Pilnacek
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Pilnacek-Smartwatch: Was an Hangers Darstellung nicht stimmt

Warum hat die Justiz auf der Uhr von Christian Pilnacek mehr gefunden als die Polizei? ÖVP-Fraktionsführer Andreas Hanger setzte auf diese Frage eine Falschinfo in die Welt, die weite Kreise zog. Er spricht von einem Missverständnis.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Ein Polizist, der ist kein IT-Experte, der kann eine Smartwatch nicht auslesen. Was macht man? Man bedient sich der IT-Experten im Justizsystem und das war der gleiche, ja.

Andreas Hanger, ÖVP

ORF-Sendung Hohes Haus

Falsch

Die Frage, die über den Ermittlungen zum Tod von Christian Pilnacek schwebt, ist heikel: Hat die Polizei bei der Auswertung zentraler Beweismittel geschlampt? Genau darauf zielte eine Nachfrage der ORF-Journalistin Rebekka Salzer in der Sendung „Hohes Haus“ ab. 

Salzer: „Die Polizei hat an der Smartwatch von Pilnacek nichts gefunden, der IT-Experte von der Justiz hat tatsächlich etliches gefunden, zum Beispiel, dass ein bluetoothfähiges Gerät da war, wo 75 Mal ein Kontakt gewesen ist. Auch der Weg des Laptops ist mehr als, ich formuliere es jetzt diplomatisch, fragwürdig. Das kann ja nur bedeuten, dass entweder die Polizei geschlampt hat oder dass interveniert wurde.“

ÖVP-Fraktionsführer Andreas Hanger widersprach – und nahm die Polizei in Schutz. Seine Erklärung: Sowohl die Polizei als auch die Justiz hätten sich demselben IT-Experten bedient.

Hanger sagte in der Sendung wörtlich: „Ein Polizist, der ist kein IT-Experte, der kann eine Smartwatch nicht auslesen. Was macht man? Man bedient sich der IT-Experten im Justizsystem und das war der gleiche, ja.“

Die Aussage zog weite Kreise. Doch sie stimmt nicht.

Mehrere Auswertungen, aber von wem?

Tatsächlich gab es nicht zwei, sondern drei Auswertungen der Smartwatch. Zunächst war das Landeskriminalamt (LKA) Niederösterreich zuständig, das nach Pilnaceks Tod im Oktober 2023 Ermittlungen führte. Pilnaceks Leiche war in einem Seitenarm der Donau aufgefunden worden.

Weil die technischen Möglichkeiten im LKA offenbar begrenzt waren, wandte sich das LKA im Dezember 2023 an das Bundeskriminalamt (BK) – erst gut zwei Monate nach Pilnaceks Tod, wohlgemerkt. Dort wurde eigens Software angeschafft, um die Daten der Galaxy Watch 3 forensisch sichern zu können. Kostenpunkt: rund 6.300 Euro. Anfang Jänner 2024 war die Datensicherung abgeschlossen, die Daten wurden dem LKA übergeben. Die „Presse“ berichtete gestern zuerst über diesen zeitlichen Ablauf, auch profil liegen die entsprechenden Unterlagen vor.

Das Ergebnis dieser ersten Auswertung war ernüchternd: kaum verwertbare Erkenntnisse.

Der IT-Experte, der die Polizei schlecht aussehen ließ

Erst eine spätere Auswertung brachte mehr Details. Eine Sicherungskopie der Smartwatch-Daten gelangte zur Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA), die in einem anderen Pilnacek-Verfahren ermittelt – dabei geht um die heimlich aufgenommenen Aussagen des Ex-Justizsektionschefs zu angeblichen Interventionen von ÖVP-Politikern bei der Justiz. In diesem Verfahren wurde ein IT-Experte des Justizressorts mit der Analyse beauftragt.

In weiterer Folge wurde derselbe Experte auch im Verfahren zu den Todesumständen von der Staatsanwaltschaft Krems konsultiert. Der Experte konnte aus den Daten mehr Informationen herausholen als die Polizei: etwa, dass sich ein Bluetooth-fähiges Gerät in der Nähe der Smartwatch befand, was auch Journalistin Salzer in ihrer Frage erwähnte. Und er stellte eine Dreh-, oder „Touchbewegung“ an der Uhr fest, als Pilnacek bereits tot im Wasser getrieben sein soll. Dazugesagt: Diese Funde sind keinerlei Beleg für eine Fremdeinwirkung bei Pilnacek.

Die Funde des IT-Forensikers brachten der Polizei aber die unangenehme Frage ein, ob sie nur über unzureichende Ermittlungsfähigkeiten verfügt oder absichtlich lasch ermittelt hat. Weil die Polizei von keinem Fremdverschulden ausging und ausgeht, wurde Pilnaceks Handy zunächst nicht sichergestellt und später an seine Witwe übergeben. Es hätte für die Auswertung der Smartwatch eine zentrale Rolle gespielt, etwa beim Zugriff auf verschlüsselte Gesundheitsdaten. Das Gerät wurde von der Witwe mit einem Bunsenbrenner zerstört – potenzielles Beweismaterial ging damit verloren. Das Gerät habe ihr Kummer bereitet, sagte sie später aus.

Kritik von Oberstaatsanwaltschaft

Die Oberstaatsanwaltschaft Wien wehrt sich ausdrücklich gegen die Behauptung von Hanger. In einer Stellungnahme an den ORF, die auch profil vorliegt, heißt es: „Die Darstellung, wonach der IT-Experte der Justiz die Smartwatch […] sowohl für die Justiz als auch für die Polizei ausgewertet habe“ sei „unrichtig“. Ebenso unrichtig sei „dass sich die Polizei zur Auswertung von Smartwatches der ‚IT-Experten im Justizsystem‘ bediene.“ Alleine das Justizressort könne über ihre IT-Expertinnen und Experten verfügen, dies sei „per Erlass geregelt“.

Hanger räumt Fehler ein

Auf profil-Anfrage räumt Hanger ein, dass ihm in der Sendung ein Fehler unterlaufen sei. Er spricht von einem „klassischen Missverständnis“. Er sei davon ausgegangen, dass es lediglich zwei Berichte mit demselben IT-Experten gegeben habe. Tatsächlich gab es drei Auswertungen.

Die verkürzte Darstellung blieb nicht folgenlos. „Willkommen Österreich“ griff Hangers Aussage auf und stellte sie als Faktum hin. Übrig blieb beim Publikum der Eindruck eines verwirrten IT-Experten, der erst nichts gefunden hat – und später plötzlich doch. Sendungshost Dirk Stermann sprach von einer „weirden Geschichte“.

Tatsächlich war es eine falsche Geschichte.

Fazit

Hangers Aussage ist in einem zentralen Punkt unrichtig: Die Polizei hat die Smartwatch nicht mithilfe des IT-Experten der Justiz ausgewertet. Die erste Analyse erfolgte durch das Bundeskriminalamt, spätere durch einen IT-Experten im Auftrag der Justiz – wobei der Justizmitarbeiter im Gegensatz zur Polizei verwertbare Informationen fand. Immerhin: Hanger hat den Fehler eingestanden.

Jakob Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.