Die Blackface-Debatte produziert absurde Auswüchse

Die aktuelle Blackface-Debatte produziert in Bezug auf eine geplante Festwochen-Inszenierung absurde Auswüchse, tendenziellen Alltagsrassismus am Theater sollte man aber trotzdem nicht leugnen.

Welchen schwarzen Theaterregisseur kennt jeder Burg-Abonnent? Gibt es einen schwarzen Bühnenstar, der beim schauspielervernarrten Wiener Publikum besonders beliebt ist? An banalen Fragen wie diesen zeigt sich, dass die deutschsprachigen Stadttheater noch immer weitgehend geschlossene Gesellschaften sind: elitär, bildungsbürgerlich und weltfern - also alles, was man eigentlich partout nicht mehr sein möchte. Die Theater ringen mehr denn je um gesellschaftlich relevante Themen, man macht Bürgertheater mit "echten“ Stadtbewohnern und bricht projektweise in soziokulturell vernachlässigte Stadtteile auf. Letztlich landet man aber oft nur im Klischee: beim Abendessen mit Asylwerbern, beim voyeuristischen Kurzbesuch in vermeintlichen "Problemvierteln“. Dabei ist es offensichtlich: Im Stadttheater gibt es einen strukturellen Alltagsrassismus. Migranten, Menschen mit anderer Hautfarbe als Weiß kommen so gut wie nicht vor - und wenn doch, dann sprechen andere über sie. Die derzeit neu aufgeflammte Blackface-Debatte, die sich mit der problematischen Repräsentation schwarzer Menschen durch Weiße mittels dunkler Schminke befasst, muss vor diesem Hintergrund gelesen werden. Sensibilitäten sind durchaus verständlich. Trotzdem ist auch die Frage berechtigt, ob es nicht verfehlt sei, die angekündigte Festwochen-Produktion "Die Neger“ des französischen Außenseiterdichters Jean Genet bereits im Vorfeld zu verurteilen, nur weil darin wahrscheinlich weiße Schauspieler schwarz geschminkt auftreten werden. Tappt man da nicht in eine ganz andere Falle - jene des Authentizitätswahns? Jeder darf nur repräsentieren, was er tatsächlich ist. Durch Cultural-Studies geschult meinen wir zu wissen, dass man als weiße Frau besser nur über weiße Frauenthemen reflektieren und am besten nicht über den engen soziokulturellen Tellerrand blicken sollte. Aber wird "Brokeback Mountain“ als schwule Erzählung zu einem schlechteren Film, nur weil sein Regisseur heterosexuell ist?

Auch im postmigrantischen Theater gibt es dieses Problem: Man möchte politische Versäumnisse nachholen und Türen öffnen, aber dafür sollten die Künstler gefälligst auch ihren Postmigrationsalltag problematisieren. Hat man als Migrant stets über Migration zu sprechen, als Homosexueller über Homosexualität? Das ist doch auch ein Zwangssystem. Mit Authentizität kommt man auf der Bühne ohnehin nicht weit, Theater ist Maske, Verstellung, eben nicht Wahrhaftigkeit. Das Theater ist erst dann im Alltag angekommen, wenn ein schwarzer Darsteller nicht mehr nur den Othello spielen darf, sondern ganz selbstverständlich auch den Hamlet gibt und keiner nach dem Warum fragt. Die Blackface-Debatte ist im deutschsprachigen Raum auch deshalb schwierig, weil es hier die "Minstrel“-Shows, in denen man sich über Schwarze stereotyp lustig machte, nie gab. Trotzdem ist sie wichtig, wenn man sieht, wie gedankenlos sich die Vertreter einer ganzen Stadt Schuh-crème ins Gesicht schmieren (so geschehen unlängst in der TV-Show "Wetten, dass ..?“) oder ein heimischer Comedian es lustig findet, auf dem Opernball den "Neger“ zu spielen. Das ist geschmacklos. Dem Regietheater aber sollte man mehr zutrauen. Schließlich kann, frei nach Judith Butler, Wiederholung auch Veränderung bedeuten. Nicht die Mittel sind schlecht, nur die Art ihrer Verwendung.