Die Finanzkrise am Burgtheater - ein österreichisches Sittenbild

Die Finanzkrise am Burgtheater - ein österreichisches Sittenbild

Hinter jeder Tür eine weitere: Der Eklat um die fehlenden Millionenbeträge am Burgtheater ergibt ein sehr österreichisches Sittenbild.

Eigentlich hätte die für vergangenen Donnerstag angesetzte Pressekonferenz im Wiener Hanuschhof, dem Sitz der Bundestheater-Holding, Klarheit in die finanzielle Misere des Burgtheaters bringen sollen. Überdeutlich wurde in den Erklärungen von Holding-Chef Georg Springer aber vor allem eines: An der Burg herrscht länger schon ein völlig überhitztes System, und die Causa um die nun angezeigte Ex-Vizedirektorin Silvia Stantejsky scheint der sprichwörtliche Tropfen gewesen zu sein, der das Fass endgültig überlaufen ließ. Springer jedenfalls gab einen bühnenreifen, in der Unterscheidung zwischen Gut und Böse aber nicht immer nachvollziehbaren Crashkurs in „kreativer“ Buchhaltung.
Sollte Elfriede Jelinek tatsächlich, wie kolportiert, ein Stück über die Burg-Krise schreiben, so wird sie sich über aktuelle Springer-Sätze wie diese freuen: „Es ist eigentlich pervers, aber der Beschäftigte wird vom Produkt beschäftigt.“ Arbeitsleistungen in Produktionen zu rechnen, sei ein Trick, den man hin und wieder anwenden könne, der aber nicht zum System werden dürfe. Rund 900.000 Euro der aktuellen Schulden beziehen sich darauf, dass Personalkosten zu gering budgetiert wurden; dies habe sich durch einen anderen „Trick“ gravierend verändert, der nun mit 5,6 Millionen Euro das Hauptloch ins Budget reißt. Springer kam nämlich 2008, gemeinsam mit den damaligen Wirtschaftsprüfern von PricewaterhouseCoopers, auf die Idee, Produktionen zwei Jahre länger als davor üblich bis zu maximal fünf Jahren abzuschreiben.

Absurde Annahme
Absurderweise begann diese neue Abschreibungspraxis ausgerechnet in einer Umbruchsphase: 2008/09 war die letzte Saison, die Klaus Bachler als Burg-Direktor absolvierte. Jeder Theaterpraktikant weiß, dass ein neuer Intendant möglichst wenige Produktionen seines Vorgängers auf den Spielplan setzt und selbst ein Repertoire aufbauen möchte. Warum begann man gerade zu jenem Zeitpunkt davon auszugehen, dass bestimmte Produktionen tatsächlich fünf Jahre lang erfolgreich laufen würden? Die Annahme war absurd, entbehrte jeder seriösen Grundlage. Zudem findet sich in den Papieren der Holding nun eine Anmerkung, die belegt, dass durch den Intendantenwechsel erhöhte Kosten entstanden: „Durch die Vielzahl an Neuproduktionen ist es ab dem Kalenderjahr 2010 tatsächlich zu einer angespannten Liquiditätssituation gekommen.“ Hartmann verteidigte auf der Pressekonferenz sein System, die Zuschauerzahlen in die Höhe zu treiben. Fraglich nur, ob sich Hartmann damit nicht in einer gefährlichen Spirale befindet: Er muss immer mehr produzieren, um die Zuschauernachfrage möglichst hoch zu halten. Premieren sind eben interessanter als Stücke, die schon lange laufen. Ob das tatsächlich keine erhöhten Produktionskosten bedingt, möchte man sich vom Burgtheater gerne noch einmal im Detail vorrechnen lassen.

Die vielen Widersprüche in der Burg-Affäre geben den Blick frei auf ein Sittenbild, in dem keiner so recht Verantwortung übernehmen möchte. Alle Beteiligten lagerten an verschiedene Stellen aus, was sie eigentlich selbst hätten besorgen sollen – und baten dann externe Unternehmen darum, festzustellen, wer wofür verantwortlich hätte sein können. Was aber, wenn nun auch die Prüfer wieder Prüfer bräuchten? Ein kafkaeskes System zeichnet sich ab, das viel Geld verschlingt und fragwürdige Ergebnisse produziert. Die Wirtschaftsprüfer der KPMG etwa haben die Burgtheater-Abschlüsse 2011/12 unbeanstandet akzeptiert, andererseits räumte einer dieser Prüfer in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ kürzlich ein, die Schieflage an der Burg hätte jedem auffallen müssen. Was denn nun? Warum schlug der von ihm zitierte „Hausverstand“ dann nicht rechtzeitig Alarm? Doppelgleisigkeit scheint als Tugend gerade hoch im Kurs zu stehen.

Die Bundestheater-Holding sollte ein effizientes Kontrollinstrument sein. Sie wirkt jedoch mitunter wie ein schwarzes Loch, in das drohende Defizite kurzfristig versenkt werden, um als massiver Schuldenberg irgendwann wieder aufzutauchen. Weitergewurstelt wird um jeden Preis. Erst lügt man sich mittels längerer Abschreibungsfristen schöner, als man ist, dann setzt man einfach das Stammkapital herab. Absurd auch, dass der beschuldigten Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, der „dolose“, also strafrechtlich relevante Handlungen vorgeworfen werden, der forensische Endbericht erst zehn Minuten vor der Pressekonferenz übermittelt wurde – und zwar nur in Auszügen, mit geschwärzten Namen, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu schützen, wie es von offizieller Seite hieß. Aber Stantejsky kennt die Namen doch, es sind ihre eigenen Aufzeichnungen. Wer soll da geschützt werden? Schließlich sind ungeschwärzte Auszüge längst in Zeitungsredaktionen gelandet.

Im Moment wirkt die Causa Burgtheater so absurd und so grausam wie ein surrealistischer Roman: hinter jeder Tür noch eine Tür, jede scheinbare Erklärung wirft neue Fragen auf. Und am Ende bleibt kaum etwas greifbar. Aber vielleicht hat ja genau dies auch Methode.

Foto: Alex Halada für profil