Auflösungsansätze: Was ist mit Wiens Prestige-Kulturinstitutionen los?

Auflösungsansätze: Was ist mit Wiens Prestige-Kulturinstitutionen los?

Nach dem Finanzchaos am Burgtheater zeichnet sich auch bei den Wiener Festwochen eine Führungskrise ab: Die neue Schauspielchefin Frie Leysen wird das Festival wohl vorzeitig verlassen.

Auch Menschen, die nicht zum Aberglauben neigen, beschleicht inzwischen das seltsame Gefühl, dass auf den Wiener Festwochen, einem der international renommiertesten Kulturfestivals, eine Art Fluch zu liegen scheint. Stefanie Carp, die scheidende Schauspielchefin, sprach im Juni des Vorjahres im kritischen Abschiedsinterview mit profil von einer „Intrigenmaschine“: Eine Erneuerung des Festivals sei politisch nicht erwünscht, vor allen Dingen gehe es um Machterhalt, um „Besitzstandswahrung verfestigter Strukturen“. Sie übte damit auch indirekt Kritik am Langzeitgeschäftsführer Wolfgang Wais. Harte Worte von jener Kuratorin, deren innovative künstlerische Handschrift das Programm der Festwochen über Jahre prägte.

Doch auch die Suche nach einem neuen Festwochen-Leitungsteam, das die Nachfolge des Langzeitintendanten Luc Bondy antreten sollte, gestaltete sich alles andere als einfach. 2011 wurde die Berliner Kuratorin und Regisseurin Shermin Langhoff von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Festwochen-Präsident Rudolf Scholten stolz als „postmigrantisches“ Aushängeschild an der Seite von Markus Hinterhäuser präsentiert. Der Klassik-Experte wird ab 2014 drei Jahre lang die Geschicke des Festivals leiten; Langhoff war als seine stellvertretende Intendantin und Chefkuratorin vorgesehen. Es drängte sich allerdings schon damals der Eindruck auf, dass hier zwei Welten und Temperamente zusammenmontiert wurden, die nicht recht zueinander passten. Es sah mehr nach Pflichtehe als nach Liebeshochzeit aus. Und tatsächlich: Ein Jahr später legte Langhoff ihre Festwochentätigkeit zurück, noch ehe sie richtig zu arbeiten begonnen hatte. Sie kündigte an, das Maxim Gorki Theater in Berlin zu übernehmen.
Nach diesen Turbulenzen schien endlich die wohlverdiente Ruhe einzukehren, als Hinterhäuser im August 2012 die renommierte belgische Performance-­Spezialistin Frie Leysen als seine Schauspielchefin ins Team holte. Der neue Festwochen-Chef hatte mit ihr seine Wunschkandidatin durchgesetzt, Leysen gilt als Grande Dame der internationalen Theaterfestivalszene. Sie gründete 1992 das multidisziplinäre Kunstenfestival in Brüssel und war 2010 künstlerische Leiterin der deutschen Programmreihe „Theater der Welt“, 2012 programmierte sie in Berlin „Foreign Affairs“, das Nachfolge­festival von „Spielzeit Europa“.
Alles schien harmonisch: Gemeinsam legten die beiden vor ein paar Wochen noch ihr erstes Programm für diesen Frühling vor. Doch der Frieden täuschte. Laut profil-Recherche knirscht es seit einigen Wochen erneut im Festwochen-Gebälk. Hinter den Kulissen soll bereits eine Nachfolgerin für die Belgierin gesucht werden. Frie Leysen, Jahrgang 1950, habe den Wunsch geäußert, sich beruflich zu verändern, bestätigt Markus Hinterhäuser gegenüber profil. „Aus Kollegialität werde ich ihr keine Steine in den Weg legen“, so Hinterhäuser: „Es wird sich spätestens Ende Februar klären, ob sie bleibt oder geht. Das Programm 2014 werden wir aber auf jeden Fall noch gemeinsam über die Bühne bringen.“

Ärger und Intrigen
Laut Insidern soll es zwischen Hinterhäuser und der erfahrenen Kuratorin Leysen, die es nicht gewohnt ist, lediglich zuzuarbeiten, Spannungen gegeben haben. Und Hinterhäuser, der ab 2017 die Salzburger Festspiele leiten wird, soll deutlich mehr Zeit an der Salzach als in seinem Wiener Büro verbracht haben. Ein zentraler Streitpunkt dürfte aber gewesen sein, dass Leysen unter einem Problem zu leiden hat, das bereits ihren Vorgängerinnen zu schaffen machte: Die Schauspielchefin ist zwar für das Herzstück des Festivals, das umfangreiche Theater- und Performanceprogramm, zuständig, verfügt aber über kein fixes Budget. Der zuständige Intendant kann in letzter Minute entscheiden, Geld aus der Schauspielreserve zugunsten eines ambitionierten Opern- und Musiktheaters zu verschieben. Frie Leysen soll über das in Folge geschrumpfte Schauspielprogramm verärgert gewesen sein. Sie habe offenbar bereits vereinbarte Produktionen wieder absagen müssen. Wie weit Leysen auch unter der „Intrigenmaschine“ gelitten hat, ist vorerst noch unklar. Sie war auf profil-Anfrage nicht zu erreichen.

