Selfpublishing, das Publizieren von Texten ohne klassischen Buchverlag, boomt – von „Amazon Kindle Direct Publishing“ über „epubli“ und „Tolino Media“ bis „Tredition“. Allein „Books on Demand“ (BoD), einer der führenden digitalen Buchlogistikbetriebe, veröffentlichte bislang über 70.000 Autorinnen und Autoren sowie 140.000 Titel.
„Ein unkuratiertes PDF hochzuladen und damit zu publizieren, halte ich für problematisch“, sagt Steiner mit säuerlichem Gesicht. „Selfpublishing ohne begleitende Infrastruktur, die grundlegende Qualitätsstandards absichert, wird dem Medium Buch nicht gerecht.“ Steiner kann lange über die Technik sprechen, die hinter „Story One“ steckt. Er sagt dann Sätze wie diesen: „Technisch setzt die Plattform auf neurosymbolische KI – eine Verbindung aus symbolischer, also logisch prüfender KI, und neuronalen Sprachmodellen.“ Am Ende wirft der AI-Automat ein mit ISBN versehenes Hardcover im Umfang von 80 Seiten und 17 Kapiteln aus, das jederzeit als Print-on-Demand verfügbar ist. Jede Buchhandlung kann Story-One-Titel bestellen. Der Mediengrossist Thalia und BoD sind mittlerweile mit Minderheitsbeteiligungen bei der Wiener Schreibplattform eingestiegen.
„Wir sehen die Verlagswelt als Partner“, sagt Steiner im Kaffeehaus. „Wir verbinden menschliches Wissen mit Narrativen, Schreibstile mit Zielgruppen. So entstehen Inhalte, die sinnvoll strukturiert, gut lesbar und zugleich merkfähig sind. KI verstehen wir dabei als Mehrwert, der Ordnung in lose Dinge bringt.“
Und die Vorbehalte gegenüber der künstlichen Intelligenz? „Wir bieten KI als Werkzeug an, die Verantwortung bleibt bei den Autorinnen und Autoren. Ein Buch zu schreiben, heißt immer auch, Position zu beziehen. In manchen Bereichen kann KI sogar ein Qualitätsmerkmal sein – entscheidend ist nicht das KI-Label.“ Es sind programmatische Sätze über eine Software, die am Tag darauf innert Stunden ein Sachbuch zum Phänomen Bestseller ausspucken wird.
Das Programm
Ein animiertes Zeichenmännchen mit fliegender Haartolle ist auf der Website story.one der Cicerone durch das Schnellschreibprogramm, das einem flugs das Du anbietet. „Beschreibe mir, worum es in deinem Buch geht“, will der nicht nur frisurtechnisch flotte Story Editor zu Beginn wissen: „Deine allgemeine Beschreibung hilft mir, die grundsätzliche Richtung zu verstehen.“
Wer Bücher liest, kommt an Bestsellern nicht vorbei. Nicht immer landen die besten Bücher auf den Verkaufsrängen. Ein Platz auf der Bestsellerliste ist kein Qualitätsmerkmal. Die Bestsellerformel, nach der sichere Verkaufshits zu fabrizieren wären, gibt es natürlich nicht. Bestseller fallen nicht vom Himmel. Sie werden gemacht. Vom 2011 verstorbenen Schweizer Verleger Daniel Keel heißt es, er habe nach der Lektüre der ersten Manuskriptseite gewusst, ob das Buch ein Bestseller wird. Maschinen haben das nie geschafft.
Alsdann, verehrter Story Editor, es soll ein Buch über Bestseller werden. Hier meine allgemeine Beschreibung: „Bestseller sind ein wichtiges Phänomen auf dem internationalen Buchmarkt. Was macht einen Bestseller aus – und gibt es tatsächlich eine Bestsellerformel?“ Rückfrage vom Editor: „Wie kann ich deinen Inhalt während der Generierung bestmöglich unterstützen?“ – Die Wahlmöglichkeit „umfangreiche Recherche“ angeklickt, unter vielen weiteren Möglichkeiten. Nächste Frage: „Was ist der gewünschte Schreibstil?“ – die Option „Sachlich-strukturiert (mit Fallbeispielen)“ macht das Rennen. Ferner können die Tonalität, der Blickwinkel, aus dem das Buch erzählt werden soll, die Zielgruppe bestimmt werden.
Zum zentralen Zeremoniell gehört der folgende Schritt. Jetzt werden die Inhalte hochgeladen, in unserem Fall rund 20 PDF-Dokumente: eine Studie zum internationalen Leseverhalten, Wikipedia-Einträge zum Thema, Zeitungsporträts über Bestsellerautorinnen und Buchautoren mit Millionenauflage, ein Magazinbeitrag mit Titel „Der Bestseller-Code“. Es kommt der Moment, da sind alle Auswahlkästchen geklickt, alle Optionen gewählt.
