Journalist und Intendant von ServusTV Ferdinand Wegscheider anl. der Österreichischen Medientage 2021

Journalist und Intendant von ServusTV Ferdinand Wegscheider anl. der Österreichischen Medientage 2021

© APA/ÖSTERREICHISCHE MEDIENTAGE/JOHANNES BRUNNBAUER

Faktencheck
12/03/2021

Wegscheider von ServusTV: Mit Fake News gegen die Impfung

Der Intendant des privaten Fernsehsenders wirbt mit alternativen Fakten um Publikum. Seine Behauptungen zum Coronavirus entbehren oft einer wissenschaftlichen Grundlage.

von Katharina Zwins

Vor der Corona-Krise war ServusTV einfach nur ein kleiner Regionalsender, der Wert auf Motorsport und Heimatverbundenheit gelegt hat. Seit Beginn der Pandemie ist ServusTV eine der ersten Anlaufstellen für Kritikerinnen und Kritiker der Regierungsmaßnahmen, für Corona-Verharmlosende und Verschwörungstheoretiker. Der Grund dafür heißt Ferdinand Wegscheider. Als Intendant von ServusTV hat er den Sender auf einen Corona-skeptischen Kurs gebracht. Wegscheider ist es auch, der mit seinen wöchentlichen Fernsehkommentaren am Samstag Ängste vor der Impfung schürt. Mit eindeutigen Fake News trägt der Impfskeptiker und „Schwurbler“ (so bezeichnet sich Wegscheider selbst) zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen bei. Expertinnen und Experten fehlen anhand der zahlreichen Aussagen Wegscheiders, die oft nicht auf Fakten beruhen, fast die Worte. Wegscheider bezeichnet die Impfung – fälschlicherweise – als „mangelhaft erprobte, genveränderte Substanz“ und wittert eine „still und heimliche“ Verlängerung des Impfstoff-Ablaufdatums. Alleine auf Facebook erreicht er damit bis zu eine halbe Million Menschen. faktiv hat deshalb drei Behauptungen Wegscheiders einem Faktencheck unterzogen. Spoiler: Trauen Sie diesem Mann bei Corona-Themen lieber nicht.

Impfung für Kinder mangelhaft erprobt?

(…) und wollen jetzt auch massenhaft Kleinkindern eine mangelhaft erprobte, genveränderte Substanz injizieren.“

Ferdinand Wegscheider, Intendant von ServusTV, Wochenrückblick „Der Wegscheider“ vom 27. November 2021

Zunächst einmal: Mit der Bezeichnung „Genimpfstoff“ oder „Genspritzmittel“, die Wegscheider gerne verwendet, können Fachleute wenig anfangen. Schließlich handelt es sich bei den mRNA-Impfstoffen nicht um Gentherapeutika. Der Pharmakologe Markus Zeitlinger erklärt gegenüber profil: „Gentherapien haben zum Ziel, das menschliche Genom in bestimmten Zellen zu verändern.“ Die im Impfstoff enthaltene mRNA gelange aber gar nicht in den Zellkern, der die eigentliche Erbsubstanz, die DNA, enthalte. Der Experte dazu weiter: „Bei den mRNA Impfstoffen wird lediglich der Bauplan für das Spike Protein geliefert.“ Das Immunsystem von geimpften Personen bildet daraufhin Antikörper gegen dieses Spike Protein, die eine Vermehrung des SARS-CoV-2-Virus hemmen. Zeitlinger weiter: „Dieser Bauplan ist nach kurzer Zeit nicht mehr nachweisbar.“ Auch Thomas Griesbacher, Pharmakologe und Vorsitzender der Österreichischen Pharmakologischen Gesellschaft, hält Wegscheiders Bezeichnungen für „absolut nicht zutreffend“, wie er gegenüber profil anführt. Denn: „Mit der Verabreichung eines Gens oder der Veränderung unseres Genoms hat das absolut nichts zu tun.“

Impfstoff für Kinder ausreichend erprobt

Der Infektiologe Herwig Kollaritsch meinte hinsichtlich einer möglichen Schädlichkeit der Corona-Schutzimpfung für Kinder und Jugendliche bereits im Sommer kurz und knapp: „Diese Aussage disqualifiziert sich selbst.“ Schon im Juni hatte Wegscheider die Impfung für die Jüngeren als „völlig unzureichend getestetes Genspritzmittel“ bezeichnet. Warum Experte Kollaritsch Wegscheiders Aussage nichts abgewinnen kann? Fast 20 Millionen Kinder und Jugendliche sind in den USA inzwischen bereits geimpft. Die Erfahrungen seien „gut“, so der Fachmann. Auch der Kinderinfektiologe Volker Strenger von der Med-Uni Graz erklärte gegenüber profil: „Es gibt andere Erkrankungen, die für Kinder weit weniger bedrohlich sind, gegen die wir selbstverständlich impfen.“

