Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

Gesellschaft
04/30/2021

#brodnig: Sorry, Farhad Manjoo!

Das Internet hat die Welt tatsächlich zum globalen Dorf gemacht – in dem nun wütende Schüler ihren Frust ausleben können.

von Ingrid Brodnig

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sind amerikanischer Kolumnist einer renommierten Zeitung (der „New York Times“), und sie schreiben eine Kolumne über das Problem, dass in Kalifornien Wohnen extrem teuer geworden ist – und dass Kalifornien eine neue Bauordnungsbestimmung braucht. Dann wird ihr Text in Nordrhein-Westfalen zum Abitur vorgelegt. Konkret ist es eine der Optionen, die die Schüler in Englisch zur Analyse wählen können.

Daraufhin kriegen Sie Tausende Kommentare auf Social Media: von deutschen Jugendlichen, die Ihnen erklären, Sie hätten ihr Leben zerstört. Oder die sich bedanken für den Text, den sie gerne in der Prüfung besprechen würden. Das ist dem Kolumnisten Farhad Manjoo passiert. Er wurde überschwemmt mit Postings aus Deutschland. Ein Abiturient schrieb zum Beispiel: „Ur article fucked my final exams thank you for nothing.“ Woraufhin Manjoo freundlich zurückschrieb: „oh I am so sorry.“

Der Vorfall zeigt: Zu einem gewissen Grad ist die Welt tatsächlich ein globales Dorf geworden, wie es der Medientheoretiker Marshall McLuhan einst ankündigte. Mit nur ein paar Klicks können sich Schüler bei den Autoren bedanken oder beklagen, deren Inhalte in Prüfungen vorkommen. So ein Feedback blieb Schriftstellern wie Ernest Hemingway oder Virginia Woolf erspart.

Fairerweise sollte man zum Frust der Schüler eines anmerken: Tatsächlich ist der Text aus der „New York Times“ ohne Vorwissen gar nicht so leicht zu verstehen. Denn Manjoos Kolumne behandelt den US-amerikanischen Hang zu riesigen Häusern – selbst in Zeiten enorm gestiegener Wohnungspreise. Es handelt sich um ein komplexes Thema, bei dem nicht nur Sprachkenntnisse hilfreich sind, sondern auch ein tiefer gehendes Verständnis aktueller amerikanischer Debatten. Leicht hatten es die Abiturienten mit der Aufgabe in meinen Augen nicht (dafür kann Farhad Manjoo aber nichts).

Das Internet bietet Menschen die Chance, dass sie sich bei Wildfremden ganz unverhofft zurückmelden – der Journalist Manjoo geht jedenfalls souverän mit der Situation um. Man merkt ihm an, dass er sich in die Lage der Schülerinnen und Schüler hineinversetzen kann. Sorry an Farhad Manjoo, dass er zum Blitzableiter des Prüfungsfrustes wurde. You are handling it well!

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