Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

#brodnig
02/09/2022

#brodnig: Danke schön, Neil Young!

Spotify, Telegram, Twitch: Wir müssen dringend darüber reden, wie auch Plattformen abseits von Facebook für Desinformation missbraucht werden.

von Ingrid Brodnig

Sie haben womöglich folgenden Eklat mitbekommen: Die Musiklegenden Neil Young und Joni Mitchell haben angekündigt, ihre Lieder vom Streamingdienst Spotify abzuziehen. Denn Spotify verbreitet den reichweitenstarken Podcast von US-Talkmaster Joe Rogan. Dieser fiel in der Pandemie wiederholt mit problematischen Aussagen auf. Zum Beispiel erklärte er, dass er das Entwurmungsmittel Ivermectin gegen Covid-19 genommen habe, wovon medizinische Fachleute vehement abraten. Neil Young sagte nun, Spotify müsse sich entscheiden, ob es ihn oder Joe Rogan im Programm haben möchte. Ein bisschen hat die Plattform daraufhin eingelenkt: Bei Podcast-Folgen, in denen es um das Coronavirus geht, wird sie für Hörer:innen Hinweise zu medizinischen Quellen einspielen. Auch hat Spotify erstmals offengelegt, welche Regeln es gegen medizinische Falschmeldungen ergreift. Zum Beispiel können Podcast-Folgen entfernt werden, in denen behauptet wird, dass Krankheiten wie Covid-19 oder Aids eine Erfindung seien. Insgesamt sind die Regeln von Spotify aber deutlich laxer als beispielsweise die Vorgaben von Facebook. Mittlerweile ist die Liste sehr lang, welche Falschmeldungen Facebook über das Coronavirus und die Impfung untersagt. So können Postings gelöscht werden, die fälschlicherweise behaupten, irgendein Produkt sei ein garantiertes Heilmittel gegen Covid-19.

Der Streit zwischen Neil Young, Joni Mitchell und dem Online-Dienst Spotify zeigt vor allem eines: Wir müssen auch von kleineren Plattformen fordern, ernsthaft gegen gefährliche und falsche Behauptungen vorzugehen. Wenn man über Irreführung im Internet spricht, ist häufig der Konzern von Mark Zuckerberg (dem die Plattformen Facebook, Instagram und WhatsApp gehören) im Fokus. Natürlich hat Facebook enorme Macht und Reichweite – weswegen man also zu Recht kritisch auf den blauen Riesen schaut. Aber ebenso gilt: Das Problem der Desinformation ist plattformübergreifend.

Selbst YouTube, ebenfalls ein Riese am Markt, ist oft weniger Thema als Facebook und WhatsApp. Dabei zeigte gerade die Pandemie, wie sehr sich die Videoplattform zum Verbreiten von hanebüchenen Aussagen eignet. Die Faktencheck-Site Correctiv wertete im Mai 2020 mehr als 1800 Meldungen potenzieller Desinformation über das Coronavirus aus. Die Analyse ergab damals zu Beginn der Pandemie: „In der Corona-Krise ist YouTube die von Nutzern am häufigsten gemeldete Plattform für fragwürdige Informationen. Rund 46 Prozent der Links, die uns mit der Bitte um einen Faktencheck geschickt wurden, führen zu der Videoplattform.“ Zumindest würde ich davon ausgehen, dass mittlerweile vielen User:innen bewusst ist, wie viel Unsinn auf YouTube kursiert – zum Beispiel, weil sie solche Links bereits weitergeleitet bekommen haben.

Dringend müssen wir auch über den Messenger-Dienst Telegram sprechen. Diese App ist ein Magnet für User:innen, die sich für impfkritische, verschwörungsaffine oder rechtsextreme Inhalte interessieren. Telegram wurde von den russischen Brüdern Pawel und Nikolai Durow gegründet. Pawel Durow vertritt eine radikale Auslegung der Meinungsfreiheit. Selbst strafrechtlich relevante Inhalte dürfen auf der Plattform oft online bleiben. 2020 hat die deutsche Organisation jugendschutz.net 218 unzulässige Inhalte an Telegram gemeldet, darunter Postings mit Volksverhetzung oder Holocaustleugnung. In neun von zehn Fällen hat Telegram diese Inhalte nicht entfernt. Telegram ist selbst für staatliche Einrichtungen nicht greifbar. Die Website weist kein ordentliches Impressum auf, angeblich sitzt das Unternehmen in Dubai. Deutschlands Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat sogar damit gedroht, Telegram notfalls für deutsche Internetuser:innen nicht mehr zugänglich zu machen (wobei es gegen diese Idee rechtliche Einwände gibt).

Der Druck hat eines erwirkt: Laut Medienberichten soll Apple der deutschen Regierung eine ladungsfähige Anschrift von Telegram kommuniziert haben, an die sich Behörden hoffentlich wenden können. Zur Erklärung: Eine solche Adresse hat Apple wohl, weil es über den App Store die genaueren Kontaktdaten von Telegram kennt. Das Ganze zeigt, wie absurd die Debatte um Telegram ist, also dass ein mächtiger Staat wie Deutschland auf die Hilfe Apples angewiesen ist, um eine gültige Adresse dieses Unternehmens zu finden.

Selbst Plattformen, bei denen es kaum um politische Debatten geht, können der Verbreitung von Falschmeldungen dienen: Der Musikdienst Spotify steht in der Fachöffentlichkeit seit Monaten in der Kritik – zum Beispiel hat der Podcast-Betreiber Joe Rogan bereits den ultrarechten Verschwörungsguru Alex Jones in sein Programm eingeladen. Und dann gibt es Plattformen wie Twitch, auf der man anderen beim Online-Spielen zuschauen kann. Hier fielen Gamer:innen auf, die Verschwörungsmythen verbreiteten. Besonders schlimm: Twitch untersagt in seinen Regeln nicht einmal das Verbreiten von Covid-19-Falschmeldungen.

Jede Plattform, egal wie klein oder wie nischenspezifisch, kann für Desinformation missbraucht werden, aber kleinere Online-Dienste müssen sich medial dafür oft nicht rechtfertigen. Deshalb bin ich Neil Young und Joni Mitchell sehr dankbar: Sie zeigen, dass wir es nicht hinnehmen müssen, wenn Plattformen abseits von Facebook gefährlichen Falschmeldungen eine Reichweite geben.