eatdrink: Kiang Wine & Dine

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Zwölf Schätze: China-Tapas und feine Weine im Wiener Klein-Paris.

Es lebt eine chinesische Familie in Wien, die das Zeitalter des Schwanschnitzens und Chop-Suey-Brutzelns, des radikalen Verzichts auf satisfaktionsfähige Weine und Misshandelns von Enten durch Feuerfolter beendet hat. Wer genau wissen will, wie es zuvor, im Paläozoikum der China-Restaurants in Wien, zuging, dem sei das wunderbare Gespräch empfohlen, das dereinst Hermes Phettberg mit dem Lebensmittelprüfer Hofrat Alfred Psota führte (gibt's auf YouTube). Aber zurück zur Familie.

Nun, eigentlich sind es zwei Brüder namens Thomas und Joseph Kiang. Als Veteran dieser Publikation darf ich schwärmend davon berichten, dass Thomas Kiang in den 1990er-Jahren ein chinesisches Restaurant in Dim-Sum-Wurfweite des damaligen Redaktionssitzes führte, in dem China plötzlich leicht und frisch, vor allem aber glutamatfrei schmeckte. Das war natürlich weder reinrassig Sichuan noch Hunan oder Kanton. Ansatzweise Aufspaltungen vollführten später der "Kaiserliche Thron" oder die "Goldenen Zeiten", moderne Fusionierungen der Regionalküchen Simon Xie Hong mit seinem "ON" und Jin Loh mit dem "Sinohouse". Da und dort, bei Jin Loh eben oder in der Nähe des Naschmarkts, gab's dann auch Peking-Ente, wie man sie in China oder zumindest in New Yorks Chinatown serviert bekam.

Fazit des kleines Exkurses: In Wien kann man mittlerweile ziemlich gut chinesisch essen. Und unumstritten gehören Thomas Kiangs jüngerer Bruder Joseph und seine Frau Li Chen zum Kanon. Vor Kurzem sind sie vom gentrifizierten Yppenplatz, wo sie eine Wein- und Häppchenbar der Schuhgröße 39 betrieben, in das Servitenviertel auf dem Alsergrund übersiedelt, jetzt immerhin Schuhgröße 43. Ich sage nur Klein-Paris, feine Gegend.

Auf die Gefahr hin, die kulinarischen Trolle der Foren und sozialen Medien hinter ihren warmen Öfen voller billigem Leberkäse hervorzulocken: Das Schöne an den neueren Wiener Chinesen ist ja, dass bei ihnen die Portionen immer kleiner werden. Weil nämlich ein Essen dort eine Entdeckungsreise ist, die gut durch ein Dutzend kleine Schüsseln und Teller führen kann, zwölf Schätze gewissermaßen. Starten wir also los: Wunderbarer, samtweicher Seidentofu mit Sichuanpfeffer, Sesamöl und Bonitoflocken sowie feuriger Mapo-Tofu, ein Gericht mit langer chinesischer Geschichte, zubereitet mit scharf gewürztem faschierten Rind, angeblich erfunden von einer mapo, einer pockennarbigen alten Frau im Jahr 1874, erklären schon mal, dass Tofu nicht gleich Tofu ist. Beides je ein Mal bestellen und teilen!

Zum Beispiel zwei Kleinigkeiten aus der Rubrik "Challenging" auf der Karte: glitzernd-glitschiger, aber ganz feiner Quallensalat mit Gurken und hauchdünn geschnittene Schweinsohren, die wie feine Streifen von Shitakepilzen aussehen, mit Zucchini -beides erfrischend säuerlich abgeschmeckt. Ganz große Klasse: ein bloß kinderfaustgroßer Burger mit gehacktem Schweinebauch und hauchdünn geschnittene, geschmorte Entenbrust (das heißt auf der Karte halt Carpaccio, meinetwegen) auf respektgebietend scharfem Jungkraut, bestreut mit -das ist der Kick - gelierten, naturgemäß also kalten Würfeln der Entensauce. Und weil eine letzte Schüssel immer noch geht - einige müssen hier gar nicht erwähnt werden, weil sie auf einer wechselnden Wochenkarte stehen -, fällt die Wahl auf butterzarte Kalbsleberstücke in pikant geschmortem Gemüse. Das hört sich etwas 08/15-mäßig an, aber die Sache ist wirklich rund und passt herrlich zum 2008er Teran von Roxanich aus Istrien, den man mal in eine Verkostung gehobener Südfranzosen schmuggeln sollte, falls das nicht eh schon wer getan hat. Man kann hier also auch wegen der Weine aufkreuzen - und finanziell überleben.

Kiang Wine & Dine

Grünentorgasse 19,1090 Wien Tel.: 0664/515 36 33 facebook.com/kiangwinebar Gerichte: 3 bis 13,80 Euro