfung – und zwar mit veralteten, unvollständigen und irreführenden Daten, die das Gesundheitsrisiko für Kinder stark herunterspielen.

Größere Bekanntheit hat die Gruppe „Mutig für unsere Kinder“ durch einen Beitrag des ORF Salzburg bekommen, der am 11. Dezember ausgestrahlt wurde. In der TV-Story kommen mehrere Mitglieder der Bürgerbewegung zu Wort. Das klingt dann so: „Wir sind besorgte Eltern, besorgte Großeltern, die für ihre Kinder den bestmöglichen Start haben wollen“, beschreibt ein Mitglied gegenüber dem ORF das Motiv der Truppe. Die Gruppe, die sich in den sozialen Medien formiert hat, komme „aus der bürgerlichen Mitte“. Ihre große Befürchtung: Der Druck der Impfdebatte würde auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Das Problem an der Bürgerbewegung ist schlicht: Neben falschen Aussagen setzten die Vertreter auch krass irreführende Behauptungen ab. Darunter altbekannte Falschmeldungen, wie jene, dass der Impfstoff „notfallzugelassen“ sei. Das stimmt nicht, wie faktiv bereits hier klargestellt hat.

In diesem Check geht es um die Aussage des Psychologen Manuel Schabus von der Uni Salzburg, der ebenfalls Mitglied der Gruppe „Mutig für unsere Kinder“ ist. Schabus behauptete im ORF-Interview: „Das Risiko, dass ein Kind unter 18 ins Krankenhaus kommt, ist bei ungefähr eins zu 10.000 wenn man der deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie glauben darf. Und es ist bei ungefähr vier Kindern in 14 Millionen, wenn es um Mortalität geht.“ Diese Behauptung ist irreführend, wird aber in diversen Social-Media-Kanälen mitunter als Argument gegen eine Impfung für Kinder herangezogen. In der Telegram-Gruppe namens „Kinder-schuetzen! Infokanal“ mit über 22.000 Mitgliedern wurde die Aussage beispielsweise geteilt.

Die Zahlen sind alt und „selektiv“

Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung hat Manuel Schabus in der Vergangenheit bereits mehrfach kritisiert und vor seelischen und körperlichen Kollateralschäden bei Kindern und Jugendlichen durch Lockdowns gewarnt – damit mag der Psychologe einen Punkt haben. Doch wie sind seine Aussagen zur Kinderimpfung zu bewerten? Ist das Risiko für unter 18-Jährige wirklich so gering? Schabus bezieht sich in seinen Behauptungen auf Zahlen der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI). Diese Fachgesellschaft hat unter anderem zum Ziel, das Wissen über Infektionserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu erweitern und zu verbreiten und führt auch selbst Untersuchungen durch. Auf profil-Anfrage, worauf sich Psychologe Schabus im Detail beziehe, verweist er auf eine Stellungnahme des DGPI vom 21. April 2021. Dort wird tatsächlich angeführt, dass die bisher gemachten Beobachtungen Anlass sein sollten, „Eltern übergroße Sorgen vor einem schweren Krankheitsverlauf bei ihren Kindern zu nehmen“. Es wird erläutert, dass „von den schätzungsweise 14 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland nur etwa 1200 mit einer SARS-CoV-2-lnfektion im Krankenhaus (< 0,01%) behandelt werden mussten und 4 an ihrer Infektion verstarben (< 0.00002%)“. Die erste Problematik zeigt sich jedoch bei einem Blick auf das Datum: Die Zahlen sind mehr als ein halbes Jahr alt.

Laut dem renommierten deutschen Robert Koch-Institut (RKI) sind mit Stand 8. Dezember 2021, also etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem Schabus sein Interview gegeben hat, bereits 41 Kinder bis 19 Jahre mit dem Coronavirus verstorben. Das sind zehnmal so viele Kinder, wie Schabus behauptet. Auch Henriette Rudolph, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und stellvertretende Vorsitzende des DGPI, erklärt, dass die Daten vom April 2021 „mit Vorsicht“ zu sehen seien, „da ja in der ganzen Pandemie eine Dynamik steckt.“ Außerdem seien die Fakten „selektiv“ ausgewählt worden. In der erwähnten Stellungnahme wird im Übrigen gar nicht auf die Impfung Bezug genommen.

