Marvin Würzner
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Das Geschäft mit unsicheren Männern: Zu Besuch bei einem Looksmaxxer

In der Welt der Looksmaxxer gilt Aussehen als wichtigstes Gut. profil hat Marvin getroffen, der zwischen Selbstoptimierung, Coaching und KI-Beratung ein Leben rund um dieses Ideal aufgebaut hat.

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Zwei Stunden Autofahrt von Wien entfernt, im südlichen Burgenland, in einer Marktgemeinde mit etwas über 1500 Einwohnern wohnt der wahrscheinlich einflussreichste Schönheitscoach für junge Männer des Landes. Hier, in dem Neubau-Einfamilienhaus seiner Eltern, befindet sich das Hauptquartier von Marvin Würzner alias „Marv Maxxed“. Im hellen Wohnzimmer, wo er normalerweise Coachings gibt und anderen jungen Männern unter anderem beibringt, wie sie hübscher werden, trifft profil den 26-Jährigen auf ein Zitronenwasser – und einen Einblick in die Welt der Looksmaxxer. In seinem Kinderzimmer filmt er „Motivationsvideos“. Im Bad nebenan macht er täglich 15 Minuten lang Gesichtsübungen, die ein markanteres, maskulineres Gesicht versprechen. In der Dusche im Garten duscht er täglich kalt. 

Marvin Würzner ist groß – dass ihm sein Äußeres sehr wichtig ist, merkt man auf den ersten Blick. Die Haare haben blonde Strähnen und sind perfekt nach hinten gegelt, der Teint gebräunt, sein weißes Leinenhemd hat er fast ganz aufgeknöpft, sodass seine frisch rasierte Brust zum Vorschein kommt, seine trainierten Arme sind tätowiert.

Marvin Würzner ist ein professioneller Looksmaxxer.

Ein was? 

Looksmaxxer sind Männer, die versuchen, ihr Aussehen und ihr Auftreten zu maximieren – also immer hübscher werden wollen. Beziehungsweise, so wie Marvin es gesagt hat: „Discover and develop your inner and outer appearance“ (Deutsch: Entdecke und entwickle dein inneres und äußeres Erscheinungsbild). Im Laufe des Interviews verwendet er immer wieder englische Begriffe und Floskeln, es wirkt so, als würde er andere Influencer oder berühmte Persönlichkeiten zitieren.

Dafür greifen sie auch zu teils gefährlichen Methoden: Neben Gesichtsmassagen, kalten Duschen und täglichen Trainings, wie Marvin sie macht, zählt auch „Bone Smashing“ zum Looksmaxxing-Repertoire. Das bedeutet, dass man mit absichtlich schweren Gegenständen auf die eigenen Gesichtsknochen einschlägt, um Mikrorisse in den Knochen zu erzeugen. Das würde laut einigen Looksmaxxern dazu führen, dass die Knochen kantiger und härter zusammenwachsen würden. 

Es empfiehlt sich auf keinen Fall, diese Methode nachzumachen. Laut Medizinern gibt es keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass „Bone Smashing“ dazu führen würde, das Gesicht vorteilhaft zu formen. Stattdessen riskiert man damit Knochenbrüche, Nervenschäden oder dauerhafte Entstellungen. 

Looksmaxxer Marvin Würzner
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„Wenn ich als Mann ein Meter 55 bin, bin ich mein ganzes Leben lang insecure. Da kann ich mir noch so viele Affirmationen ins Gesicht fetzen. Irgendwann kommt einfach der Punkt, wo ich einsehen muss: Ich bin zu klein.“

Marvin Würzner, Looksmaxxing-Coach

Operations-maxxing

Um schön auszusehen, zertrümmern manche Männer nicht nur ihr Gesicht mit einem Hammer, notfalls legen sie sich auch unters Messer. Nasen-OPs, Beinverlängerungen oder Kieferoperationen gehören für viele Looksmaxxer längst zum Lifestyle. Ein besonders prominentes Beispiel ist hier der Influencer Clavicular aus den USA. Der Amerikaner macht kein Geheimnis draus, sich komplizierten OPs zu unterziehen – wie beispielsweise einer Beinverlängerung, bei der die Knochen kontrolliert getrennt und anschließend langsam auseinandergezogen werden, sodass sie neu und länger nachwachsen. Oder: einer Kiefer-OP, bei der der Kiefer chirurgisch versetzt wird. 