Zwar ist das Corona-Risiko für jüngere Menschen tatsächlich signifikant niedriger als für Ältere – das könne laut Experten freilich nicht als Argument gegen eine Impfung angeführt werden, wie etwa auch das Nationale Impfgremium (NIG) in seiner Impfempfehlung anführt: Schwere Krankheitsverläufe, die jedenfalls eine Krankenhausaufnahme oder sogar eine Intensivbehandlung notwendig machen, könnten in Österreich „mit einer Häufigkeit von 1:1000 Kindern und Jugendlichen mit bestätigter Infektion“ beobachtet werden, heißt es da. Und: Auch nach milden und asymptomatischen Verläufen könnten die Jüngeren unter Langzeitfolgen von Covid-19 leiden. Ende November schloss sich das Gremium daher der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) an und empfiehlt das Vakzin von Biontech/Pfizer nun auch für Kinder ab fünf Jahren. Schließlich wurden in den USA inzwischen über vier Millionen Kinder zwischen fünf und elf Jahren geimpft. Die Daten würden zeigen: „Es sind keine neuen Sicherheitsbedenken bekannt“, erläutert das NIG.

Auch die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) verweist auf profil-Anfrage auf die Zulassung der EMA und die Empfehlung des Impfgremiums. Schließlich habe das Vakzin bei Kindern ab fünf Jahren eine „ebenso hohen Wirksamkeit“ wie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, so die AGES. Bereits Ende Mai gab das Nationale Impfgremium im Übrigen grünes Licht für die Corona-Impfung der zwölf bis 15-Jährigen. Die Aussage von Wegscheider vom 27. November, wonach man „Kleinkindern eine mangelhaft erprobte, genveränderte Substanz injizieren“ wolle, ist also eindeutig als falsch einzustufen.

„Heimliche“ Verlängerung der Haltbarkeit von Impfstoffen?

Gottseidank sind die Behörden bei abgelaufenen Genimpfstoffen nicht ganz so streng und drücken schon einmal ein Auge zu, wenn das Ablaufdatum still und heimlich verlängert wird.“

Ferdinand Wegscheider, Intendant von ServusTV, Wochenrückblick „Der Wegscheider“ vom 20. November 2021

Wegscheider fährt derzeit alle Geschütze auf, um gegen die Vakzine zu wettern. So erläutert er in seiner Sendung vom 20. November, das Ablaufdatum des Impfstoffes sei, „still und heimlich verlängert“ worden. Ein Faktencheck zeigt: Auch diese Behauptung von Wegscheider ist falsch. Wegscheider beruft sich hierbei auf eine Information des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) von September über die „Verlängerung der Haltbarkeit von 6 Monaten auf 9 Monate von Comirnaty (Covid-19 Impfstoff)“, also des Vakzins von Biontech/Pfizer.

Pharmakologe Griesbacher kann der Aussage von Wegscheider diesbezüglich nichts abgewinnen: „Das Ablaufdatum wurde nicht ‚still und heimlich‘ verändert, sondern wurde von den Zulassungsbehörden öffentlich bekanntgemacht.“ Das betrifft im Übrigen nicht nur die EMA in der EU, sondern auch die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA). Auch die entsprechenden Behörden in beispielsweise Großbritannien, Australien oder Neuseeland haben diese Information auf ihren Webseiten publik gemacht. In der aktuellen Fachinformation von Biontech/Pfizer ist die Verlängerung der Haltbarkeitsdauer des Vakzins ebenfalls explizit angeführt.

Eine solche Verlängerung sei überdies „nichts Außergewöhnliches“, erläutert Pharmakologe Griesbacher. Schließlich gebe es bei der Zulassung eines Arzneimittels zunächst nur Haltbarkeitsstudien für einen begrenzten Zeitraum: „Man kann umgekehrt aber daraus nicht schließen, dass danach keine Haltbarkeit gegeben wäre.“

Das BASG, auf dessen Information sich Wegscheider explizit bezieht, erklärt den genauen Ablauf: „Die Verlängerung der Haltbarkeit basiert auf neuen Stabilitätsdaten, die aus laufenden Stabilitätsstudien gewonnen wurden.“ Diese Daten würden belegen, dass die Verlängerung der Haltbarkeit von sechs auf neun Monate keinen Einfluss auf die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs habe.“ Nur wenn die Zulassungsbehörde, in der EU ist das die EMA, die vorgelegten Daten auch als ausreichend für eine Verlängerung der Haltbarkeitsdauer beurteilt, wird diese dann angepasst. Dies ist im Falle des Biontech/Pfizer-Vakzins so geschehen.

