Tägliches Gift
Mit seiner hohen Stirn und der filigranen Halbrandbrille sieht er aus wie ein Universitätsprofessor im Unruhestand. Weiss ist 76 Jahre alt. Oft ruckelt er seine Brille auf der Nase zurecht, ein Hin und Her zwischen freundlich und skeptisch gefasstem Blick, jovialer Umgänglichkeit und null Altersmilde. Um das zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückschauen in seiner bewegten Biografie, ganz an den Anfang, als Weiss vor der Entscheidung stand, Verbrecher oder Journalist zu werden.
Der Professor am psychologischen Institut der Universität Innsbruck riet Weiss seinerzeit, für die anstehende Doktorarbeit als Kleinkrimineller undercover ins Gefängnis eingeliefert zu werden, um die psychologische Ausnahmesituation im Knast adäquat beschreiben zu können. Gefängnisaufenthalt und Ganovenlaufbahn sind es am Ende doch nicht geworden. Die dunkle Seite der menschlichen Natur hat Weiss dennoch nicht mehr losgelassen.
Seine erste Freundin wurde zur Terroristin, für seine Recherchen verwandelte sich Weiss wallraffmäßig in Pharmavertreter, Manager, Export-Import-Händler. Mit Co-Autoren, mit denen er sich längst bis aufs Blut zerstritten hat, veröffentlichte er Sachbuchbestseller in Serie: „Bittere Pillen“, „Gesunde Geschäfte“, „Gift-Grün“, „Kursbuch Gesundheit“, „Tägliches Gift“. Weiss schrieb Romane („Kulissen des Abschieds“) und Untersuchungsberichte („Tatort Kinderheim“), publizierte Tagebücher („Mein Vater, der Krieg und ich“) und Fotobände („Die Leute von Langenegg“, „Das Paradies meines Vaters“). Mehr als fünf Millionen Bücher hat er verkauft. 1989 war Weiss einer der Herausgeber der deutschen Erstausgabe von Salman Rushdies „Satanischen Versen“ im eigens gegründeten „Artikel 19 Verlag“, benannt nach dem Paragrafen zur Meinungsfreiheit in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
Noch im selben Jahr verkündete der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini ein Todesurteil – eine Fatwa – gegen den britisch-indischen Romancier und gegen alle Personen und Institutionen, die sich an der Verbreitung des Buches beteiligt hatten. Seit damals steht Weiss auf der Todesliste der Religionsfanatiker.
Mit über 100 Klagen und Klagedrohungen war Weiss konfrontiert, die Hunderte Regalmeter an Ordnern nach sich zogen. „Ich bin nie verurteilt worden, kein einziges Mal“, sagt er mit hochfahrendem Stolz. Ein Satz, der zu einem Refrain seines Lebens geworden ist. „Hans im Glück“, lacht Weiss. Hans ging im Märchen in die weite Welt hinaus, tauschte einen Goldklumpen gegen ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, einen Wetzstein ein, ehe er mit leeren Händen dastand. „So glücklich wie ich, rief er aus, gibt es keinen Menschen unter der Sonne“, ist im Märchen zu lesen. Mit der Fabel vom unbedarften Vornamensvetter kann Weiss viel anfangen. „Zugleich war ich Hans Guck-in-die-Luft. Ich hatte so gut wie nie einen Lebensplan, lebte gern in den Tag hinein. Der Zufall war der wichtigste und treueste Begleiter meines Lebens.“
Begrenzter Horizont
Fotos in „Aufgedeckt“ zeigen Weiss als Psychologiestudent mit Mähne und Vollbart, den er wie ein Manifest gegen alles trug, was zurechtgestutzt und angepasst war. Künstler wollte er werden, an der Wiener Kunstakademie, an der er die Aufnahmeprüfung machte, sah man das anders. Die Menschen in Hittisau hielten Weiss für einen Träumer, und in gewisser Weise ist er das bis heute geblieben. Eine Prise Pathos sei an dieser Stelle erlaubt: Über seiner Arbeit schweben bis heute der Versuch und das Versprechen, die Welt dereinst in einem besseren Zustand zu verlassen, als sie Klein-Hans bei seiner Geburt 1950 im Bregenzerwald vorgefunden hatte.
„Man ging zur Kirche, sündigte, beichtete, betete, heiratete, bekam Kinder, zog sie groß, starb und wurde unter Teilnahme der Dorfbewohner begraben“, schreibt Weiss in seiner Autobiografie als Soziologie eines entschwundenen Daseins inmitten bergiger Landschaft: „Die Welt, in der ich aufgewachsen bin, war arm und klein. Es gab nur das Dorf, die Nachbardörfer, die Hügel, die Wiesen, die dunklen Wälder, den Himmel und den von Bergen begrenzten Horizont. Und die Leute im Dorf, zäh, stur und eigensinnig.“ Später lebte Weiss in London und New York, in möglichst weiter Ferne zum Bregenzerwald.
„Mein Vater hat mich nicht gelobt – kein einziges Mal“, notiert Weiss. „Der Bregenzerwald, meine Heimat, ist in dieser Hinsicht ein karges Land, ein seelisches Sibirien, in dem man sich mit der Redewendung zufriedengeben muss: Nichts gesagt ist genug gelobt.“
Weiss hat mit seinen Büchern und Titelgeschichten für Magazine wie „Der Spiegel“, „Stern“ und profil viele Branchen nachhaltig geärgert – und verändert: Pharma- und Chemieindustrie, Psychiatrie, Landwirtschaft, Justiz, Medizin, Pflege. Seine Recherchen und Enthüllungen hat er bis zu dem Punkt getrieben, an dem die Geschichten in Skandale und Eklats kippten.
In profil publizierte er 1976 die Sozialreportage „Aus dem Tagebuch eines Irrenwärters“ als Coverstory, illustriert vom Maler Gottfried Helnwein. Fast drei Monate lang hatte Weiss zuvor als Pfleger für seine Psychologie-Doktorarbeit im Rankweiler Schwerpunktkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie gearbeitet, landläufig „Valduna“ genannt, dem ein desaströser Ruf vorauseilte. Mit Gruselreim jagte man unartigen Kindern im Vorarlberg der 1970er- und 1980er-Jahre Angst ein: „Valduna, mach die Tore auf, der Peter kommt im Dauerlauf, er setzt sich gleich ins erste Bett, und meldet sich als Oberdepp!“
Der Bericht „Aus dem Tagebuch eines Irrenwärters“ enthüllte den Pflegenotstand einer Zeit, in der das Verdunkeln und Verleugnen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nahezu epidemisch war. Ein Gespräch mit Hans Weiss ist eine Reise in die tiefe Vergangenheit, und diese Vergangenheit ist kein schöner, warmer Ort. Der damalige „Valduna“-Leiter zürnte: „Wenn diese Dissertation sein Einstieg als Psychologe sein soll, kann ich ihm heute schon voraussagen, dass er im Leben immer Ärger haben wird. Außerdem wird diese Arbeit an der Psychiatrie kein Jota ändern.“ Es kam, wie man inzwischen weiß, anders.
Hans Weiss: Aufgedeckt. Ermittlungen gegen mich selbst. Buchschmiede, 284 S., EUR 25,-