Brutale Looksmaxxing-Praktiken wie „Bone Smashing“ sind für Marvin ein klares No Go. Dass Männer sich komplizierten Operationen wie Beinverlängerungen unterziehen, kann er allerdings nachvollziehen: „Mal ehrlich, wenn ich als Mann ein Meter 55 bin, bin ich mein ganzes Leben lang insecure. Da kann ich mir noch so viele Affirmationen ins Gesicht fetzen. Irgendwann kommt einfach der Punkt, wo ich einsehen muss: Ich bin zu klein.“ 

Vergangenes Jahr flog Marvin selbst nach Istanbul, um sich seine Nase operieren zu lassen. Einerseits, weil er durch seine schiefe Nasenscheidewand schlecht atmen konnte, andererseits, um sich seinen Höcker entfernen zu lassen. 

Marvin Würzner
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Marvin Würzner
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Marvin Würzners Zimmer
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Marvin Würzners Zimmer
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Looksmaxxing ist ein Neologismus, der in den 2010er Jahren aus der Incel-Szene heraus entstanden ist. Incel ist eine Kombination aus den Worten „involuntary“ und „celibate“, bedeutet also unfreiwilliges Zölibat: Es geht hier um Männer, die wider Willen keine Beziehung und keinen Geschlechtsverkehr mit Frauen haben. Die Schuld für ihr Single-Dasein geben sie Frauen und dem modernen Feminismus. Diese Ideologie führte weltweit bereits zu vielen Morden und Gewalttaten, bei denen gezielt Frauen Opfer waren. Sicherheitsbehörden wie HateAid stufen Incels als ernstzunehmende und immer größer werdende Gefahr für die Gesellschaft ein. 

Im Gegensatz zu Incels sehen Looksmaxxer sich selbst nicht als „Opfer von Frauen“, sondern versuchen Frauen zu „erobern“, indem sie ihr Aussehen maximieren. 

Im profil-Interview erzählt Marvin, dass er keine Ahnung davon hatte, dass Looksmaxxing aus der Incel-Szene kommt. Er ist allerdings der Meinung, dass es zu viele frauenfeindliche Looksmaxxer in der Szene gibt. Der Burgenländer selbst hat eine Freundin und führt eine monogame Beziehung mit ihr – auf Augenhöhe, wie er versichert.

Andrew Tate-maxxing

Von frauenfeindlichen Influencern wie Andrew Tate distanziert er sich trotzdem nicht. Im Gegenteil. „Andrew Tate ist für mich jemand, der in vielen Punkten einfach die Wahrheit ausspricht. Ich glaube, dass die Masse in der Gesellschaft an der Nase herumgeführt wird. Warum müssen wir in die Schule gehen und alle dasselbe lernen? Warum können wir nicht auf Individualität Wert legen?“, fragt er sich. Er bewundert sein „out of the box“-Denken und seine Ehrlichkeit. Dass Andrew Tate wegen der Vorwürfe auf Menschenhandel, organisierter Kriminalität und Vergewaltigung in Rumänien im Gefängnis saß und offen frauenverachtend ist, ist Marvin egal: „Ich will mich mit anderem beschäftigen, als mit dem, was frauenfeindlich ist und was nicht. Ich bin es schließlich nicht.“ An den Wänden von Marvins Kinderzimmer hängen viele Zettel mit handgeschriebenen Zitaten, Motivationssprüchen und Zielen, die er erreichen möchte – darunter sieht man auch Zitate von Andrew Tate.