Schließlich weist auch der Konzern auf Nachfrage darauf hin, die Haltbarkeitsdauer in der Fachinformation entsprechend angeführt zu haben und hält fest, dass Biontech/Pfizer seit der Zulassung „fortlaufend interne Prüfungen zur Stabilität des Impfstoffes“ durchführe. Dies sei nicht nur so üblich, sondern „ein vorausschauender Prozess in der Impfstoffherstellung, um die Handhabung des Impfstoffes stetig zu verbessern bzw. zu erleichtern.“

Eine Gefahr bestünde aufgrund der verlängerten Haltbarkeitsdauer jedenfalls nicht, fasst Pharmakologe Zeitlinger zusammen: „Es ist erschütternd wie hier versucht wird, die Unsicherheit von Menschen in einer Pandemie zusätzlich zu schüren, vor allem von Personen, die offenbar keine Ahnung von der Materie haben.“ Wegscheiders Behauptung ist somit insgesamt als falsch einzustufen.

Keine Notzulassung, sondern „völlig reguläres Prozedere“

Das heißt spätestens mit der Impfpflicht ab Februar haben wir dann endlich auch diese umetikettierten Chargen der per Notzulassung bewilligten Genspritzmittel verimpft.“

Ferdinand Wegscheider, Intendant von ServusTV, Wochenrückblick „Der Wegscheider“ vom 20. November 2021

Zur angeblichen „Notzulassung“ meint Impfexperte Kollaritsch, dass es diese, anders als etwa in den USA, in der EU nicht gegeben habe: „Das war ein völlig reguläres Prozedere“, erklärt er. Es seien lediglich mehrere Studienphasen parallel durchgeführt und damit der Prozess beschleunigt worden.

Auch die AGES erläutert gegenüber profil, dass eine „Notzulassung“ auf EU-Ebene gar nicht gesetzlich verankert sei. Es handle sich dabei vielmehr um eine „bedingte Zulassung“. Das sei „eine Sonderform der ‚regulären‘ Zulassung“, heißt es. Bei dieser müsse der Antragsteller zunächst ausreichend Daten vorlegen, die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs belegen und eine Nutzen-Risiko-Bewertung ermöglichen. Gewisse, und zum Zeitpunkt der Zulassung genau zu definierende Daten und Informationen, gelte es dann nach erfolgter Zulassung zur Begutachtung vorzulegen: „Dies erfolgt mit strikten Auflagen und Vorgaben, zu welchen Zeitpunkten die noch ausstehenden Informationen an die Behörden übermittelt werden müssen“, heißt es von der AGES.

Das Gesundheitsministerium geht auf seiner Webseite ebenfalls auf die Angst ein, die Corona-Impfstoffe seien „zu rasch“ zugelassen worden: „Die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen verläuft aufgrund der Pandemie in beschleunigter Form. Normalerweise laufen Zulassungsstudien nacheinander ab. Um Zeit zu sparen, werden derzeit jedoch zahlreiche Studien parallel durchgeführt.“ Es handle sich hierbei um einen sogenannten „Rolling Review"-Prozess. Die Anforderungen an den Impfstoff bezüglich Qualität und Sicherheit blieben dadurch jedoch unverändert.

Die Aussage von Wegscheider ist somit insgesamt als größtenteils falsch einzustufen. Es handelt sich in der EU um keine „Notzulassung“. Lediglich in den USA wurde der Impfstoff, wie Wegscheider behauptet, zunächst notzugelassen. Das Vakzin von Biontech/Pfizer bekam im August allerdings eine vollständige US-Zulassung. In der EU ist das Vakzin weiterhin bedingt zugelassen. Das bedeutet, dass die Zulassung zunächst nur für ein Jahr gültig ist und jährlich erneuert werden muss. Für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca wurde diese Zulassung bereits erneuert.

Fazit

Mit einer Kasperl-Figur namens „Till“ in der Hand macht „Der Wegscheider“ gegen die Maßnahmen der Bundesregierung mobil, verharmlost das Virus und verhöhnt Expertinnen und Experten. Laut Sendungsbeschreibung will Wegscheider „den Zuseher zum Nachdenken anregen und ihn dazu zu bringen, sich seine eigene Meinung zum jeweiligen Thema zu bilden“. Tatsächlich setzt der ServusTV-Intendant jedoch viele falsche und irreführende Behauptungen ab, die wesentlich zur Verunsicherung der Bevölkerung beintragen können. Und das Vertrauen in Impfung und Wissenschaft schmälern.