Ein ausgetrocknetes Feld 

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Gesellschaft
07/14/2022

Wiederholt sich die Jahrtausendhitze von 1540?

Kommt ein Katastrophenjahr wie 1540 wieder auf uns zu? Der Schweizer Klimahistoriker Christian Pfister ist besorgt.

von Christa Zöchling

Die Hitze staute sich über Mitteleuropa, Flüsse trockneten aus, der Wasserstand des Rheins war um die Hälfte gesunken, die Temperaturen erreichten an manchen Orten mehr als 40 Grad Celsius. Geschätzt starben 70.000 Menschen in diesem Sommer. Das war 2003. Und lang nicht so schlimm wie das Katastrophenjahr von 1540, in dem in West- und Mitteleuropa elf Monate lang die Sonne vom Himmel brannte und kein Tropfen Regen fiel. Während im Osten Europas Sturzfluten die Landschaften verwüsteten und eine unübliche Kälte herrschte, entzündeten sich im Westen und Süden die Wälder, Städte gingen in Flammen auf, Tierherden verendeten, große Flüsse wurden zu dünnen Rinnsalen und Seen zu grün schillernden giftigen Pfützen. Fische starben, das Grundwasser sank. Hunderte Chroniken und Berichte erzählen von dieser Zeit. Wenn sich ein Hoch über Monate hinweg festsetzt, könnte sich ein ähnliches Szenario heuer wiederholen, meint der renommierte Schweizer Klimahistoriker Christian Pfister im profil-history-podcast. Der Treibhauseffekt würde freilich alles vervielfachen.

Das Jahr 1540 erschien den Menschen wie ein Strafgericht, das sich angekündigt hatte. In Spanien und Italien hatte es von September 1539 weg kaum geregnet, Bitt-Prozessionen wurden abgehalten. Der Winter war verdächtig warm, kein Schnee, zu Weihnachten schwammen die Menschen im Rhein, die Blüte setzte viel zu früh ein, und der Frühsommer war die Hölle. Bald brannte es überall. Rauch und Ruß verschleierten die Sonne, ein Gestank lag in der Luft über Hunderte von Kilometern. Ernten blieben aus. Flussbette sahen aus wie rissige, von tiefen Furchen durchzogene Trockenäcker; in eineinhalb Meter Tiefe fand man beim Graben keinen feuchten Brocken Erde. Um über den Bodensee nach Lindau zu gelangen, brauchte es kein Boot mehr. Im Herbst, als die Gluthitze leicht zurückging, wurde aus verschrumpelten Trauben ein Wein gekeltert, der nach Berichten in einer Chronik süß und schwer schmeckte und im Glas wie reines Gold aussah.

Aberdutzende Städte brannten. Es war wie in einem Krieg. Die Verfolgungen begannen. Irgendjemand musste schuld daran sein. Nach heutigem Erkenntnisstand war ein Hochdruckgebiet von Portugal bis Nordosteuropa, verstärkt durch ein Azorenhoch, das elf Monate lang den Westwind blockierte, dafür verantwortlich. In Spanien waren in früheren Hitzesommern konvertierte Juden beschuldigt worden, in österreichischen Ländern die Türken, in deutschen Ländern flammte 1540 der Machtkampf zwischen Protestanten und Katholiken wieder auf.

Die Anhänger des Reformators Martin Luther beschuldigten katholische Grundherren, Landstreicher und Bettler dafür zu bezahlen, Häuser in Brand zu setzen. In Luthers Heimatstadt Wittenberg wurde ein Dutzend Männern der Prozess gemacht. Sie wurden gefoltert und gestanden, und ein immer größeres Netzwerk an sogenannten "Mordbrennern" tat sich auf. Immer neue Namen, eine immer größere Verschwörung. Diese Männer sollten zudem Verbündete einer "Hexe" gewesen sein. Sie wurden an eicherne Pfähle geschmiedet und bei lebendigem Leib verbrannt. Luthers Freund Lucas Cranach, der Maler und Bürgermeister von Wittenberg, hat die Szene in einem Holzschnitt verewigt.

Die Lebensmittelpreise kletterten nach oben, Menschen verhungerten, und an der Ruhr, die durch verunreinigtes Wasser ausbrach, starb geschätzt eine Million Menschen.

Der erste ergiebige Regen setzte erst wieder 1541 ein.

"Der menschengemachte Treibhauseffekt erhöht die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen, und Trockenheit im Süden ist oft Vorbote für andauernde Hitze im Norden des Kontinents" warnt Pfister.

Der profil-history-Podcast sucht die Spuren des Vergangenen im heutigen Geschehen. Er erscheint jeden zweiten Sonntag.

Christa Zöchling spricht mit Klimahistoriker Christian Pfister über die Dürre 1540 und warum sie wieder kommen könnte.