„Irreführende Art“ der Darstellung

Weiters problematisch an Schabus Aussage: Das seit März 2020 bestehende Register der DGPI, wo alle deutschen Kinderkliniken zur Meldung angehalten sind, ist freiwillig. „Anders als beim RKI, wo alles gemeldet wird“, meint Expertin Rudolph. Und auch nur stationär behandelte Fälle würden von der DGPI überblickt werden. In einem Epidemiologischen Bulletin vom Juni 2021 geht das RKI darauf selbst ein. Darin ist formuliert, dass der DGPI im Mai 2021 etwa erst Daten von Kindern und Jugendlichen aus lediglich „169 von 351 Kliniken“ vorliegen würden. Die Zahlen des RKI hingegen beruhen auf den Meldedaten, die nach dem Infektionsschutzgesetz erhoben werden.

Schabus spricht von einer Mortalität von „vier Kindern in 14 Millionen“. Kinderinfektiologe Volker Strenger von der Med-Uni Graz sieht diese Aussage kritisch: „Das ist eine eigenartige und irreführende Art, diese Zahlen darzustellen.“ Denn: Ungefähr 14 Millionen Kinder und Jugendliche leben insgesamt in Deutschland. Laut Experte Strenger, der auch die Arbeitsgruppe Infektiologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) leitet, müsse viel eher die Zahl der Infizierten herangezogen werden – und nicht die der insgesamt in Deutschland lebenden Jugendlichen. Tut man dies mit Hilfe aktueller Zahlen des RKI, zeichnet sich ein ganz anderes Bild: Mit Stand 5. Dezember 2021 lag die durch einen positiven Coronatest bestätigte Fallzahl in Deutschland bei Kindern bis 19 Jahre bei 1,3 Millionen. In dieser Altersgruppe gab es 41 Corona-Todesfälle (Stand: 8. Dezember 2021). Die Mortalität ist dabei also eine andere: 41 Todesfälle bei 1,3 Millionen infizierten Kindern statt vier bei 14 Millionen Kindern insgesamt, wie Schabus meint.

Eines von hundert Kindern muss ins Spital

Auch bei den Hospitalisierungen zeichnet sich ein ähnliches Bild. In Österreich werden diese Zahlen von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) erhoben und zeigen: Seit Beginn der Pandemie bis Ende September 2021 gab es in Österreich 129.594 Infektionen in der Altersgruppe von 0 bis 19 Jahre. 1.255 Hospitalisierungen wurden registriert, 115 Kinder und Jugendliche mussten auf einer Intensivstation behandelt werden. Das ergibt eine Hospitalisierungsrate die, je nach Alter, zwischen einem halben und zwei Prozent liegt. Zum Vergleich: Würde man, so wie Schabus dies tut, alle ungefähr 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Österreich heranziehen, läge die Hospitalisierungsrate nur bei ungefähr 0,09. Sieben Kinder und Jugendliche sind seit Pandemiebeginn bis August in Österreich mit einer Corona-Erkrankung verstorben, so die Zahlen der GÖG. Gegenüber profil führt diese an: „Kinder und Jugendliche erkranken seltener und meist milder als Erwachsene. Man kann aber nicht sagen, es betrifft die Jungen gar nicht.“ Schließlich brauche in Österreich eine junge Person von 100 Infizierten eine Spitalsbehandlung und eine von 1.000 benötige eine intensivmedizinische Behandlung.

Laut Kinderinfektiologe Strenger ist die Hospitalisierungsrate allerdings in einen zeitlichen Kontext zu stellen: „Ich bin überzeugt, dass die Rate geringer geworden ist, weil wir jetzt mehr diagnostizieren. Wir finden jetzt viel mehr asymptomatische Fälle. Es gibt jetzt in den Schulen regelmäßig PCR Tests, die genauer sind als Antigen-Tests.“ Dennoch rät der Experte zu einer Impfung, schließlich berge die Krankheit für Kinder etwa das Risiko, nach einer Infektion eine Multi-Entzündungserkrankung zu erleiden. Dieses „PIMS“-Syndrom („Pediatric Inflammatory Multisystem“) trete bei einem von 1.000 Kindern auf, so Strenger: „Bisher sind circa 140 Kinder daran erkrankt. Das war aber noch vor der vierten Welle.“ Der Experte rechnet mit mehr Fällen in den nächsten Wochen. Bei frühzeitiger Erkennung könne das Symptom zwar gut behandelt werden. Das damit auftretende hohe Fieber und Entzündungsreaktionen in vielen Organen könnten durch die Impfung jedoch verhindert werden.