Wie also wären die strukturellen Probleme aus der Welt zu schaffen, die das Festival seit Jahren prägen? Bereits Schauspielchefin Marie Zimmermann, die 2001 bis 2007 bei den Festwochen arbeitete, klagte über interne Probleme, mangelnde Budgethoheit, problematische Kommunikation mit dem Geschäftsführer und verfilzte Strukturen. Ein eigenwilliger Sonderfall war zudem die Bestellung von Markus Hinterhäuser: Sein Festwochen-Vertrag wurde genau so geschmiedet, dass der Musikfachmann 2017 für die Salzburger Festspiele frei sein wird. Ein Intendant für drei Jahre, ohne Option auf Verlängerung, weil er ohnehin danach bereits einen fixen Job in Aussicht hat – das ist im internationalen Festivalzirkus absolut unüblich. Falls Leysen trotz allem im Amt bleiben wird, sind weitere Probleme praktisch programmiert; wenn sie geht, stellt sich die dringende Frage, welche international ausgewiesene Fachkraft man für diesen fordernden Job gewinnen kann. Wer zu viel an Erfahrung mitbringt, will nicht bloß Zuarbeiter sein, schon gar nicht für einen Intendanten, der mit Sprech­theater weniger Erfahrung hat als man selbst.

Neben den Wiener Festwochen sorgt eine andere Großbaustelle für Schlagzeilen: das Burgtheater. Je hartnäckiger sich Burg-Chef Matthias Hartmann als Künstler inszeniert, der von keinerlei finanziellen Problemen gewusst haben will und kann, umso mehr Widersprüche tauchen auf. Zu Recht weist die Wiener Stadtzeitung „Falter“ in ihrer aktuellen Ausgabe darauf hin, dass Hartmann seinerzeit nicht aufgrund seines glänzenden Rufs als Regisseur, sondern „vor allem wegen seiner Macherqualitäten“ nach Wien geholt wurde. Die genauen Budgetzahlen für 2012/13 liegen noch nicht vor, mit einem Defizit ist jedoch fix zu rechnen. Inzwischen liefern sich Hartmann und sein Vorgänger Nikolaus Bachler ein mediales Zahlenduell. Hartmann hatte behauptet, sein Vorgänger habe ihm Verbindlichkeiten in Höhe von 15,3 Millionen Euro hinterlassen. Bachler drohte in der Tageszeitung „Die Presse“ mit einer Klage wegen Rufschädigung: Hartmann habe in Bachlers letzter Saison bereits sein opulentes Eröffnungsjahr vorbereitet, was sich in Bachlers Bilanz massiv niedergeschlagen habe. Das Magazin „News“ wiederum liefert in seiner jüngsten Ausgabe neue Details um die vergangenen November entlassene Vizedirektorin Silvia Stantejsky. Unter deren Ägide als kaufmännische Geschäftsführerin seien Künstlerinnen und Künstlern ohne Wissen des Direktors und ohne vertragliche Grundlage immer wieder höhere Summen ausgehändigt worden – zum Teil im niederen fünfstelligen Bereich, zum Teil sogar in bar.

Verstärkung für Krisenmanagement
Laut profil-Recherche dürfte es in der Tat viele Ungereimtheiten in der Burg-Buchhaltung geben. Dass Geld mitunter bar ausbezahlt wird, ist zwar auch in anderen Theatern üblich. Im Burgtheater scheint die Lage allerdings verworrener zu sein: Es kam angeblich regelmäßig vor, dass Verträge zwar versprochen, dann aber über Monate nicht vorgelegt wurden und Zahlungen nach mündlichen Vereinbarungen auf Rechnungsbasis erfolgten. Ohne Vertrag lässt sich im aktuellen Buchungschaos jedoch schwer nachvollziehen, welche Zahlungen noch offen sind. Künstler fürchten nun um ihr Honorar: Es handelt sich oft nur um Beträge über ein paar hundert Euro, die für freie Mitarbeiter aber mitunter lebensnotwendig sind. Das Burgtheater hat zudem den österreichischen Spezialdienstleister Cash Back beauftragt, falsch verrechnete Mehrwertsteuern von ausländischen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einzutreiben. Dafür wurden deren Daten und Adressen weitergegeben. Die 19 Prozent Mehrwertsteuer in Deutschland fallen unter das „Reverse Charge System“, die Rechnungen sollten „ohne Mehrwertsteuer ausgestellt sein“, heißt es in den Schreiben von Cash Back, die Künstler sollen den Betrag auf das Konto des Unternehmens refundieren. Warum aber wurden die Rechnungen zuvor vom Burgtheater nicht beanstandet? Warum müssen sich Kreative wegen Kleinbeträgen mit einer Inkassofirma herumschlagen, die zudem auch per Telefon Druck macht?

Für das akute Krisenmanagement des Burgtheaters scheint man sich nun Verstärkung von außen geholt zu haben. Auf die profil-Anfrage, seit wann mit Cash Back zusammengearbeitet werde und wie viele freie Mitarbeiter davon betroffen seien, meldete sich die Medienberatungsagentur Gaisberg Consulting. Zu buchhalterischen Anfragen laufe im Moment eine „forensische Untersuchung“, deren Ergebnisse voraussichtlich bis Ende Februar vorliegen werden. „Anschließend soll Frau Stantejsky aus Gründen der Fairness Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben werden“, heißt es weiter. Das Burgtheater wird, um Matthias Hartmanns Aussage im profil der Vorwoche noch einmal zu zitieren, wohl noch länger Patient bleiben.