Dann munteres Kopfwackeln des animierten Editors: „Wir arbeiten gerade an deinem Exposé. Dabei wird dein Inhalt geprüft und als Grundlage für den Vorschlag verwendet.“ Es ist Dienstagvormittag, 10.16 Uhr, das KI-Aggregat fährt hoch, um ein Buch über Bestseller zu generieren. Ich schreibe, ohne zu schreiben. Gute zwei Stunden später, 12.18 Uhr. Das Exposé steht zur Ansicht bereit, die allwissende KI fabriziert den Buchtitel: „Der Bestseller-Code. Ein Irrtum“. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, um einzugreifen. „Story One“ unterbreitet das Exposé als Entwurf, der Wort für Wort vom User neu- oder umgeschrieben werden kann. Nicht in unserem Fall. Lass die Maschine machen!
Zwei Stunden später. Das fertige Buch landet mit einem „Bing!“ als PDF im E-Mail-Eingang, samt Cover, Autorenbiografie, Klappentext, Schmeichelsatz auf dem Buchrücken: „Wolfgang Paterno öffnet den Blick auf die Strukturen, die Bücher sichtbar machen, und auf die Zufälle, die sich nicht planen lassen.“ Aha.
Binnen zweier Tage ist das gedruckte Buch „Der Bestseller-Code. Ein Irrtum“ im Postkasten.
Die Maschinen sind uns nicht mehr nur dicht auf den Fersen. Sie rennen im lockeren Trab vor und neben uns her, überholen uns, wann immer es ihnen passt. KI regelt Ampeln, hilft beim Einparken, empfiehlt Netflix-Serien, entsperrt Handys – und schreibt Bücher. Ghostwriters große Geisterstunde.
Das Buch
Da liegt es nun. „Der Bestseller-Code. Ein Irrtum“, mein Buch, das ich nicht geschrieben habe, ist ein durchwachsenes Opus, um das Mindeste zu sagen. Auf den ersten Seiten findet sich der dezente Hinweis: „Dieses Buch basiert auf den eigenen Inhalten des Autors. Zur Strukturierung und Textarbeit wurde eine KI-gestützte Anwendung eingesetzt. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor.“ Man taucht tief in Graubereiche ein, lässt man sich Bücher von Maschinen schreiben.
Bemerkenswert zuallererst, wie die Maschinenintelligenz aus disparatem Material „Aussagen“ und „Gedanken“ zusammenpuzzelt. Wie der Text, angetrieben von Algorithmen und Datenbanken, im Verlautbarungston daherkommt, ohne ins Stammeln zu verfallen. Wie aus eingespeistem Rohstoff bei großzügiger Betrachtung ein Sachbuch entsteht. Die KI bewältigt ein erstaunliches Vielerlei an Aufgaben und Herausforderungen. Es ist ein Anfang. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.
„Ein Bestseller ist kein Naturereignis“, so hebt mein Buch an: „Er ist das Ergebnis eines Geflechts aus Metriken, Gewohnheiten und Erwartungen.“ Gekauft. Was indes die Verslehre mit dem Verkauf von Büchern zu schaffen hat, weiß allein mein Editor mit der Wackelfrisur. Nach dem Hochgeschwindigkeitseröffnungssatz beginnt mein Buch merklich zu schwächeln: „Ich habe gesehen, wie Bücher aufsteigen und verschwinden. Der Moment, in dem ein Titel auf eine Liste springt, ist selten Entdeckung, meist Beschluss.“
Und weiter geht’s: „Wird ein Debüt über Nacht sichtbar, waren Programmkonferenzen, Marktbeobachtung und entschlossene Vertriebsentscheidungen vorausgegangen. Bestseller entstehen an Schnittstellen – zwischen Inhalt und Markt, Schreiben und Sichtbarkeit, Hoffnung und Kalkulation.“ Ich stelle mir meinen Ghostwriter bei solchen Passagen gern mit Pokerface vor.
Wahlweise als angesäuselten Oberstudienrat: „Titel, Cover, Haptik und Timing bilden ein System taktischer Mikro-Hebel. Wirksam sind jene, die konsistent zusammenspielen. Auch Details wie Metadaten oder Farbdefinitionen beeinflussen Sichtbarkeit im digitalen Vertrieb. Die Formel bleibt einfach: Verpackung öffnet Türen, doch hineintragen muss der Stoff.“ Oft genug plappert der Blechtrottel schieren Unfug.
Und die Bestsellerformel? „Wenn es eine Formel gäbe, hieße sie: Glück hat Struktur“, notiere ich, ein Rädchen im KI-Maschinenraum, in meinem Buch, das ich nie geschrieben habe.