Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

#brodnig
03/16/2022

#brodnig: Der Klang täuscht

Vorsicht bei brisanten TikToks: Die App macht es sehr leicht, Videos zu bearbeiten und spektakuläre Töne einzufügen.

von Ingrid Brodnig

Der Ukraine-Krieg zeigt deutlich, wie sich Desinformation im Jahr 2022 weiterentwickelt hat. So finden sich gerade auf der Plattform TikTok viele fragwürdige Videos. Das liegt auch daran, dass die App einige technische Spielereien ermöglicht. Videos können in der App leicht bearbeitet und mit neuen Tönen versehen werden. Bisher war das oft ein harmloser Spaß: Zum Beispiel wurden in vielen TikToks beliebte Song-Ausschnitte verwendet, Leute haben dazu getanzt oder Gags aufgenommen.

Im Ukraine-Krieg jedoch werden diese technischen Möglichkeiten oft missbraucht: So tauchte schon früh ein Video auf, in dem behauptet wird, man sähe die Ukraine - genau genommen sah man einen Balkon, von dem jemand wegrennt. Die Tonspur klingt spektakulär. Auf Englisch ruft jemand "Oh my God", dann folgt eine Explosion. In nur 12 Stunden erzielte dieses Video 5,8 Millionen Aufrufe, wie die US-amerikanische Website MediaMatters.com aufzeigte. Das Ganze ist eine Fälschung: Der spektakuläre Ton stammt in Wirklichkeit von einem älteren YouTube-Video aus Beirut, wo sich im August 2020 eine Explosionskatastrophe ereignete.

Natürlich kann man auch auf anderen Plattformen wie YouTube oder Facebook manipulierte Videos hochladen - die Besonderheit an TikTok ist aber, dass das Einfügen von Sounds besonders simpel ist. Die Faktencheck-Site Politifact.com hat fast 600 Videos gefunden, die allesamt dieselbe Tonspur namens "Original sound-SNIPER" benutzen, auf der man Gewehrschüsse hört. Gerade auf TikTok sollte man also vorsichtig sein, wenn man Videos eingeblendet bekommt, die spektakulär aussehen oder klingen.

Es lohnt sich, die Quelle zu überprüfen: Stammt das Video von einem etablierten Medienhaus oder hat es vielleicht ein User namens Raul aus Peru hochgeladen? Letzteres ist eher ein Zeichen, dass man skeptisch sein sollte. Je leichter eine Plattform Videobearbeitung macht, desto mehr Missbrauchspotenzial gibt es.