Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

Gesellschaft
04/21/2021

#brodnig: Diagnose Unsinn

Statt das Coronavirus ernst zu nehmen, glauben manche Internetuser jetzt an einen Krankheitserreger, dessen Existenz wissenschaftlich angezweifelt wird.

von Ingrid Brodnig

Manches in der Corona-Krise klingt skurril, wobei es genau betrachtet tragisch ist. Seit ein paar Wochen kursiert eine neue Gesundheits-Falschmeldung. Es wird davor gewarnt, dass in Masken oder in den Test-stäbchen winzige Teilchen namens „Morgellons“ stecken.

Zur Erklärung: Es wird wissenschaftlich vielfach angezweifelt, dass „Morgellons“ überhaupt existieren. Bei dieser selbst diagnostizierten Krankheit haben Menschen beispielsweise das Gefühl, dass ihre Haut kribbelt oder brennt, und meinen, dass Fasern oder andere Teilchen in ihrer Haut stecken würden. Nachdem solche Schilderungen aufkamen, hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC dies im Jahr 2012 untersuchen lassen. Die Studie kam zum Schluss, dass es sich um eine wahnartige Vorstellung handeln könnte.

In der Corona-Krise werden nun auch die „Morgellons“ neu entdeckt: In verschwörungsgläubigen Online-Gruppen posten Leute Videos, in denen sie Masken oder Teststäbchen näher inspizieren, manchmal unters Mikroskop halten. Und man sieht dann zum Beispiel einzelne dunkle Fasern, die sich womöglich sogar bewegen. Prompt wird das als „Morgellons Beweis“ gedeutet. Wahrscheinlicher ist, dass beispielsweise harmlose Textilfussel auf manchen Masken oder auch Stäbchen zu finden sind – und die Hobby-Mikroskopbenutzer ihren jeweiligen Fund überbewerten. Denn sowohl elektrostatische Ladung kann dazu führen, dass sich Fussel oder Fäden unter dem Mikroskop leicht bewegen, als auch ein Lufthauch im Raum. Fachleute geben also Entwarnung.

Das Problem ist aber: Als ein typisches Anzeichen von Verschwörungsdenken gilt, dass man überall Muster erkennt – auch dort, wo keine sind. Da werden die Kondensstreifen am Himmel, die Flugzeuge hinterlassen, umgedeutet als böses Komplott, um die Bevölkerung zu vergiften. Oder Fasern unter dem Mikroskop werden als „Beweis“ interpretiert, dass irgendetwas Böses mit den Masken und Corona-Tests passiert.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Manche Menschen leugnen oder verharmlosen eine real existierende Pandemie, nämlich die Covid-19-Pandemie, die die Spitäler derzeit massiv unter Druck setzt. Aber gleichzeitig nehmen sie einen Krankheitserreger ernst, dessen Existenz von einem großen Teil der Fachwelt angezweifelt wird. 

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