Punkte-maxxing

Immer wieder erwähnt er trotz allem, wie viel wichtiger es sei, sich mit seinem Inneren zu beschäftigen, als sich nur auf sein Aussehen zu fokussieren. Schaut man sich Marvins Social Media Profile an, vermitteln die ein ganz anderes Bild: Da findet man nämlich vor allem Fotos von ihm selbst – oft oben ohne und mit angespannten Muskeln – oder Videos, in denen er seine Schönheits- und Trainingsroutinen teilt, mit den Aufrufen an seine Follower, diese nachzumachen, um hübscher zu werden.

In seinem TikTok-Profil hat er außerdem „Marv Chad AI“, eine eigens programmierte Seite verlinkt, in der man Fotos von seinem Gesicht hochlädt, um sie von einer KI anhand eines Punktesystems beurteilen zu lassen. Asymmetrisches Gesicht, Übergewicht – ein Punkt; symmetrisches Gesicht, prägnante Wangenknochen, dichter Haaransatz – neun Punkte. Ob die Bewertung nach einem Punktesystem das Selbstbewusstsein junger Männer negativ beeinflusst? „Punkte an sich sind ja nichts Schlimmes, die gibt es auch in anderen Bereichen, zum Beispiel beim BMI“, so Marvin. Als idealen Mann nennt er in seinen Videos immer wieder den britischen Schauspieler Henry Cavill, doch auch der habe sich in letzter Zeit gehen lassen, findet er.

Persönlichkeits-maxxing

Persönlichkeitsentwicklung spielt in Marvins „Looksmaxxing“-Coachings neben Schönheitseingriffen eine große Rolle, bringt allerdings keine Klicks: „Ich habe über Persönlichkeitsentwicklung gesprochen und auf TikTok 1000 Views bekommen. Erst als ich mit Looksmaxxing-Content begonnen habe, kam die Aufmerksamkeit“ erzählt der Burgenländer: „Ich will meinen Followern in nächster Zeit aber klar machen: Looksmaxxing ist das eine, aber am Ende des Tages kommt es auf dein Inneres, dein Charisma an.“

Was er seinen Fans allerdings nicht mitgeben möchte, ist, bei psychischen Erkrankungen zum Psychiater zu gehen und Psychopharmaka zu nehmen. Laut Marvin existieren psychische Krankheiten wie Depressionen oder Burnout nämlich gar nicht: „Es geht nicht um Medikamente. Es geht darum, die Wurzel deines Problems zu finden. Darum, die Glaubenssätze, die eigenen Prägungen herauszufinden und an denen zu arbeiten.“

Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Burnout sind sehr wohl Krankheiten, die medizinisch behandelt werden sollten. Bei Symptomen wie Antriebslosigkeit, innerer Leere oder Schlafstörungen sollte man keineswegs zögern und so schnell wie möglich einen Arzt aufsuchen. Alternativ kann man auch bei der österreichweiten Telefonseelsorge unter 142 anrufen.

Zweifel-maxxing?

Während des Besuchs bei Looksmaxxer Marvin fällt auf, dass der 26-Jährige selbst immer wieder mit der Szene hadert. Mit einigen Ideologien und Meinungen, wie den selbstverletzenden Praktiken und vielen misogynen Standpunkten stimmt er nicht überein. Dennoch sympathisiert er mit höchst problematischen Personen wie Andrew Tate und predigt Ideologien, die wissenschaftlich falsch und gefährlich sind. 

Es ist 14 Uhr. Marvin hat gleich ein Coaching. Neben seiner Tätigkeit als Looksmaxxer berät er auch Unternehmen mit KI-Tools, verspricht ihnen, ihren Umsatz zu steigern. Es ist ein Familienunternehmen: Seine Mutter ist laut Wirtschaftscompass (APA) die Geschäftsführerin der Firma. Das Zitronenwasser ist ausgetrunken, es wird Zeit, zurück nach Wien zu fahren. Und sich die Wangenknochen nicht mit einem Hammer einzuschlagen. 

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.