Nationales Impfgremium empfiehlt Kinderimpfung

Auch das Nationale Impfgremium (NIG) warnt in seiner Impf-Empfehlung vom 25. November 2021 eben davor. Das Gremium schloss sich daher Ende November der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) an und empfiehlt das Vakzin von Biontech/Pfizer nun auch für Kinder ab fünf Jahren. Schließlich würden Daten aus den USA (auf die faktiv bereits hier eingegangen ist) zeigen: „Es sind keine neuen Sicherheitsbedenken bekannt“. Seit dieser Woche werden in Österreich im Übrigen die ersten speziell für Kinder abgefüllten Coronavirus-Impfungen verabreicht. Anders ist nur die Impfstoff-Menge, schon bisher wurden Kinder mit einem Drittel der Erwachsenendosis geimpft, wie auch das NIG empfohlen hat.

Etwa 95.000 Kinder unter zwölf Jahren in Österreich haben bis jetzt zumindest eine erste Dosis erhalten (Stand: 16. Dezember 2021). Bereits Ende Mai gab das NIG übrigens grünes Licht für die Corona-Impfung der zwölf bis 15-Jährigen.

Fachärztin Rudolph von der DGPI betont, dass das Risiko eines schweren Verlaufs einer Covid Erkrankung im Kindesalter tatsächlich „eher gering“ sei, es jedoch auch klare Risikogruppen, wie etwa Kinder mit Immundefekten, geben würde, die geimpft werden sollten. Eine Impfung würde außerdem „auch keine schweren Nebenwirkungen“ erzeugen, „sehr verträglich“ sein und die „Kollateralschäden“ der Pandemie wie soziale Isolation oder Schulschließungen reduzieren, so die Fachfrau. Auch die ÖGKJ empfiehlt Kindern klar die Impfung, auch wenn die Jungen meist viel milder erkranken würden. Strenger erklärt: „Damit unangenehme Verläufe, auch wenn diese meist nicht lebensbedrohlich sind, verhindert werden können und auch das soziale Leben weniger eingeschränkt wird.“ Strengers Fazit: „Es ist eine Gratwanderung zwischen Panikmachern auf der einen Seite und Verharmlosern andererseits.“

Die Gefahr von „Long-Covid“ bei Kindern

Warum das Vakzin laut Strenger für Kinder außerdem empfehlenswert sei? Wegen der Gefahr von „Long Covid“ nach einer Corona-Erkrankung, wie aus den vorläufigen Ergebnissen einer Studie der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), der Med-Uni Graz und der ÖGKJ vom November 2021 hervorgeht. 755 Kinder, die im Jahr 2020 an Corona erkrankt waren, wurden befragt. Das Ergebnis: Etwa elf Prozent der Kinder bis 14 Jahre hatten nach vier Wochen noch Symptome wie etwa Müdigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche oder eingeschränkte Belastbarkeit. Etwa sechs Prozent litten auch noch nach drei Monaten unter Symptomen. Festzuhalten gilt es dabei, dass die Studie lediglich auf Einschätzungen der Betroffenen basiert. Wie viele Symptome etwa auf andere Faktoren wie die sozialen Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen sind, geht nicht hervor. Das Impfgremium sieht in „Long-Covid“ im Übrigen ebenfalls eine Gefahr und führt in seiner Impf-Empfehlung etwa an: „Zudem können Kinder und Jugendliche auch nach milden und asymptomatischen Verläufen, unter Langzeitfolgen von COVID-19 leiden.“

Fazit

Die Aussage von Manuel Schabus im ORF-Salzburg Interview ist insgesamt als irreführend einzustufen. Einerseits führt er veraltete und unvollständige Zahlen aus Deutschland an, die das Risiko einer Corona-Erkrankung für Kinder deutlich geringer darstellen, als es tatsächlich ist. Außerdem wird von Fachleuten kritisiert, dass Schabus die Corona-Toten unter Jugendlichen in ein Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzt – und nicht, wie es üblich ist, ins Verhältnis zu den Infizierten. Fest steht: In Österreich muss eines von 100 Kindern mit einer Corona-Infektion ins Spital. Bisher sind in Österreich bis August sieben Kinder und Jugendliche mit dem Virus verstorben. Alle Expertinnen und Experten, mit denen profil sprach, haben die Sicherheit des Vakzins für die Jungen hervorgehoben.

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